Familienleben
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Individuelle Lebensentwürfe und weniger Kinder?

Darüber hinaus scheinen Kinder in vielen Lebensmodellen der Zukunft nicht mehr vorgesehen zu sein. Bereits heute betreffen 30 Prozent aller Schweizer Haushalte kinderlose Paare, die OECD schätzt, dass es bis 2030 rund 40 Prozent sein werden. Gleichermassen werde sich der Anteil Einpersonenhaushalte von aktuell 35 auf 40 Prozent erhöhen. Diesen Schätzungen zufolge werden also in gerade einmal 30 Prozent aller Haushalte noch Kinder leben.

Individualisierung und Plu­ralisierung lauten die Schlagworte, mit denen Soziologen unsere Zu­kunft beschreiben. Sie gelten für Lebensentwürfe, die nach eigenem Gusto statt auf sozialen Druck hin erfolgen, aber auch für Familienfor­men, die vielfältiger daherkommen als die Mama-­Papa-­Kind­-Variante.
«Heute gibt es kaum mehr ökonomische Gründe, die für eine klassische Familie sprechen»
Soziologe Klaus Preisner
Die Gründe für diesen gesell­schaftlichen Wandel sind vielfältig. Zentral, sagt Soziologe Preisner, sei die Emanzipation der Frauen, ihr Streben nach Gleichberechtigung, ihre Teilnahme im politischen Leben und vor allem am Arbeitsmarkt. «Früher sicherten sich Menschen sozial ab, indem sie heirateten, Nachkommen zeugten und in einer klarer Rollenverteilung zusammen­ lebten», sagt Klaus Preisner. «Heute gibt es kaum mehr ökonomische Gründe, die für eine klassische Familie sprechen.»
Gruppenbild mit drei Eltern: Marc, Matthias und Sonja kümmern sich liebevoll um Max.
Gruppenbild mit drei Eltern: Marc, Matthias und Sonja kümmern sich liebevoll um Max.
Zudem habe die Durchlässigkeit zwischen den sozialen Schichten zugenommen, Ansehen sei nicht mehr an die Familie, sondern an individuelle Leistungen gekoppelt. An den zunehmend vielfältigen Lebens­ und Familienformen, sagt die Berner Sozialforscherin Kathrin Zehnder, hätten aber auch andere Emanzipationsbewegungen ihren Verdienst, etwa die von Schwulen, Lesben oder Transmenschen, die sich das Recht auf einen amtlichen Beziehungsstatus oder eine Familie erkämpften. «Auch die Digitalisierung und die zunehmende Mobilität spielen eine Rolle», ist Zehnder überzeugt, «wir können zu jeder Zeit an jedem Ort sein, das eröffnet nicht nur neue Bedürfnisse, sondern auch ganz andere Möglichkeiten, Verbindungen einzugehen.»

Familiengründung im Labor?

Von sozialen Zwängen kämpft der Mensch sich frei – aber auch von so einigen, die ihm die Natur auferlegt hat. Sinnbildlich dafür ist der medizinische Fortschritt, unter anderem mit der modernen Reproduktionsmedizin. «Sie kann», schreibt Soziologin Heike Trappe in einem Fachbeitrag, «als Ausdruck eines zutiefst menschlichen Bestrebens nach Emanzipation von der Natur angesehen werden.»

Wenn die Natur dem Kinderwunsch einen Riegel vorschiebt, ist dies schwer zu verkraften, betont Misa Yamanaka-Altenstein vom Klaus-Grawe-Institut in Zürich. Die Psychotherapeutin berät Frauen und Paare, die ungewollt kinderlos sind. «Die Fähigkeit, sich zu reproduzieren, kann aus evolutionsbiologischer Sicht als Grundbedürfnis bezeichnet werden», sagt Yamanaka-Altenstein. «Wenn der Mensch sich fortpfanzen will, dies aber nicht kann, hat das oft schwerwiegende Belastungen zur Folge – für sein Selbstwertgefühl, die Partnerschaft, die psychische Gesundheit.»

Regula Körner, die sich ihren Kinderwunsch nach 17 Jahren vergeblichen Wartens auf eine Schwangerschaft mithilfe einer Leihmutter erfüllte, formuliert es so: «Es tut weh, wenn Leute sagen, man müsse halt akzeptieren, wenn man keine Kinder haben kann. Weshalb akzeptieren Leute, die keine funktionierende Niere mehr haben, nicht einfach die Dialyse? Oder Krebskranke ihr Schicksal? Eben.» 
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Wiederholte erfolglose Versuche, schwanger zu werden, können ähnliche Gefühle wie der Verlust eines nahestehenden Menschen auslösen.
Für viele ein abwegiger Vergleich – Yamanaka-Altenstein hat dafür Verständnis: «Der Leidensdruck der Betroffenen ist für Aussenstehende nur schwer nachvollziehbar. Untersuchungen zeigen, dass wiederholte erfolglose Versuche, schwanger zu werden, ähnliche Gefühle auslösen können wie der Verlust eines nahestehenden Menschen.»

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