Familienleben
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Zeugung im Reagenzglas – wie kommt es dazu?

Rund 6000 Frauen lassen sich jährlich in einer der 26 Schweizer Kinderwunschkliniken künstlich befruchten. Die Zahl jener, die eine Behandlung im Ausland vornehmen, ist in darin nicht mit eingerechnet. 2,5 Prozent der Neugeborenen, die hierzulande das Licht der Welt erblicken, sind im Reagenzglas gezeugt worden.

Die sogenannte In-vitro-Fertilisation (IVF) oder künstliche Befruchtung gehört zu den häufigsten reproduktionsmedizinischen Behandlungen, die Kinderwunschklinik OVA IVF in Zürich etwa führt pro Jahr mehr als 600 Zyklen durch. Paare, welche die Klinik erstmals aufsuchten, seien meist um die 38 Jahre alt und hinsichtlich ihrer sozialen Stellung sehr unterschiedlich, sagt Daniela Pfammatter, behandelnde Gynäkologin: «Von der einfachen Angestellten bis zum Topmanager ist alles dabei.»
«Der Kinderwunsch wird selten freiwillig aufgegeben»
 Daniela Pfammatter, Gynäkologin
Zeichnet sich eine Odyssee durchs medizinische Angebot ab, weil Behandlungen wie eine hormonelle Stimulation oder eine Insemination nichts bewirken, bleiben nur noch die Gutbetuchten an Bord: Bis zu 9000 Franken kostet eine künstliche Befruchtung pro Zyklus, und oft sind mindestens drei Behandlungen nötig. «Der Kinderwunsch wird selten freiwillig aufgegeben», so Daniela Pfammatter, «und oft entsteht zwischen einem Paar Uneinigkeit, wie weit man auf diesem Weg gehen will.» Manchen Paaren nimmt das Gesetz die Entscheidung ab: Produziert die Frau etwa keine gesunden Eizellen, ist eine künstliche Befruchtung zwecklos, es bleibt noch die Eizel­lenspende. In der Schweiz ist sie, im Gegensatz zur Samenspende, jedoch verboten.

Reproduktionsmedizin – Fluch oder Segen?

Für Betroffene ist die Reproduktionsmedizin Fluch und Segen zu­ gleich. «Sie macht Kinderlosigkeit erst recht zum Tabu», weiss Yamanaka­-Altenstein, «weil sie einem suggeriert, dank medizinischem Fortschritt sei alles machbar. Wo sich Möglichkeiten auftun, wächst auch der Druck, sie bis zum Letzten auszureizen. Umso schlimmer ist das Gefühl persönlichen Versagens, wenn selbst das nichts bringt.»

Das Wissen um die Möglichkeiten der modernen Medizin trage überdies dazu bei, dass junge Frauen ihren Kinderwunsch zunehmend vertagten, sagt Ärztin Pfammatter: «Ab 25 Jahren sinkt die weibliche Fruchtbarkeit kontinuierlich, ab 35 Jahren rapide. Frauen sind sich dessen zu wenig bewusst.»
Es sind nicht nur heterosexuelle Paare, die ihre Hoffnung an die Reproduktionsmedizin klammern. Einzelpersonen und gleichgeschlechtliche Paare haben in der Schweiz jedoch keine Hilfe zu erwarten, denn Behandlungen zur medizinisch unterstützten Fortpflanzung sind hierzulande nur heterosexuellen Paaren erlaubt. Frauen, die sich ihren Kinderwunsch als gleichgeschlechtliches Paar oder im Alleingang erfüllen wollen, haben es ungleich einfacher als Männer: Sie injizieren sich den Samen von Spendern, die sie in Internetforen oder im privaten Umfeld finden, oder suchen eine Samenbank im Ausland auf.

Schwule Männer haben die Möglichkeit, mit einer Co-Mutter eine Familie zu gründen. Will ein Männerpaar ein Kind ohne Drittperson grossziehen, ist eine Leihmutterschaft im Ausland die einzige Option. Diesen Ausweg nehmen auch immer mehr heterosexuelle Paare und Singlefrauen, die sich Behandlungen unterzie­hen, die in der Schweiz verboten sind. Zu ihnen gehören Regula Kör­ner, Mutter zweier Leihmutterkin­der, oder Alines Mutter Kerstin, die sich in Spanien den Embryo einer anderen Frau einsetzen liess.
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