Kontaktabbruch erwachsene Kinder erzählen
Familienleben

Kontaktabbruch: «Kinder sind lange Zeit nachsichtig mit ihren Eltern»

Die Beziehung zwischen Kind und Eltern ist die erste und die engste Beziehung im Leben. Und doch bricht sie manchmal im Erwachsenenalter: Kinder verlassen ihre Eltern. Was führt sie zu diesem Schritt? 
Text: Claudia Landolt
Bild: Polina Sirotina from  Pexels 
Wenn Menschen den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, ist das häufig ein leiser Abschied. Es gibt oft keine wütenden Telefonate, kein Geschirr, das durch die Wohnung fliegt oder knallende Haustüren. Stattdessen: Stille. Keine Reaktion mehr auf Anrufe, SMS, E-Mails oder Briefe.

Die Gründe dafür sind vielseitig – zumindest aber ist eins klar: «In Familien wird viel ertragen, damit sie nicht auseinanderbrechen», sagt die Therapeutin Claudia Haarmann. «Kinder sind hochgradig nachsichtig mit ihren Eltern, bis der Druck für sie zu gross wird. Ein Kontaktabbruch ist ein möglicher Weg, mit einer belastenden Familiensituation umzugehen.»

In unserem Magazin, Ausgabe 12/19 haben wir eine betroffene Mutter zu Wort kommen lassen. Sie hat seit geraumer Zeit keinen Kontakt mehr zu ihrem 16-Jährigen Sohn und erzählt, wie unfassbar das für sie ist.

In diesem Artikel geben wir nun erwachsenen Kinder das Wort – Töchter und Söhne, die heute erwachsen und zwischen 20 und 35 Jahre alt sind. Sie vertrauten sich der Therapeutin und Buchautorin Claudia Haarmann an. 
 
Da ist die 34-jährige Frau, die als Kind keinen Halt und Geborgenheit in ihrer Familie fand. Sie konnte erst als Erwachsene die Kontaktlosigkeit in ihrer Familie begreifen. Über die Familienbesuche berichtet sie:
 
«Ich fahre immer mit extremem Widerwillen zu meiner Mutter. Wir haben uns nichts zu sagen. Sie guckt mich auch gar nicht an, sondern geht, wenn ich komme, ihre Wäsche machen. Und gleichzeitig gibt es so eine Sehnsucht in der Familie, dass es schön sein soll, nur keiner weiss, wie das zu machen ist. Weihnachten zum Beispiel, da hat man sich nichts mitzuteilen, und dann sitzt man mit den Kerzen, und es bleibt nur immer wieder zu sagen: <Ach ja, das ist doch gemütlich!> Die Gemütlichkeit wird beschworen. Man tut wie eine heile Familie, und meine Familie meint, wenn man so tut , dann ist es auch so. Aber die Atmosphäre ist furchtbar und nicht auszuhalten und erst jetzt erkenne ich: Das war sie noch nie!»
Sämtliche Aussagen/Zitate stammen aus dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Claudia Haarmann: Kontaktabbruch in Familien. Wenn ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich scheint, 288 Seiten, ca. 30 Fr., Kösel-Verlag 2019
Sämtliche Aussagen/Zitate stammen aus dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Claudia Haarmann: Kontaktabbruch in Familien. Wenn ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich scheint, 288 Seiten, ca. 30 Fr., Kösel-Verlag 2019

Kein gutes Fundament heisst oft: emotionale Schieflage 

Das Gefühl, in der Kindheit als Person in ihrer Ganzheit nicht wahrgenommen und wertgeschätzt worden zu sein, bildet das «Fundament unseres Lebenshauses», sagt Claudia Haarmann. Die Basis dieses Hauses sollte stabil und ausgerichtet sei, damit alles weitere sicher auf diesem gut verankerten Fundament stehen könne. Ist das nicht der Fall,  stehen die Grundmauern schief, wird alles, was sich weiter darauf aufbaut, versuchen, das Defizit auszugleichen oder in eine Schieflage geraten.

Für Haarmann ist deshalb klar: Man muss sich das Fundament, das Kellergeschoss gut anschauen. In Familien mit schwerwiegenden Zerwürfnissen fänden sich laut Haarmann fast durchgängig zwei Thematiken: «Erstens ist es nicht möglich gewesen, ein beständiges Bindungserleben von Sicherheit, Halt und Geborgenheit herzustellen, und zweitens ist es in diesen Familien nicht gelungen, wesentliche emotionale Grundbedürfnisse zu stillen.»
 
Familie bedeutet für das Kind in erster Linie der sichere Halt. Der sicherheitsspendende Kontakt. Fehlt dieser Rahmen, hat ein Kind keinen angemessenen Schutz erfahren im Sinne von Beruhigung, dann fehlen ihm Halt und Vertrauen in die Welt, die Familie. «Dann wird die Welt nicht als sicherer Ort erlebt, wo man sich zurücklehnen kann wie in einer Hängematte», sondern das Erleben ist Anspannung und Unsicherheit, die wir auch als Stress bezeichnen. «Stress macht eng und verschliesst die Seele, und eine verschlossene Seele verhindert Kontakt – und an dessen Stelle tritt Einsamkeit,» so Claudia Haarmann.

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