Michèle Binswanger: Was Mütter glücklich macht
Familienleben

Was Mütter glücklich macht

Die unmöglich unverbindlichen Teenies sind eben auch schon kleine Erwachsene.
Text: Michèle Binswanger
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Das macht Mütter wahnsinnig: Ferien mit den Halbwüchsigen zu organisieren. So fürchtet jedenfalls, wer zum x-ten mal am Verteidigungswall von Unverbindlichkeiten abgeprallt ist, hinter dem Teenies mit einsetzender Pubertät verschwinden. Diese Befestigungsmauer zu durchdringen ist fast unmöglich – oder zumindest eine Kunst, die ich noch nicht gemeistert habe.
 
Sage ich: Ich möchte im Sommer gern wandern gehen – kommt ihr mit?

Heisst es: Hm, jo, weiss noch nicht. 
Vielleicht fahr ich mit Kollegen ins Tessin, mal gucken.
Eventuell, aber wenn, dann nur von Dienstagnachmittag bis Freitagmorgen. Und wenn es regnet, scheisst es mich imfall an.

Ich meine: Ich versteh es ja. Es ist das Alter, in dem gefühlt nie etwas passiert – aber jederzeit alles könnte. In dem eine im Frühling gestellte Frage nach Plänen für den Herbst so absurd erscheint wie die Frage nach Plänen für die nächste Reinkarnation. Vielleicht, weil man in dieser Lebensphase tatsächlich als neue Persönlichkeit geboren wird – und dies mit neuen Styles, Frisuren auch nahelegt.
Doch bei allem Respekt für die innovative Energie Heranwachsender: Auch Genies haben Bürostunden und Ferien wollen geplant sein. Zumindest, wenn man sie als Familie verbringen will.

Also sagte ich meinen Teenies irgendwann: Mein Partner und ich verbringen Ferienwoche zwei in unserem Haus am See, Ferienwoche drei am Meer. Seid ihr dabei? Lasst es mich einfach früh genug wissen.

Die Tochter sagte ab. Der Siebzehnjährige meinte: Jo, weiss nicht, mal gucken. 
Und dann: Ich bleibe zu Hause.

Also fuhren mein Partner und ich allein. Wir mussten zwar vor den Überschwemmungen fliehen, aber es wurden herrliche Ferien am Meer. Wir liessen uns auf einen Roadtrip ein, als wären wir die Teenies, liessen uns treiben und fuhren dahin, wo es schön ist und die Sonne scheint. Perfekt, ganz so, wie das als Paar gelingt, aber als Familie eher scheitern würde.

Nun gibt es aber die Sache mit der unsichtbaren Nabelschnur, die uns mit den Kindern verbindet, ob klein oder gross. Man vermisst sie, ganz egal, wie nervig sie manchmal sind. Wer liebt, möchte in erster Linie teilen, ganz besonders, wenn er etwas Schönes erlebt. So bekommt der Genuss, den man nicht teilen kann, eine leicht melancholische Note – wie der Tropfen Angostura im Negroni.

Bei jedem neu über dem Meer erwachenden Tag, jedem Bad im Meer und Spaziergang am Strand, dachte ich: Wenn sie das nur auch erleben könnten. Wie es ihnen wohl zu Hause im Regen geht? Ob sich der Kleine jetzt nicht vielleicht doch etwas alleine fühlt? Hätte ich ihn zum Mitkommen zwingen sollen? Aber er ist doch schon 17! Bin ich eine schlechte Mutter?
Hätte ich ihn zum Mitkommen zwingen sollen?
Ach, die lieben Kinder, sie sind nun mal schon junge Erwachsene. Mit eigenen Plänen und Zielen. Im besten Fall hatte der Kleine eine super Zeit allein zu Hause. Und sonst hat er vielleicht eine Lektion gelernt.

Bei meinem letzten Telefonat aus den Ferien nach Hause sagte er jedenfalls: «Du wolltest doch schon lange mal mit mir auf eine Städtereise? Ich habe es mir jetzt überlegt. Komm, diesen Herbst machen wir das.»

Das macht eine Mutter glücklich.

Zur Autorin:

Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

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