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Familienleben

Im Heim zu Hause

Im Kinderheim Sonnhalde in Münsingen BE sollen Kinder und Jugendliche ein sicheres Zuhause finden, wenn ihre Eltern ihnen keines mehr bieten können. Viele sollen nur Monate oder wenige Jahre bleiben, nicht wenige bleiben ihre ganze Kindheit. Ein Hausbesuch.
Text: Evelin Hartmann
Fotos:
Ruben Holliger/ 13Photo
Wie Zinnsoldaten stehen die Star-Wars-Figuren auf dem Buffet aufgereiht. Der Schreibtisch ist aufgeräumt.Schulhefte liegen oben auf, an der Wand hängt ein Poster mit einer Weltkarte. Fabio*, 11, sitzt in seinem Zimmer. In der Welt, die er sich mit seinem 13-jährigen Bruder teilt, seit die Polizei eines Nachmittags geklingelt hat. «Wir waren gerade am Spielen und mussten sofort mitgehen», erinnert er sich. Er weiss, dass sich seine Eltern damals getrennt haben. Seitdem wird vor Gericht um das Sorgerecht gestritten, da beide die Kinder bei sich haben wollen. Zu Hause sind die Brüder nur an den Wochenenden und in den Ferien.

Einfamilienhäuser, Vater, Mutter, ein, zwei, manchmal auch drei Kinder. Sie tollen durch liebevoll angelegte Gärten, springen auf ihren Trampolinen, spielen Fussball. So zeigt sich einem die Gemeinde Münsingen, 15 Kilometer südöstlich von Bern gelegen. Ausgerechnet hier fügt sich ein weiteres Gebäude in die Nachbarschaft, deren Bewohner so etwas wie ein intaktes Familienleben nur aus vergangenen Tagen kennen – zum Teil noch nie gekannt haben: das Kinderheim Sonnhalde.
Familienalltag XL statt riesige Schlafsäle, mieses Essen, Schikane oder Gewalt.
«Nicht bei sich zu Hause, aber daheim …», auf der grossen Tafel prangt neben dem Wappen der Heilsarmee, dem Träger der Einrichtung, der Leitspruch des Hauses. Bei voller Belegung sind hier 24 Buben und Mädchen im Alter von wenigen Tagen bis zum Ende ihrer Ausbildung in drei Wohngruppen untergebracht. Für Jugendliche ab 16 Jahren stehen fünf Jugendzimmer im Haupthaus bereit. Dazu gibt es einen Basketballplatz, einen Fussballplatz, einen Pool, einen Garten mit Trampolin, Sandkasten, Wippe.

Riesige Schlafsäle, mieses Essen, dazu Schikane, Missbrauch, Gewalt – im Kinderheim Sonnhalde entstehen keine düsteren Bilder vergangener Tage, die beim Stichwort Kinderheim noch immer in vielen Köpfen aufblitzen. Vielmehr erinnert das Leben hier an einen Familienalltag XL. «1967 eröffnet, war das Kinderheim eines der ersten in der Schweiz, das nach dem sogenannten Familiensystem konzipiert worden ist», sagt Institutionsleiter Pascal Jermann. Demnach war diese Nachbarschaft für den Heimstandort bewusst gewählt.
Auch sonst gleicht vieles «normalen» Familienstrukturen. Die Wohngruppen, auf drei Wohnungen verteilt, bleiben im Tagesablauf unter sich, sind altersdurchmischt und versammeln sich zu jeder Mahlzeit um den Esstisch in der Küche. Es gibt ein Wohnzimmer mit einem Regal und jeder Menge Brettspielen und einem Fernseher, der nur zu bestimmten Zeiten eingeschaltet wird. Familienregeln eben. Geschlafen wird in der oberen Etage, in Einoder Zweibettzimmern. Pascal Jermann: «Kommen drei Geschwister zusammen zu uns, kann auch ein Bett dazugeschoben werden.»

«Ich schlafe oben», sagt Fabio und zeigt auf das Hochbett, darunter steht sein Schreibtisch. Ob es ihm hier gefalle? Der Bub zuckt mit den Schultern. Wo will er lieber leben? Da muss er nicht lange überlegen: «Bei Mama.» Traurig ist er oft. Und auch seinem grossen Bruder geht es nicht anders. «Reto* kann nachts oft nicht schlafen, dann kommt er zu mir ins Bett», sagt Fabio. Zu zweit ist man weniger allein. «Aber froh werde ich erst wieder sein, wenn wir bei Mama sind.» Wann das sein wird, ist ungewiss.
Auf dem Basketballplatz des Heims treffen sich besonders die Buben nach der Schule.
Auf dem Basketballplatz des Heims treffen sich besonders die Buben nach der Schule.
Nicht alle Eheschutzverfahren verliefen in dieser Dimension, weiss Pascal Jermann. Oftmals seien die Regelungen nach einigen Wochen oder Monaten getroffen, hätten sich die Eltern geeinigt. «Bei schwereren Fällen, wo zusätzlich Kindesmissbrauchsvorwürfe gegen den Ex-Partner erhoben und geklärt werden müssen, sich die Fronten zwischen den Eltern so verhärtet haben, dass Behörden den psychischen Druck auf die Kinder als zu gravierend einschätzen, kann eine Heimplatzierung vorübergehend eine Lösung sein.» Nur, wie lange dieser Rosenkrieg dauert, ist oft nicht abzusehen. Fabio und sein Bruder leben seit zwei Jahren im Kinderheim.

Zugewiesen werden die Kinder und Jugendlichen oft durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (KESB). In den überwiegenden Fällen sind die Mütter psychisch erkrankt, haben Suchtprobleme und können für das Wohl des Kindes nicht mehr sorgen. Pascal Jermann: «Die Väter sind zu diesem Zeitpunkt meistens schon gar nicht mehr anwesend.» Die zweitgrösste Gruppe bilden die Fälle mit Migrationshintergrund, bei denen die Lebensgrundlage nicht sicher ist, nicht klar ist, ob und wie lange die Eltern überhaupt im Land bleiben dürfen. Und dann gibt es eben noch die Eheschutzverfahren, wo Kinder nicht den Belastungen ausgesetzt werden sollen.

Das Alter der Neuankömmlinge im Kinderheim Sonnhalde beträgt im Schnitt zwischen fünf und sieben Jahre. Dann, wenn Kinder in der Schweiz in den Kindergarten und in die Schule kommen und es dem Pädagogen auffällt, dass ein Mädchen tagtäglich hungrig in den Unterricht kommt oder ein Bub auch im Hochsommer Langarm-T-Shirts trägt, unter denen sich blaue Flecken verbergen. Pascal Jermann: «Dabei ist die Unterbringung im Heim immer suboptimal.» Wenn es nach Experten wie ihm geht, sollten Kinder so schnell wie möglich zurück in ihre Familien oder allenfalls zu Pflegefamilien, Verwandten oder im Fall älterer Jugendlicher beispielsweise in WGs von Lehrlingsbetrieben kommen. So das Ideal. Die Realität sieht anders aus. Sechs bis acht Jahre leben Kinder und Jugendliche im Kinderheim Sonnhalde, manche verbringen ihre ganze Kindheit und Jugend hier.
Manche Bewohner verbringen ihre gesamte Kindheit im Kinderheim Sonnhalde.
Alexandra Barton steht am Fenster und schaut ihren Schützlingen beim Spielen zu. Die Sozialpädagogin leitet die Gruppe Saphir. Im Kinderheim Sonnhalde sind die Wohngruppen nach Edelsteinen benannt. Pro Wohneinheit ist ein sechsköpfiges Sozialpädagogenteam zuständig, tagsüber helfen je Gruppe zwei Betreuer bei der Bewältigung des Alltags, und auch nachts ist immer einer da, falls eines der Babys schreit oder Gespenster sich in die Träume der Kinder schleichen.

Die grösste Herausforderung sieht Alexandra Barton darin, dass so unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen und jedes Kind seine eigene Geschichte mitbringt, «die wir anfangs gar nicht im Detail kennen», sagt sie. Ganz klar: Solche Geschichten hinterlassen Spuren wie Lern- und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten, Auffälligkeiten im Sozialverhalten, sogenannte Belastungssymptome. Die Kinder müssen im Alltag besonders gut begleitet werden, schwerwiegende psychische Störungen haben sie aber nicht. Dafür ist das Heim nicht ausgelegt. Die Bewohner besuchen die Regelschule in Münsingen und Bern.

Alexandra Barton ist klar, dass vielen ihrer Schützlinge die Mutter oder der Vater fehlt. «Manche vermissen sie ihr Leben lang.» Ersetzen wird sie sie nie können. Das möchte die Sozialpädagogin auch gar nicht. «Wir wollen nicht in Konkurrenz zu den Eltern treten», sagt sie. Das wäre nicht professionell. Und doch sollen es die Kinder im Kinderheim so schön wie möglich haben. Zum Geburtstag basteln jeder Betreuer und jedes Kind dem Geburtstagskind eine Karte, es gibt Süssigkeiten, das Lieblingsgericht und natürlich – Geschenke.

Dass den Kindern und Jugendlichen bei dieser Wohnadresse ein Nachteil entsteht – beispielsweise bei der Lehrstellensuche –, glaubt Alexandra Barton nicht. Trotzdem unterstützt die Einrichtung sie bei der Jobsuche. Wie schreibe ich eine Bewerbung, führt man erfolgreich ein Vorstellungsgespräch? Beim Schritt in die Selbständigkeit werden die Jugendlichen an die Hand genommen. Bei ihrem Auszug können sie alleine laufen. Ein betreutes Wohnen sei dann in der Regel nicht notwendig, meint Pascal Jermann.

Um 16 Uhr kommt Fabios Bruder Reto aus der Schule, er stellt den Rucksack in die Ecke. Heute muss er für die Schule etwas am Computer recherchieren. Danach wird er hinausgehen und Basketball spielen, bis er zum Abendessen hereingerufen wird – ein Tagesablauf fast wie in einer normalen Familie.

* Name von der Redaktion geändert.
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Evelin Hartmann
hat es tief betroffen gemacht, dass zwei Brüder ihr Zuhause verlassen mussten, weil ihre Eltern vor Gericht um sie streiten. Sie freut sich, dass die beiden wenigstens gut aufgehoben sind.

«DEN RICHTIGEN WEG ZU FINDEN, IST KEINE LEICHTE AUFGABE»

Wer entscheidet, ob ein Kind nicht mehr zu Hause leben kann und wohin es dann kommt? In den meisten Fällen sind es die Eltern selbst, so die überraschende Antwort von André Woodtli, Chef des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich.
Interview: Evelin Hartmann
André Woodtli leitet das Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich. Bild: zVg
André Woodtli leitet das Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich. Bild: zVg

Herr Woodtli, heute vertreten viele Experten die Ansicht, dass Kinder, die nicht zu Hause bei den Eltern leben können, besser bei Pflegefamilien aufgehoben sind als in Heimen.

Den Streit darüber, ob Heime oder Pflegefamilien besser sind, gibt es, seit diese existieren. Inzwischen ist er zum Glück überholt: Heime sind familiär geworden, Pflegefamilien professioneller. Pflegefamilien und Heime haben jeweils die Stärken des anderen übernommen. Die Gegensätze und die jeweiligen Nachteile sind kleiner geworden. Heute stehen uns beide Typen als echte und gute Möglichkeiten zur Verfügung.

Ob heilpädagogische Heime, betreutes Wohnen, professionalisierte Pflegefamilien, das Angebot ist heute immens. Wie findet man individuell für jedes Kind die richtige Einrichtung?

Hier spielen verschiedene Kriterien eine Rolle: das Alter des Kindes, die Dauer der Unterbringung, der konkrete Betreuungsbedarf, aber auch die Wünsche und Vorstellungen aller Betroffenen.

Haben Sie ein Beispiel?

Angenommen, die Eltern werden einer Straftat beschuldigt und müssen in Untersuchungshaft. In diesem Fall kann die Unterbringung des Kindes für wenige Tage oder Wochen nötig sein. Dann empfiehlt sich – wenn es keine Möglichkeiten innerhalb der eigenen Familie gibt – die Unterbringung in einem Heim. Ist das Urteil gefällt und das Kind muss längerfristig fremdplatziert werden, eignet sich eine Pflegefamilie besser. Es hängt aber immer auch davon ab, wie die Eltern zur jeweiligen Massnahme stehen. Wünschen sie sich für ihr Kind eher eine Heim- oder eine Familienplatzierung? Das zu berücksichtigen ist sehr wichtig, damit auch das Kind die neue Lebenssituation besser annehmen kann.

Man kann sich kaum vorstellen, dass Eltern ihr Kind freiwillig in fremde Obhut geben.

Oh doch. In acht von zehn Fällen sind die Betroffenen einsichtig und arbeiten mit den Behörden, wenn zum Teil auch notgedrungen, zusammen. In diesen «freiwilligen» Fällen sind im Kanton Zürich die Kinderund Jugendhilfezentren (kjz) zusammen mit den Gemeinden zuständig. Natürlich braucht es auch hier eine intensive Begleitung der Familien, die zum Ziel hat, eine dem Wohle des Kindes dienende Lösung zu finden, mit der alle Parteien gut leben können. In den anderen Fällen, bei denen das Kindeswohl gefährdet ist, die Eltern jedoch für keine Massnahme zu gewinnen sind, muss die KESB eingreifen. Sie hat die Aufgabe, eine Massnahme zum Schutz des Kindes anzuordnen, die zu einer Verbesserung der Situation führt.

Nun steht die Arbeit der KESB oft in der Kritik. Nehmen wir den Fall in Flaach ZH, der sich an Weihnachten 2014 ereignete: Eine Mutter tötete ihre beiden Kinder, damit sie diese nach den Ferien nicht zurück ins Heim bringen musste. Dorthin, wo die KESB sie platziert hatte.

Ja, ausserordentlich tragisch und wie wir heute wissen für alle Beteiligten völlig unvorhersehbar! Natürlich ist es immer besser, wenn die Platzierung in sorgfältiger Absprache mit den Eltern erfolgt. Aber in seltenen Fällen ist das eben nicht möglich. Dann muss man im Nachhinein daran arbeiten.

Was nicht immer zu gelingen scheint.

Die Behörden bewegen sich immer im Spannungsfeld, entweder zu früh zu handeln oder zu spät – und damit eventuell das Kindeswohl zu gefährden. Den richtigen Weg zu finden, ist keine leichte Aufgabe.


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