Psychotherapeutin Sophia Fischer: «Egal wie blöd ein Kind tut – es hat trotzdem ein Recht, nicht geschlagen zu werden»
Familienleben
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Man kann die Situation mit so kleinen Kindern auch nicht besprechen.

Genau. Das macht die ganze Situation für Babys unberechenbar. Sie wissen nicht, ist es gleich vorbei oder geht es noch drei Stunden? Das ist Dauerstress.

Und ältere Kinder? 

Ältere Kinder haben mehr Möglichkeiten, sie sind meist viel aktiver, manche gehen dazwischen, wollen das betroffene Elternteil beschützen. Aber auch dieses Aktivsein schützt sie leider nicht vor den Folgen von Gewalt. Sie tragen ein erhöhtes ­Risiko, selbst verletzt zu werden, und sie übernehmen eine Rolle innerhalb der Familie, die eigentlich nicht kindgerecht ist. Man kann aber die Gewalt mit älteren Kindern besser besprechen, was ihnen bei der Verarbeitung des Erlebten enorm hilft. Oft sind es die Eltern selbst, die die Polizei rufen. Das ist dann etwas, was wir bei ihnen als gute Strategie ansprechen, denn im Akutfall muss auf jeden Fall die Sicherheit des Kindes gewährleistet werden. Man weiss nie, wie sich eine Gewaltsituation weiterentwickelt. Kinder sind so stark darauf angewiesen, dass Hilfe von aussen kommt.

Sie kommen nicht in dieser ­Akutsituation?

Nein, die Polizeiberichte werden der KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, Red.) zugestellt. Diese prüft, ob Kinder involviert sind und ob das Kindeswohl gefährdet ist. Wir bekommen dann von der KESB den Auftrag, einen Hausbesuch zu absolvieren, über den Gewaltvorgang zu reden und einzuschätzen, ob tatsächlich eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, der nachgegangen werden muss. Wir versuchen dann das Kind ins Zentrum zu stellen, herauszufinden, wie es ihm geht. Immer mit dem Wissen, dass die Gefahr besteht, dass es nichts dazu sagt. Die Bereitschaft der Eltern, ­Hilfe anzunehmen, ist sehr wichtig, denn von allein hört es meistens nicht auf. Die Not der Eltern, die hinter der Gewalt steht, sollte man gut anschauen.

Die Anforderungen an Eltern sind ­heute sehr, sehr hoch: Man soll sein Kind nicht anschreien, man darf nie richtig wütend werden, sollte ­möglichst geduldig bleiben. Was, wenn man das nicht schafft? Wann ist im Erziehungsalltag der Punkt ­gekommen, an dem ich mir als Mutter oder Vater Hilfe holen sollte?

Wenn man das Gefühl hat, man verliere die Kontrolle über das eigene Verhalten, wenn in einer Stresssituation die ganze Palette an möglichen Reaktionen ausgeschöpft ist und nur noch Schreien oder körperliche Gewalt bleibt. Das Gefühl «Ich kann mein Verhalten nicht mehr kontrollieren» ist ein wichtiges Alarm­signal. Wir haben in der Schweiz übrigens ein sehr gut ausgebautes Hilfsnetz an Beratungsstellen.
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Oder man spricht mit einer vertrauten Person, einer Nachbarin oder ­Freundin.

Ja. Und es wird oft unterschätzt, wie wichtig es für Kinder ist, dass man mit ihnen über diese Vorfälle redet und ihnen dadurch hilft, das Geschehene einzuordnen. Wenn Kinder diese Möglichkeit nicht haben, nehmen sie das Erlebte mit, und das kann unter Umständen problematisch werden. Kinder sind – gerade im Vorschulalter – so egozentrisch. Sie beziehen so viel auf sich und haben das Gefühl, die Welt drehe sich nur um sie. Daher müssen sie explizit hören, dass die Gewalt nicht in ihrer Verantwortung liegt. Sie haben keine Schuld. Egal wie blöd ein Kind tut – es hat trotzdem ein Recht darauf, nicht geschlagen zu werden.

Häusliche Gewalt während der Corona-Pandemie

Wie hat sich das Familienklima in der Schweiz in der Corona-Pandemie verändert? Kam es zu mehr häuslicher Gewalt? Das Departement Soziale Arbeit der Hochschule Luzern hat hierzu eine repräsentative Langzeitstudie lanciert und mit dem Umfrageinstitut gfs.bern schweizweit 1037 Personen nach ihrem Befinden während des Lockdowns im Frühling 2020 und während eines Zeitraums von vier Wochen im Sommer befragt. 

5,5 Prozent der Befragten gaben an, dass es bei ihnen während des Lockdowns zu innerfamiliärer Gewalt gekommen sei. Im Sommer ging der Wert leicht zurück auf 5,2 Prozent, allerdings wurde hier ein Zeitraum von nur vier Wochen betrachtet, im ­Vergleich zum doppelt so langen Lockdown. Eine deutliche Zunahme zeigte sich bei der Gewalt gegenüber Kindern: 4,5 Prozent der Befragten mit Kindern im gleichen Haushalt gaben an, während des Lockdowns Gewalt an einem Kind ausgeübt zu haben. Im Sommer waren es 5,6 Prozent. Am ­häufigsten wurde ­psychische Gewalt genannt – insbesondere wiederholte Beschimpfungen. Relativ wenige gaben an, Opfer körperlicher oder ­sexueller Gewalt geworden zu sein. 

Besonders betroffen waren Familien in schwierigen Einkommensverhältnissen und mit einem ­konfliktbehafteten Klima. Auch Personen, die ältere Angehörige pflegten oder während der Arbeit Kinder betreuen mussten, haben vermehrt von Gewalt berichtet. «Die Pandemie erzeugt keine neuen Risikofaktoren, sie wirkt bei bekannten ­Faktoren verstärkend», so Co-Studienleiterin Paula Krüger. Auch wenn es nicht so aussehe, als sei es im Frühjahr zum befürchteten starken Anstieg innerfamiliärer Gewalt gekommen, scheine die Krise Folgen für das Familienklima zu haben. «Die Resultate deuten darauf hin, dass die lange Dauer der Pandemie an den Nerven der Bevölkerung nagt, was zu mehr Spannungen und Konflikten bis hin zu Gewalt in den Familien führen kann.»

Quelle: www.hslu.ch

Lesen Sie mehr zur häuslichen Gewalt:

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  • Wenn Mütter zuschlagen
    Angriffe auf den Partner, Gewalt gegen die eigenen Kinder: Solche Taten werden auch von Frauen verübt – sind aber stark tabuisiert. Dabei würde eine vermehrte Thematisierung den Opfern helfen und wäre für die Prävention wichtig. Denn Müttergewalt hat oft andere Ursachen als Vätergewalt.

  • Unterwegs mit der KESB
    Sie gilt als das umstrittenste Amt der Schweiz: die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB. Für das Schweizer ElternMagazin öffnete die KESB der Stadt Bern einen Tag lang ihre Türen. Ein Einblick in die Arbeit der Menschen, die es scheinbar niemandem recht machen können.

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