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Familienleben

«Kneif mich, wenn ich wie ein Erstklässler mit dir rede»

Mehrmals pro Woche fährt Sidona Gianella zu ihrer demenzkranken Mutter und begleitet sie zu Arztterminen, trifft Absprachen mit den Dienstleistern, die ihr die Bewältigung ihres Alltags ermöglichen. Oder sie hört ihr einfach zu. «Ich weiss nie, was mich erwartet, jeder Tag ist anders», sagt die Tochter. Ein Protokoll. 
Aufgezeichnet: Yvonne Kiefer-Glomme
Sobald mein Sohn in der Schule ist und ich dienstfrei habe, fahre ich zu meiner Mutter. Wenn kein Arzt- oder Coiffeurtermin ansteht, können wir uns erst einmal unterhalten. Meist sind es banale Dinge, über die wir reden. Doch dabei kann ich abtasten, in welcher Stimmung sie ist. Manchmal erzählt mir meine Mutter zwei- oder dreimal das Gleiche, und ich muss versuchen, unserer Unterhaltung eine Struktur zu geben. 

Ich mache uns einen Kaffee und versuche die Punkte anzusprechen, die ich heute mit ihr besprechen möchte. Bei manchen Themen blockt sie erst einmal ab. «Mama, es wird einmal die Woche eine Dame vom Roten Kreuz zu dir kommen, damit du nicht alleine bist, während ich arbeite.» In solchen Fällen brauche ich drei bis vier Besuche bei ihr und muss mich immer wieder zu dem kritischen Thema vortasten. «Ich habe gehört und verstanden, was du mir gesagt hast», sagt sie dann irgendwann.
«Meine Mutter hat eine seltene Form von Demenz. Ihr Zustand kann von einer Minute auf die andere wechseln».
Meine Mutter hat eine seltene Form von Demenz. Ihr Zustand kann von einer Minute auf die andere wechseln. «Kneif mich in den Arm, wenn ich wie ein Erstklässler mit dir rede», habe ich daher mit ihr vereinbart. In diesen klaren Momenten bin ich die Tochter, die mit ihr spricht, sie tröstet, ihr Mut macht, wenn sie ihren Gesundheitszustand realisiert. Ich sage ihr, dass sie nun, mit 77, einfach Leute hat, die für sie denken. Ist sie in ihrer eigenen Welt, ist es besser, ich wechsle in die Rolle der Betreuerin. Diese Distanz tut mir gut. So kann ich ihr helfen, ohne zu stark mitzuleiden. 

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