Michèle Binswanger: Die spinnen, die Tanten
Familienleben

Die spinnen, die Tanten

Michèle Binswanger schwelgt in Erinnerungen als ihre Kinder noch klein waren und verrät, was es mit den Tanten auf sich hat.
Text: Michèle Binswanger
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Es gehört zu den widersprüchlichen Erfahrungen des Menschseins, dass jeder sich in jungen Jahren für etwas ganz Besonderes und Einzigartiges hält. Nur um dann mit zunehmendem Alter festzustellen, dass gerade dieser Glaube an die eigene Besonderheit einen gewöhnlich macht.

So denke ich etwa an meine erste Zeit als junge Mutter zurück, als die Welt mir bei den ersten Spaziergängen mit der wenigen Tage alten Tochter vollkommen neu zu begegnen schien. Da war eine plötzliche und mehr oder weniger subtile Verschiebung in der Wahrnehmung meiner Person und natürlich glaubte ich, dass das etwas mit mir zu tun haben müsse.
 
Unterwegs mit meinem Baby erhielt ich plötzlich jede Menge empathische Zuwendung von älteren Damen. Manch eine zischte mir oder besser meinem Baby ein verzücktes «Jöö, wie klein!» hinterher, ab und zu blieb auch eine stehen, linste kurz in mein Tragetuch und seufzte beim Blick auf den Schopf des Neugeborenen wohlig auf. So befremdlich mir das einerseits vorkam, so sehr begrüsste ich die Begeisterung, die mein Baby auszulösen schien. Und heimlich dachte ich: Die spinnen, die Tanten.
 
Ich muss damals sehr dumm gewesen sein. Denn heute bin ich selber eine jener Tanten. Jetzt, da meine Kinder bald erwachsen sind, kenne ich das Entzücken, das auch völlig fremde Dreikäsehochs auslösen können. Manchmal ist es ihr tapsiges Verhalten, die von der Kälte geröteten Backen oder die kindlich fragenden Bemerkungen, deren Charme ich erliege. Anders als damals verstehe ich aber heute, woher dieses Entzücken kommt und dass es nicht um die Besonderheit dieser Kinder oder etwa um mich geht. Vielmehr ist es die Erfahrung jeder Mutter, die sich darin zeigt. Die Erinnerung an die Zeit, als die eigenen Sprösslinge noch klein, unschuldig und unerfahren in die Welt blickten und man im Bann dieses Zaubers des Neuen stand. Im Bann der vielen Möglichkeiten, die damals noch darauf warteten, Wirklichkeiten zu werden. Es ist auch die Erinnerung an die bedingungslose Zuwendung, die man den Kindern zuteilwerden liess, um ihnen das zu ermöglichen. Schliesslich ist solche Liebe zu verschenken etwas vom Tiefsten und Schönsten, was man als Mensch erfahren kann.

Von der stetigen Zuwendung emanzipieren sich die Kinder irgendwann. Das ist ja auch ein Glück. Schliesslich hat die nostalgische Erinnerung an diese Zeit wenig mit der erschöpfenden Wirklichkeit von damals gemein. Das ist auch der Grund, warum das Entzücken über die herzigen kleinen Kinder sich meistens schnell verflüchtigt, sobald man länger Zeit mit ihnen verbringt und sie bei Laune halten muss.
 
Es bleibt die Erinnerung an diese so besondere Phase. Und die Erkenntnis, dass diese Erfahrung nicht nur einem allein gehört, sondern in gewisser Weise uns allen, und dass sie sich in jeder Erfahrung junger Mütter fortsetzt. Dieser Gedanke hat etwas seltsam Tröstliches. Auch wenn er uns etwas gewöhnlich macht.

Zur Autorin:

Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu  Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

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