Michèle Binswanger: Eine wunderbare Quarantäne-Freundschaft
Familienleben

Eine wunderbare
Quarantäne-Freundschaft

Wie der Lockdown eine Pensionärin und einen kleinen Jungen über den Zaun hinweg ins Gespräch brachte. 
Text: Michèle Binswanger
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Auf den spröden Charme der Quarantäne würden wir künftig lieber verzichten, so wohl für die meisten das Fazit nach wochenlangem Lockdown. Aber die Pandemie hat auch ­schöne Geschichten hervorgebracht, und eine davon möchte ich erzählen.

In normalen Zeiten reist meine Mutter jede Woche durch die halbe Schweiz, um ihre Enkel zu hüten. Mitte März war damit aber fertig, weil der Bundesrat es so wollte. Sie blieb zu Hause und sah vorerst niemanden mehr näher, nur ihren runden Geburtstag feierten wir im ganz kleinen Kreis. Doch sie lebt in einer offenen Siedlung mit vielen Familien und ­netten Nachbarn, die für sie einkaufen oder am Zaun ihrer Terrasse mal einen Schwatz halten. Auf der Terrasse zieht meine Mutter ihre Blumen und Kräuter. Sie geht zudem auf den Quartierweg hinaus, und so verbrachte meine Mutter dank des schönen Wetters während der Quarantäne viel Zeit dort. 

An einem sonnigen Freitagnachmittag sass sie auch mit mir dort, wir tranken Kaffee mit gebührendem Abstand. Da tauchte ein vielleicht vierjähriger Junge mit seinem Fahrrad am Zaun auf. Mit einer viel zu grossen Baseballmütze stand er dort und linste mit seinen Knopfaugen prüfend unter dem Schirm hervor. Meine Mutter sagte ihm Hallo, er grüsste zurück und musterte mich dabei schweigend, nur um kurz darauf mit seinem Fahrrad langsam zum Gehweg zurückzurollen.
Dann erzählte mir meine Mutter die Geschichte dieser Freundschaft. Während der Quarantäne sei der Kleine eines Tages mit seinem Fahrrad bei ihr am Zaun aufgekreuzt. Er habe sie gefragt, wie sie heisse, sie sagte es ihm und er erzählte ihr dann, er könne mit seinem Velo bereits ohne Helm fahren. Worauf sie ihm sagte, da müsse er aber vorsichtig sein. Der kleine Junge wohne mit seinem Vater in der Siedlung, erzählte mir meine Mutter. Oft seien seine älteren Cousins zu Besuch, vielleicht fühle er sich in deren Anwesenheit als fünftes Rad am Wagen und komme sie deshalb besuchen.

Jedenfalls kam er wieder. Beim zweiten Mal fragte er sie, ob sie sich noch erinnere, was sie das letzte Mal geredet hätten. Sie bejahte das. «Mein Papa sagt, er kennt dich», sagte er ihr dann und sie antwortete: «Ja, ich ihn auch.» Beim nächsten Mal, es hatte ein paar Tage geregnet, wollte er von ihr ­wissen, warum sie nicht mehr draussen gewesen sei. Er habe sie nur noch durchs Fenster gesehen. Sie antwortete, sie sei schon auch draussen gewesen – bei einem Spaziergang habe sie ihn sogar gesehen. Mit seinem Papa sei er unten beim Fussballfeld gestanden. Wieder unterhielten sie sich durch den Zaun.
«Wann gehst du eigentlich wieder?» Offensichtlich wartete er darauf, dass meine Mutter wieder Zeit für ihn hatte.
An jenem Nachmittag, als ich bei meiner Mutter auf der Terrasse sass, ging es nicht lange, da war der Junge wieder da. Wieder stand er am Zaun und guckte zu uns herüber, vor allem zu mir. Dann fragte er unschuldig: «Wann gehst du eigentlich wieder?» Offensichtlich wartete er darauf, dass meine Mutter wieder Zeit für ihn hatte. Ohnehin auf dem Sprung, erklärte ich ihm, ich sei gleich weg, und überliess dem Kleinen das Feld.

Eine Freundschaft zwischen einer siebenfachen Grossmutter und einem vierjährigen Jungen im Frühling der Quarantäne – schöner könnte man es nicht erfinden.

Zur Autorin: 

Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu 
Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

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