«Das einzig Gute ist die Entschleunigung»
Familienleben

Serie: Familien und Corona weltweit – Teil 9

«Das einzig Gute ist die Entschleunigung»

Wie geht es Familien im Ausland in der Corona-Zeit? Was wünschen sie sich und wie werden sie Weihnachten verbringen? Wir haben uns auf die Suche gemacht und einige Familien in anderen Ländern befragt. Hier berichtet Lois Gallagher, wie die Situation in England aussieht.
Redaktion: Florina Schwander
Bilder: Privat / Lois Gallagher
Lois Gallagher, 40, arbeitet als Psychologin. Ihr Mann David Titmas, 39, ist Marketing- und Kommunikationsleiter, beide arbeiten im Nonprofit-Bereich. Die beiden haben zwei Töchter, Bethia, 8, und Amala, 12 Jahre alt. Die Familie lebt in einer Wohnung mit kleinem Garten in Islington, nördlich von London. 

Wie ist aktuell die Situation mit dem Coronavirus in England? 

Wir waren in London bis zum 2. Dezember im zweiten landesweiten Lockdown. Seit dem 19. Dezember gelten schon wieder strenge Restriktionen und mit der neuen Mutation ist die Situation extrem angespannt in der Hauptstadt. Während zwei Wochen konnten wir ins Restaurant, ins Theater, Schlittschuhlaufen und so weiter, nun ist alles wieder zu und unsere Pläne, den letzten Schultag mit einem Essen im Restaurant zu feiern und an Weihnachten mit der ganzen Familie ins Theater zu gehen, sind abgesagt. Viele Leute haben noch am Samstagabend versucht, die Stadt zu verlassen – das waren gespenstische Szenen. 

Zum Glück sind die Schulen seit Anfang September wieder offen. Meine ältere Tochter ist die letzten drei Tage des Quartals im Fernunterricht und auch bei meiner jüngeren Tochter sind gewisse Klassen ihrer Schule vorzeitig in die Ferien geschickt worden, weil es Corona-Fälle gab in den jeweiligen «Bubbles» (in England werden sogenannte fixe Gruppen «support bubbles» gebildet, mit denen man sich treffen kann, wenn man nicht in einer Tier-4-Zone lebt, also im kompletten Hausarrest.) Wir befinden uns zur Zeit in einer Tier-4-Zone und ich glaube, bald könnte wieder ganz England im kompletten Lockdown sein. 

Wie ist die Arbeitssituation bei Ihnen und Ihrem Mann? 

Wir arbeiten beide meist von zuhause aus. David arbeitet im oberen Stock in unserem Schlafzimmer, ich im Wohnzimmer. Bis jetzt bin ich meist einmal die Woche in unsere Praxis und spreche mit besonders fragilen Patienten. Ich arbeite für eine Non-Profit-Organisation, die sich um junge Erwachsene kümmert, die für schwer kranke Familienmitglieder sorgen. Es ist sehr schwer für sie und sie brauchen meine Unterstützung. Ich fahre mit dem Velo ins Büro, damit ich den öffentlichen Verkehr vermeide. Den Rest der Woche betreue ich sie von zuhause aus via Telefon. 

Am Wochenende habe ich mich manchmal mit einem Freund oder einer Freundin auf einen Spaziergang im Park getroffen. Die Regeln, wen man wo und wie treffen kann, ändern immer wieder, aktuell soll man niemanden sehen. Mein Mann und ich überlegen immer genau, was wir machen dürfen und was Sinn macht, damit wir unsere Freunde doch noch sehen können, aber halt in einer sicheren Umgebung. So gab es auch schon mal ein Glas Wein draussen vor dem Hauseingang oder auf einer Parkbank – immerhin!

Wie gehen Ihre Kinder mit der neuen Situation um? Was hat sich für sie konkret verändert? 

Unsere Töchter waren beide im Fernunterricht von März bis Juni. Amala konnte die «primary school» im Juni vor Ort beenden und den Übergang in die höhere Schule vorbereiten. Ihre Lehrer haben sich extrem Mühe gegeben und eine Abschluss-Feier auf dem Spielplatz mit dem nötigen Abstand organisiert. Die Eltern waren via Bildschirm zugeschaltet. 

Im zweiten Lockdown jetzt im Herbst sind zum Glück die Schulen offen geblieben und auch die Spielplätze wurden, anders als im Frühling, nicht geschlossen. In der Schule gibt es zwar Einschränkungen: Kein Singen, kein Gruppensport, doch ich bin froh, können die Kinder zumindest zur Schule gehen. Bethia will zudem jeden Tag nach der Schule auf den Spielplatz gehen, der aktuell leider sehr voll ist. Islington verfügt über wenig Grünfläche, im Vergleich mit anderen Gebieten in London und es sind dementsprechend viele Kinder auf den Spielplätzen. Auch bei Regen und früher Dunkelheit sind die Kinder draussen am Spielen und die Eltern unterhalten sich, so gut das halt geht. Playdates in Innenräumen sind verboten.  

Aufgrund der Regeln mussten beide Mädchen ihre Geburtstage alleine zuhause feiern, es gab keine Parties. Ich bin im Oktober 40 geworden und durfte da mit sechs Personen im Restaurant essen gehen. An meinem Geburtstag habe ich zudem eine Ausstellung in der Hayward Gallery angeschaut. Ursprünglich wollte ich eine grosse Party veranstalten zu meinem runden Geburtstag, doch im Endeffekt war ich sehr glücklich, wenigstens ein bisschen feiern zu können. Man lernt die einfache Dinge wieder mehr zu schätzen. 
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Wie erleben Sie die Situation als Ganzes: Hat Corona dem Familienleben ungewohnte Türen geöffnet oder eher für zusätzlichen Stress gesorgt?

Ich fühle mich sehr erschöpft. Die Regierung ändert die Regeln alle paar Wochen und ich finde es nicht immer einfach, unser Familienleben den detaillierten Regeln anzupassen. Ich selber fühle mich von Covid nicht bedroht, doch ich habe Freunde, die sich nach einem Spitalaufenthalt wegen Corona noch immer erholen müssen – es ist also nicht zu unterschätzen. Meine Schwester macht aktuell eine Chemotherapie gegen Brustkrebs und sie muss zu jeder Behandlung alleine hin, weil ihr Immunsystem durch Besuche stark gefährdet sein könnte. Das tut mir sehr leid. 

Meine Tochter hat Mühe, in der Oberstufe anzukommen. Es gibt so viele Regeln und die Situation ist angespannt. Es gibt keine ausserschulischen Clubs für Sport oder Musik und so ist es schwierig für sie, anzukommen und Freunde zu finden. Jede Woche wurden viele Schüler oder Lehrer in Quarantäne geschickt.

Das einzig Gute, das ich der Situation abgewinnen kann, ist tatsächlich die Entschleunigung. Ich bin froh, weniger pendeln zu müssen in London und wir geniessen unsere lokale Umgebung mehr. Wir haben unsere Nachbarn besser kennengelernt und schöne Details beobachtet: Wie sich die Bäume in unserer Strasse verändern, zum Beispiel. In unserem Quartier haben wir für kranke Bekannte oder Freunde in Quarantäne eingekauft – das hat uns gut zusammengeschweisst und unser Gemeinschafts-Gefühl gestärkt. 

Weihnachten steht vor der Tür: Wissen Sie schon, wie Sie feiern werden?

Für Weihnachten hatten wir eigentlich ein Essen mit meinem Bruder und seiner Partnerin geplant. Ich hatte mich schon sehr gefreut, endlich mal wieder für jemanden kochen zu können. Eine Nachbarin wollte uns sogar netterweise ihre Wohnung überlassen, so dass die beiden dort schlafen dürfen. Nun ist mit dem neuen Lockdown aber wieder alles anders und wir bleiben unter uns. An Silvester wollten wir eh nur zu viert feiern, das bleibt nun so. Wir planen eine Zoom-Party mit unserer erweiterten Familie und wollen uns alle verkleiden à la «Strictly Come Dancing», einer bekannten Fernseh-Tanzsendung. 

Wie nah ist Corona? Waren Sie selber schon in Quarantäne? Wie beschäftigen sich Ihre Kinder zuhause?

Wir haben mehrere Freunde in London, die am Virus erkrankt sind. Einer davon war mehrere Wochen im Spital und erholt sich immer noch. Wir selber waren glücklicherweise noch nie in Quarantäne. 

Während den Lockdowns haben wir einige Online-Kurse gemacht, beispielsweise Sport mit Joe Wicks. Meine Töchter sammeln alle leeren Toilettenpapierrollen und Müeslipackungen und machen Abfall-Modelle daraus. Wir versuchen, uns so gut es geht zu bewegen und möglichst wenig vor dem Bildschirm zu hängen, aber ganz ohne geht es nicht. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Kuchen wir gebacken haben ... Ich meditiere und mache jeden Morgen Yoga, das tut mir extrem gut. 

Wir freuen uns auf die Impfung und sind stolz auf das Entwicklungsteam in Oxford. Mein Mann und ich haben beide in Oxford studiert. Die eine Impfung wird hier schon eingesetzt, zuerst werden sicher meine 90-jährige Grossmutter und meine Schwester geimpft. Meine Schwiegermutter ist lungenkrank und hat sich das ganze Jahr isoliert, sie bekommt sie hoffentlich auch bald. 

Was wünschen Sie sich für 2021?

Ich singe in einem Chor und vermisse das Singen extrem, insbesondere die Konzerte. Ich vermiesse es, ins Theater zu gehen und das Grossstadtleben in London. Mir fehlen meine Freunde und Unterstützung mit den Kindern von unseren Eltern. 

Ich hoffe fest, dass wir im Sommer 2021 mit unseren Kindern irgendwo in Europa schwimmen gehen können, vielleicht in Südfrankreich oder in Italien. Brexit und Corona zum Trotz möchte ich gerne wieder über den Ärmelkanal reisen. 

Ich wünsche mir fest, dass wir besser aufeinander und auf die Umwelt aufpassen. Unseren Kindern zuliebe müssen wir die Zukunft radikal umdenken!
Lesen Sie in Teil 10 unserer Serie Familien im Corona-Alltag auf der ganzen Welt, wie die Situation in Belgien aussieht. Alle bisher erschienen Familienporträts können Sie hier nachlesen: Familien und Corona weltweit. 

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