Psychotherapeutin Sophia Fischer: «Egal wie blöd ein Kind tut – es hat trotzdem ein Recht, nicht geschlagen zu werden»
Familienleben

«Egal wie blöd ein Kind tut – es hat ein Recht, nicht geschlagen zu werden»

Die Psychotherapeutin Sophia Fischer stellt fest, dass die Spannungen im Familien­alltag seit Beginn der Corona-Pandemie zunehmen. Kommt es in Basel zu einer polizeilichen Intervention wegen ­häuslicher Gewalt, besucht sie im Auftrag der KESB die betroffenen Familien. Sie spricht über Schläge als Erziehungsmittel, überforderte Eltern und das Schweigen der Kinder.
Interview: Evelin Hartmann 
Bilder: Kostas Maros / 13 Photo
«Hallo, das hat ja gut geklappt», sagt die blonde Frau, deren Gesicht fast den ­ganzen Bildschirm ausfüllt. Es ist ein Dienstag­vormittag im Dezember 2020, die Empfehlung des Bundes lautet Home­office, Interviews werden grösstenteils digital geführt. So wie dieses Gespräch mit Sophia Fischer über häusliche Gewalt, ein Thema, das die Psychotherapeutin nicht nur in Pandemie-­Zeiten beschäftigt. Sie ist beim Kanton Basel-Stadt angestellt und leitet das Projekt «Erstinterventionen nach häuslicher Gewalt». «Ich hoffe, die Technik lässt uns nicht im Stich, wir sind zu Hause nicht so gut ausgestattet», sagt Fischer zu Beginn unseres Gesprächs. Doch das Interview läuft reibungslos, wie wir anderthalb ­Stunden später ­feststellen.

Frau Fischer, wie häufig sind Sie in Ihrem Berufsalltag mit Gewalt an ­Kindern konfrontiert?

Wenn die Polizei gerufen wird, dann aufgrund von Paargewalt. Aber man weiss: Wenn Paargewalt stattfindet, kommt es in 30 bis 60 Prozent der Fälle auch zu Gewalt an den ­Kindern. Nur sprechen die meisten Eltern nicht darüber, wenn die Polizei eintrifft, da sie sich schämen oder Angst haben, dass ihnen die Kinder entzogen werden.

Die Kinder sprechen doch sicher auch nicht mit der Polizei.

Richtig. Die Kinder befinden sich in einem grossen Loyalitätskonflikt und können nicht offen über das Erlebte reden. Es gibt aber durchaus betroffene Buben und Mädchen, die sich anderen Menschen wie Lehrpersonen, Schulsozialarbeitern oder Freunden anvertrauen. In diesen Fällen kommt die Gewalt ans Licht.
Sophia Fischer ist Psychotherapeutin mit Vertiefung Traumapädagogik und Traumatherapie und arbeitet im Kinder- und Jugenddienst (KJD) des Kantons Basel-Stadt als Leiterin des Fachbereichs Psychologie und als Leiterin des Projekts «Erstinterventionen nach häuslicher Gewalt» (Infos: Sophia.Fischer@bs.ch). Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Basel. Der KJD ­unterstützt, berät und informiert Kinder und Jugendliche und an der Erziehung beteiligte Personen. Entweder werden die Familien freiwillig begleitet oder durch eine Verfügung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB.
Sophia Fischer ist Psychotherapeutin mit Vertiefung Traumapädagogik und Traumatherapie und arbeitet im Kinder- und Jugenddienst (KJD) des Kantons Basel-Stadt als Leiterin des Fachbereichs Psychologie und als Leiterin des Projekts «Erstinterventionen nach häuslicher Gewalt» (Infos: Sophia.Fischer@bs.ch). Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Basel. Der KJD ­unterstützt, berät und informiert Kinder und Jugendliche und an der Erziehung beteiligte Personen. Entweder werden die Familien freiwillig begleitet oder durch eine Verfügung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB.

In einer Studie der Universität ­Freiburg, die von Kinderschutz Schweiz in Auftrag gegeben wurde, heisst es, dass ­hierzulande etwa jedes 20. Kind ­regelmässig körperlich bestraft wird.

Die Studie hat gezeigt, dass rund die Hälfte aller Eltern Körperstrafen anwenden, die meisten jedoch selten und wenn, dann vor allem körperliche Züchtigungen wie eine Ohrfeige oder einen Klaps auf den Po. Doch Schätzungen zufolge sind in der Schweiz etwa 130 00 Kinder regelmässig von Gewalt betroffen, teilweise auch von schwerer Gewalt wie Schlägen mit Gegenständen oder Fusstritten, ebenso von psychischer Gewalt.
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Betrifft das eher Buben oder Mädchen?

Da Buben in ihrem Verhalten oft aktiver und verhaltensauffälliger sind, werden sie auch häufiger körperlich gezüchtigt. Es stellt sich nur die Frage, ob sie aufgrund der Gewalterfahrungen verhaltensauffällig werden oder ob sie aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeit mehr Gewalt erfahren. Aber ich möchte an dieser Stelle betonen, dass es uns nicht nur um Gewalt geht, die an Kindern selbst ausgeübt wird. Viele Buben und Mädchen werden auch Zeugen von Paargewalt. In manchen Befragungen berichtete jeder fünfte Jugendliche, dass seine Eltern in der Vergangenheit gegenseitig Gewalt ausgeübt hätten. Was vielen nicht bewusst ist: Dieses Miterleben kann genauso negative Einflüsse auf die kindliche Entwicklung haben. Die Folgen sind ähnlich.

Dann lassen Sie uns in diesem ­Interview immer von beiden Formen häuslicher Gewalt sprechen, von ­Paargewalt und direkter Gewalt an Kindern. Welche Familien sind davon am häufigsten betroffen?

Häusliche Gewalt ist meist ein ­Thema in hochbelasteten Familien. Dort, wo Risikofaktoren wie Arbeitslosigkeit, finanzielle Sorgen, soziale Isolation aufgrund von Migration gehäuft vorkommen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu häuslicher Gewalt kommt, sehr viel grösser. Aber es kann genauso gut sein, dass in einer Oberschichtfamilie ein Elternteil psychisch erkrankt, was zu vermehrtem Stress und auch zu Gewalt führen kann. Die Frage, welche Konfliktlösungsstrategien wir erlernt haben und wie wir mit Stress umgehen können, ist grundsätzlich entscheidender als die Frage, welcher Schicht wir angehören. Aber es ist schon so: Viele betroffene Eltern, die wir zu sehen bekommen, stammen aus bildungsferneren Schichten, die finanziell schlecht dastehen.

Oder sie haben als Kind selbst Gewalt erlebt.

Richtig. Einige Betroffene kommen aus Ländern, in denen sie durch Krieg oder auf der Flucht Schreckliches erlebt haben. Aber es gibt auch viele hier in der Schweiz, die als Kind Gewalt erlebt haben – und bei denen das Risiko gross ist, dass sie später selbst Gewalt anwenden. In Stresssituationen greifen wir auf das Verhalten zurück, das wir gelernt haben. Diese Folgen versuchen wir den Eltern zu vermitteln: Buben, die geschlagen werden, üben häufig in späteren Beziehungen selbst Gewalt aus, und Mädchen ­finden sich in Beziehungen wieder, in denen ihnen Gewalt angetan wird.

Wann ist der Punkt erreicht, an dem ein Kind durch häusliche Gewalt ­Schaden nimmt, und mit welchen ­Folgen?

Die Folgen körperlicher Gewalt sind «dosisabhängig». Das heisst, eine grössere Intensität der Gewalt, die Kombination von verschiedenen Gewaltformen und eine längere Dauer des Gewalterlebens gehen mit schwerwiegenden Auswirkungen einher. Ausserdem reagieren Kinder häufiger mit Belastungen, wenn die Gewalt ausübende Person die eigene Mutter, der eigene Vater, sprich eine enge Bezugsperson ist.

Hängen die Folgen auch vom ­Entwicklungsstand des Kindes ab?

Das ist richtig. Schutzfaktoren spielen ebenso eine Rolle. Fördernde und schützende Faktoren wie ein stabiles, unterstützendes soziales Umfeld oder Erfahrungen von Selbstwirksamkeit beeinflussen positiv, wie Kinder mit Belastungen umgehen.

Wie meinen Sie das?

Gesetzt den Fall, das Kind hat grundsätzlich Vertrauen zu den Eltern und diese sprechen mit ihm über ihren «Ausraster» und entschuldigen sich dafür, dann hat das Kind ganz andere Möglichkeiten, dies zu verarbeiten, als ein Kind, mit dem die Gewalt nie thematisiert wird. Seine Eltern werden für das Kind unberechenbar und es bezieht das Geschehene auf sich selbst. Es wird die Schuld auf sich nehmen. Das stellt ein Risiko für eine ge­sunde Entwicklung dar.

Welche Risiken sind das?

Häufig haben diese Kinder Probleme damit, Emotionen zu regulieren, mit Stress konstruktiv umzugehen. Sie neigen beispielsweise zu Wutausbrüchen. Viele leiden unter Ängsten, Schlafstörungen, haben ein geringes Selbstwertgefühl, schämen sich. Wir haben Kinder, die auch in der Schule immer daran denken, was zu Hause passiert ist, und sich nicht konzentrieren können. Sie leiden unter Aufmerksamkeitsdefiziten, ihre Lernfähigkeit ist beeinträchtigt. In Freundschaften neigen diese Kinder zu gewalttätigen ­Auseinandersetzungen, was ihnen Schwierigkeiten bereitet. ­Diese Folgen müssen nicht sofort, sondern können Jahre später auftreten. Und ich möchte es noch einmal betonen: Wir sprechen jetzt nicht nur von den Kindern, die Gewalt am eigenen Leib erfahren, sondern auch von denjenigen, die miterleben, wie die Mutter oder das Geschwister geschlagen wird.

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