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Familienleben

Mami ist im Himmel

Kein Ereignis ist für ein Kind so traumatisch wie der Tod der eigenen Mutter oder des Vaters. Zwei Familien erzählen von dem Unfassbaren und wie sie den Weg zurück ins Leben gefunden haben.
Text: Evelin Hartmann
Fotos: Herbert Zimmermann/ 13 Photo
Mit einer Schwellung in der Schulter geht Karin Wehrli Gisi zum Arzt. Die Diagnose: Melanom, schwarzer Hautkrebs, mit Metastasen im ganzen Körper. Danach geht alles ganz schnell. Ein Versuch mit einer Misteltherapie löst hohes Fieber aus, die damals 38 Jahre alte Frau wird sofort ins Spital überwiesen.
«Erich, kümmerst du dich um die Kinder?»
«Natürlich», antwortet ihr Mann und kann nur noch zuschauen, wie sich seine Frau beruhigt in sich selbst zurückzieht. Zum Sterben.

Erich Gisi, 46, aus Wolhusen LU bleibt nach dem Tod seiner Frau im Sommer 2008 mit vier Kindern allein zurück. Sein Jüngster, Elia, ist gerade mal 2 Jahre, Noah 4, Simone 8 und Jonas 10 Jahre alt.

In der Schweiz sterben jährlich etwa 1000 Väter und 400 Mütter von minderjährigen Kindern und Jugendlichen und hinterlassen mehr als 2000 Halbwaisen. Wie trägt man als Mutter oder Vater seine Kinder durch ein Tal, wenn man vor Schmerz selbst kaum noch gehen kann?
«Dieser Verlust ist wie eingebrannt, aber es wird leichter mit den Jahren.»
Erich Gisi
«Nach ihrem Tod habe ich mir einen Mantel übergezogen, durch den nichts zu mir durchdringt», erklärt Erich Gisi seine Strategie, um Normalität in seinen Tag zu bringen, der alles andere als normal war. Sein Arbeitgeber gibt ihm einen Monat frei, einen weiteren Monat kann er später nacharbeiten. Auch in seinem Umfeld erfährt er grosse Solidarität. Eine Nachbarin hilft ihm im Haushalt, mit den Kindern. So muss er für eine Kinderbetreuung nicht zahlen und kann seine Arbeit in einem 50-Prozent-, später in einem 70-Prozent-Pensum wieder aufnehmen. Die Kinder brauchen ihn.

Während sich Jonas zurückzieht, weint Simone viel, will über die Mutter reden, nachts kommen die beiden Kleinen in sein Bett, suchen die Nähe des Vaters, der nun Vater und Mutter zugleich ist.
Erich Gisi mit seinen Buben auf dem Friedhof. Das Grab pflegt die Familie zusammen.
Erich Gisi mit seinen Buben auf dem Friedhof. Das Grab pflegt die Familie zusammen.
«Manchmal konnte ich diese Nähe nur schwer ertragen, ich habe ja auch getrauert», gibt Erich Gisi zu und: «Trauer ist kein Zug, der, einmal den Bahnhof verlassen, nicht wiederkommt, sie erwischt dich kalt, immer wieder, durch eine Bemerkung, ein Foto.» In einem Trauerseminar setzt er sich mit seinen Gefühlen auseinander. Es wird besser.

Und doch. Zu Elternabenden geht er allein. «Diskutiert das zu Hause einmal miteinander», fordert die Lehrerin die Mütter und Väter auf. Doch mit wem hätte Erich Gisi das besprechen sollen? Auch als Jonas in der Pubertät anfängt in der Schule zu rebellieren, steht Erich Gisi alleine da. Die ersten Jahre nimmt er Hilfe an, wo er sie bekommen kann, aber mit der Zeit beginnt ihn das Mitgefühl auch zu stören. «Du bist schon ein ganz Armer», liest er in den mitleidigen Gesichtern. «Das bin ich nicht!», findet er. «Dieser Verlust ist wie eingebrannt, aber es wird anders, leichter mit den Jahren.»
Es ist der 2. August 2010, eine Hotelanlage in Tunesien. «Daniel wollte nur schnell unsere Handtücher zum Pool bringen, Liegen reservieren», erinnert sich Andrea Wiesmann an den Tag, der ihr Leben veränderte. Auf dem Ferienprogramm steht eine Kameltour, danach: Sonnenbaden am Pool.

Aber der Familienvater kommt nicht wieder. Nach einer Weile geht seine Frau los, nachschauen, der festen Überzeugung, ihn in ein Gespräch verwickelt zu treffen.
Stattdessen findet sie ihn auf einer Liege, die Augen geschlossen, das Gesicht kreideweiss. Eine deutsche Touristin kniet neben ihm. Sie nimmt Andrea Wiesmann in die Arme. Herzmassage, Mund-zu-Mund-Beatmung, dann der Notarzt. Herzstillstand schreibt er in ein Formular, klappt seinen Medizinkoffer zu, verabschiedet sich. Um sie herum eine Traube aus Hotelgästen in Badehose und Bikini. «Aber Sie müssen ihn doch mitnehmen, ihm helfen.» – «Andrea, er ist tot.»
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Andrea, Patrick und Jeremy (links) 
Andrea, Patrick und Jeremy (links) 
Andrea Wiesmann möchte stark sein, während sie das erzählt. Fünf Jahre später, am Küchentisch im heimischen Dietikon ZH. Ihre Buben Jeremy, 13, und Patrick, 10, sitzen neben ihr. Einer links, der andere rechts. Patrick nimmt die Hand der Mutter, streichelt ihren Arm. Andrea Wiesmann sieht ihn an. «Ihr müsst mitkommen, es ist was mit Papa», habe sie damals gesagt und ihre Söhne durch die Hotelanlage geführt. Die Buben sind aufgeregt. «Psst, seid leise, die anderen Gäste schlafen noch.»

«Wie absurd», sagt sie heute, wenn sie an die Ermahnung zurückdenkt. «Ich war wie in Trance.» Ihr Zustand die nächsten Sekunden, Minuten, Stunden. Zwei Tage später fliegt die Familie nach Hause. Getrennt. Mutter und Söhne in einer Maschine, der Vater im Frachtraum einer anderen.

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