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Familienleben
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Hat die natürliche Empfängnis ausgedient?

Kritiker führen im Zusammenhang mit der Reproduktionsmedizin ethi­sche Bedenken ins Feld, befürchten, sie ebne den Weg für einen indus­triellen Umgang mit dem Leben oder für die Selektion von Menschen. Die Skepsis der Gesellschaft reflektiere aber auch die Haltung der Medizin, glaubt Psychotherapeutin Yama­naka-­Altenstein, «denn die Medizin ist vor allem der Lebenserhaltung verpfichtet». Die Frage, inwiefern sie Leben herbeiführen oder aktiv beenden dürfe – Stichwort Sterbe­hilfe –, bleibe ein Reizthema. «Alles dazwischen», sagt die Psychologin, «wird weniger kontrovers disku­tiert.» Für Menschen, die von unge­wollter Kinderlosigkeit betroffen seien, sei aber nur schwer verständ­lich, warum Massnahmen zur Ver­längerung des Lebens wenig hinter­fragt würden, solche zur Entstehung von Leben jedoch schon.

Im Zukunftsszenario, das der US­ Ethikprofessor Henry Greely im Buch «The End of Sex» beschreibt, hat die natürliche Empfängnis bald ausgedient. Menschen, die ein Kind wollten, würden künftig nicht mehr miteinander schlafen, sondern direkt ins Labor gehen. Auch Carl Djerassi, Erfinder der Antibabypille, gab sich bis zu sei­nem Tod im Jahr 2015 überzeugt davon, dass in 30 Jahren die meisten Babys künstlich gezeugt würden. «Quatsch», nennt dies Soziologin Zehnder. «Eine künstliche Befruch­tung bedeutet für Betroffene enorme körperliche, emotionale und finan­zielle Strapazen. Wer nicht muss, nimmt das kaum auf sich.» Wohl aber würden uns Reproduktions­medizin und alternative Familien­modelle vor neue Fragen stellen: «Es muss gesellschaftlich neu ausgehandelt werden, wie und wodurch man Mutter oder Vater wird.»

Familiäre Werte neu interpretiert

Und da müssten wir flexibler wer­den, sagt Soziologe Klaus Preisner: «Letztlich geht es darum, unser Kon­zept von Familie zu revidieren, indem wir es auf weniger starre Annahmen stützen.» Die jahrtausendealte christlich­jüdische Tradi­tion, wonach ausschliesslich die traditionelle Familie gute Erziehung und Solidarität schaffe, sei nicht mehr zeitgemäss. «Es ist keine gute Idee, Geschiedenen, Alleinstehen­ den oder Homosexuellen die Bezie­hungs­ und Bindungsfähigkeit abzu­sprechen», sagt Preisner, «das sind auch Menschen, die ihre Kinder erziehen und lieben.»

Eine individualisierte Gesell­schaft sei ausserdem nicht zwingend eine egozentrierte, schreiben die Autoren der OECD-­Familienstudie. Familiäre Werte wie Zusammenhalt würden in Zukunft nicht aussterben, sondern neu interpretiert: «Wir wer­den mehr grössere Netzwerke von Familienmitgliedern sehen, die durch unterschiedliche Ehen, Part­nerschaften und über Generationen hinweglose miteinander verbunden sind. Die heranwachsende Genera­tion wird zudem neue Ansätze von Solidargemeinschaften entwickeln, die sozialpolitisch wegweisend sein könnten.»
Aline kam 2016 zur Welt. Sie wurde in einer spanischen Klinik gezeugt.
Aline kam 2016 zur Welt. Sie wurde in einer spanischen Klinik gezeugt.
Dass die Politik am eng gefassten Begriff von Familie festhält, hat laut Preisner Nachteile für die Gesell­schaft: «Schon wenn man sich um einen kranken Partner kümmern möchte, ist man benachteiligt, wenn man nicht verheiratet ist.» In Zeiten, wo partnerschaftliche Beziehungen kürzer anhielten, sei ausserdem nicht davon auszugehen, dass das klassische Familienmodell für Soli­darität im Alter garantiere, argu­mentiert Preisner.

Die Kleinfamilie trotzt dem Sturm

Der Soziologe wünscht sich deshalb eine Erweiterung des traditionellen Familienbegriffs, weil so der Zugang zu sozialen Dienstleistungen flexibi­lisiert und auch für Personen jenseits der Kernfamilie geöffnet werden könnte. Dann erhielten zum Beispiel auch Nachbarn, Freunde oder ent­fernte Verwandte Pflegegeld, wenn sie sich anstelle der engsten biologi­schen, aber nicht verfügbaren Angehörigen um Kranke und Betagte kümmern.
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«Trotz massiver gesellschaftlicher Umwälzungen wird das traditionelle Modell nicht verschwinden.»
Klaus Preisner, Soziologe
Die traditionelle Kleinfamilie, da ist sich Preisner sicher, wird aber nicht verschwinden. Trotz massiver gesellschaftlicher Umwälzungen – oder vielleicht gerade aufgrund die­ser – sei das Modell erstaunlich sta­bil. In einer schnelllebigen und wirtschaftlich zunehmend unsiche­ren Welt, so Preisner, werde sich das auch nicht ändern.

Demzufolge gibt der Rückzug der Menschen ins Private der Kleinfa­milie erst recht Auftrieb. «Was wir jetzt als alternative Familien be­zeichnen», sagt Klaus Preisner, «Patchwork­ oder Regenbogenfamiien zum Beispiel, das sind, rein strukturell gesehen, Kleinfamilien, aufgebrochen und neu formiert zwar, aber stark am klassischen Modell orientiert: Da sind zwei Erwachsene, die sich um Kinder kümmern, als Paar leben und eine Familie sein wollen.»

* Namen von der Redaktion geändert. 

Zur Autorin:

Thumbnail virginia nolan sw
Virginia Nolan lebt die klassische Mama-Papa-Kind-Variante – und findet es dennoch an der Zeit, dass die Gesellschaft ihr traditionelles Familienbild überdenkt.

Weiterlesen:


  • Wie geht es den Kindern in alternativen Familienmodellen: Interview mit der Soziologin Andrea Bruschner – im Heft 02 / 2018

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