Familienleben

Warum Mütter nach der Geburt (nicht) arbeiten gehen

Die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt ist eng mit der Mutterschaft verbunden. Eine von Pro Familia Schweiz in Auftrag gegebene Studie zeigt den Zusammenhang zwischen Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Erwerbsquote von Müttern in konkreten Zahlen und zeigt Verbesserungsmöglichkeiten auf.
Text: Philippe Gnaegi, Pro Familia
Bild: pexels.com
Im nachfolgenden Text konzentrieren wir uns auf denjenigen Teil der Studie, der von der Universität Neuenburg verfasst wurde und sich auf zwei zentrale familienpolitische Themen fokussiert: Erwerbsunterbrüche von Frauen nach der Geburt eines Kindes und Beweggründe, warum Mütter wieder arbeiten – und warum nicht.
Nach der Geburt eines Kindes unterbrechen Frauen in der Schweiz im Durchschnitt während 9,2 Jahren ihre Karriere.
Während sich viele ausländische Studien mit den Auswirkungen von Karriereunterbrüchen auf das Gehalt befassen, sind für die Schweiz in diesem Zusammenhang noch keine Daten verfügbar. Die hier vorgestellte Studie schliesst diese Lücke. Für betroffene Frauen geht ein mutterschaftsbedingter Arbeitsunterbruch mit einer verlangsamten Steigerung des Gehalts und der beruflichen Erfahrungssammlung einher.

Die Dauer der Berufspausen in der Schweiz ist beachtlich: Frauen, die ihre Karriere unterbrechen, tun dies durchschnittlich für 9,2 Jahre – der durchschnittliche Unterbruch für Personen mit Hochschulabschluss beträgt 6,7 Jahre; für Frauen ohne Ausbildung 12,1 Jahre. Frauen mit tertiärem Bildungsabschluss unterbrechen ihre Karriere weniger häufig (38 Prozent gegenüber einem Durchschnitt von 50 Prozent aller Frauen). 

Die Dauer der Unterbrechung hängt unter anderem von der Anzahl der Kinder ab. So kehren Mütter mit einem Kind durchschnittlich 4,9 Jahre nach dem Verlassen des Arbeitsmarktes an ihren Arbeitsplatz zurück.

Frauen entgeht eine halbe Million, der Wirtschaft 800 Millionen Franken

Paradoxerweise scheinen Lohneinbussen hauptsächlich Frauen zu betreffen, die über einen Hochschulabschluss verfügen. Für Hochschulabsolventinnen beträgt die Lohneinbusse 3,2 Prozent pro Jahr der Unterbrechung bzw. 21,7 Prozent für die gesamte Dauer der Unterbrechung.

Geht man von einer 25-jährigen Karriere aus, entspricht dies rund einer halben Million Franken. Aus volkswirtschaftlicher Betrachtung wird der Produktions- und Einkommensverlust auf 800 Millionen Franken jährlich geschätzt. Dieser Verlust könnte durch verbesserte Kinderbetreuungsmöglichkeiten ausserhalb der Familie weitgehend vermieden werden.

Kosten und Verfügbarkeit von Kindertagesstätten

Ein zentrales Ziel dieser Studie war es, den Zusammenhang zwischen den Kosten der Kinderbetreuung sowie der Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsplätzen und der beruflichen Tätigkeit von Müttern in der Schweiz zu messen. Die Studie hat einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit von Betreuungsplätzen und der Erwerbsquote von Müttern festgestellt. Kurz gesagt: Eine Politik, welche den Zugang von Familien zu Kinderbetreungsplätzen fördert, ermöglicht Müttern von Vorschulkindern, die Erwerbsquote zu erhöhen.

Was das Betreuungsangebot anbelangt, führt ein 10-prozentiger Anstieg der vorhandenen Plätze zu einer Erhöhung der geleisteten Arbeitsstunden der Mütter von 6 Prozent. Eine Erhöhung des Angebots an Kinderbetreuungsplätzen um 30 Prozent würde Müttern von Vorschulkindern eine durchschnittliche Erwerbsquote von etwas mehr als 70 Prozent ermöglichen. Dies ist ein wichtiges Resultat, da ein Beschäftigungsgrad von durchschnittlich 70 Prozent über die gesamte Laufbahn hinweg das Armutsrisiko im Ruhestand deutlich reduzieren würde.
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Warum der Staat mit Kinderbetreuung sogar noch Gewinn macht

Die Erhöhung des Angebots an Kinderbetreuungsplätzen – ohne Tarifanpassungen für die Familien – wurde ebenfalls analysiert. So würde ein um 30 Prozent erhöhtes Angebot an Kinderbetreuungsplätzen (plus 18.000 Plätze in Kindertagesstätten) zu jährlichen Betriebskosten von rund 500 Millionen Franken führen, von denen ein Drittel (166 Millionen) von der öffentlichen Hand getragen würde. Die Steuereinnahmen, welche durch die Zunahme der beruflichen Tätigkeit der Mütter (rund 250 Millionen) generiert werden könnten, würden jedoch die Ausgaben der öffentlichen Hand übersteigen. Kurz gesagt: Der Staat würde mit dieser Investition sogar einen Gewinn machen.

Informationen zur Studie von Pro Familia Schweiz

Die Studie wurde von Pro Familia Schweiz – in Zusammenarbeit mit den Universitäten Neuenburg und Freiburg – sowie mit der Beteiligung der Fédération des Entreprises Romandes Genève FER, Avenir Suisse, dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund, ARTIAS und der Schweizerischen Kader Organisation SKO durchgeführt. Für die familienpolitische Literatur stellt diese Studie einen klaren Mehrwert dar, indem sie bisher nicht vorhandene Daten sowie eine interdisziplinäre (vor allem soziale und ökonomische) Sichtweise auf dieses Fachgebiet liefert. Die Studie existiert ausschliesslich in französischer Sprache und kann auf der Website von Pro Familia Schweiz gratis heruntergeladen werden: www.profamilia.ch/publikationen.html

Philippe Gnaegi ist Ökonom, Direktor von Pro Familia Schweiz und arbeitet als Dozent an der Uni Freiburg. Er ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

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