Mikael Krogerus: Naches und Yiches
Familienleben

Naches und Yiches

Eltern und Kinder lieben einander auf grundlegend verschiedene und jeweils ganz einzigartige Weise. Wie treffend die jiddischen Wörtern Naches und Yiches diese beiden Gefühlswelten beschreiben, darüber sinniert unser Autor Mikael Krogerus.
Text: Mikael Krogerus
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Vor langer Zeit lauschte ich einem Vortrag, in dem von zwei verschiedenen jiddischen Wörtern die Rede war: Naches und Yiches. Das Jiddische hat ja bekanntlich nur wenige Worte für Politik, Strategie und Macht, aber dafür dreimal mehr als das Deutsche für zwischenmenschliche Beziehungen. Naches und Yiches beschreiben, wenn ich mich recht erinnere, die zwei sehr unterschiedlichen Gefühlswelten von Kindern und Eltern: die Freude der Eltern über die Kinder (Naches) und die der Kinder über die Eltern (Yiches).

Das sind – das wissen alle, die Kinder und Eltern haben – zwei komplett verschiedene Dinge. Die Liebe zum Kind ist etwas vom Zähesten, was es gibt. Sie ist wie eine Pet-Flasche, man kann sie aus dem Fenster eines Hochhauses werfen, auf ihr herumtrampeln, sie ignorieren – sie wird Schaden nehmen, aber sich nicht auflösen. Das heisst nicht, dass man nicht auch tiefe Gefühle der Abneigung oder gar des Hasses gegenüber seinem Kind hegen kann; auch kann man – das zeigen die Untersuchungen der israelischen Soziologin Orna Donath – die Elternschaft bereuen und dennoch die eigenen Kinder lieben und sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen.

Das Besondere an der Liebe zu den Kindern ist, dass sie nicht reziprok sein muss. Das heisst, sie bedarf, anders als die romantische Liebe, keiner Gegenliebe. Natürlich berührt es mich, wenn meine Tochter mir sagt, dass sie mich liebe. Aber sie muss es nicht sagen. Sie muss mich genau genommen auch nicht lieben. Ich liebe sie trotzdem. Egal, ob sie bei der Theateraufführung ihrer Klasse ihren kompletten Text vergisst oder im Flötenvorspiel keinen Ton trifft – wir platzen vor Stolz. Weil wir sie lieben. Nicht für das, was sie macht oder kann, sondern für die, die sie ist. Unser Kind. Dieses besondere Gefühl nennt man im Jiddischen Naches.

Degegenüber steht Yiches: die Freude, die Kinder angesichts ihrer Eltern verspüren. Auch das ist ein Gefühl, aber in Konsistenz und Ausprägung verhält es sich zur Kinderliebe wie Wasser zu Milch. Beides sind Getränke, aber niemand würde sie miteinander verwechseln. Als Kind zeigte sich meine Begeisterung über meine Mutter vor allem darin, dass ich mich bei ihr geborgen fühlte, keine Angst vor ihr hatte und aber auch nicht den Drang spürte, ihr gefallen zu müssen.
 
Wenn wir unter der Woche abends nochmals raus wollten, obwohl es eigentlich schon zu spät war, gingen wir ins Wohnzimmer und baten um Erlaubnis. Unsere Mutter sass auf dem Sofa. Sie seufzte, beugte sich vor, fingerte eine Zigarette aus der Schachtel, entzündete sie und lehnte sich zurück. Diese wortlose Geste bedeutete: Es ist zu spät, aber ich bin froh, einen Abend für mich zu haben. 

Ich stieg auf mein Velo und fuhr zu meinem Freund. Dass sie es mir erlaubte, dass sie mir vertraute, aber auch, dass es in ihrem Leben nicht nur um uns Kinder, sondern auch um sie selbst ging, gab mir ein Gefühl von Yiches. Der Freude, die Eltern ihren Kindern schenken können.

Mikael Krogerus ist Autor und Journalist. Der Finne ist Vater einer Tochter ­und eines Sohnes, lebt in Basel und schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi.

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