zuhause lernen corona
Familienleben

Mit Kindern zu Hause lernen 

Die Kombination von Homeschooling und Homeoffice stellt Eltern wie Kinder unvorbereitet vor grosse Herausforderungen. Dabei können alle wertvolle Erfahrungen sammeln. 
 Text: Fabian Grolimund
Bild: Keystone
Die Lehrerin meines Sohnes war bestens vorbereitet: Sie hatte schon geahnt, dass der Schulbetrieb am Montag schliessen würde und ­konnte daher pünktlich zur Verkündung der Massnahme durch den Bundesrat ihre Materialsammlung zücken und den Kindern mit nach Hause geben. 
 
Nun gibt es also Homeschooling – und Homeoffice. Der Grosse, 7, und ich sitzen in der Küche und arbeiten. Seine anfängliche Begeisterung über die «Corona-Ferien» hat bereits einige herbe Dämpfer erlitten: «Was, ich habe mich die ganze Woche gefreut, dass wir die Grosseltern besuchen, und jetzt dürfen wir nicht? Was, ich darf nicht mal meine Freunde sehen? Dürfen wir wirklich nicht in den Zoo und gar nichts?» Und jetzt muss er auch noch Hausaufgaben machen, während die Kleine, 5, ungerechterweise frei hat und alle fünf Minuten fragt: «Wann bist du jetzt endlich fertig? Wann spielen wir Hubi das Gespenst?» 
Nun gibt es also Homeschooling – und Homeoffice.
Während ich die Tochter vertröste, den Sohn bestärke, noch etwas weiterzumachen, und selbst darüber nachdenke, wie unsere kleine Firma am besten mit all den abgesagten Seminaren, Vorträgen und Weiterbildungen umgehen soll, merke ich: Da kommt in den nächsten Wochen, vielleicht sogar Monaten, einiges auf uns zu.

Erwartet nicht zu rasch zu viel

Sehr vieles ist neu an dieser Situa­tion: Eltern, die bisher im Büro sassen, sollen plötzlich von zu Hause aus arbeiten. Während dieser Eingewöhnungsphase sind aber auch noch die Kinder da – rund um die Uhr. Und als wären wir damit nicht schon genug herausgefordert, fühlen wir uns alle verunsichert: Wie schlimm wird es? Wie lange wird es dauern? Sind mein Arbeitsplatz und mein Lohn gesichert? An welche Regeln muss ich mich nun ganz genau halten? Dürfen wir wenigstens mit den Kindern in die Natur?
Gerade jetzt können unsere Kinder Dinge lernen, die ihnen das Lernen lebenslang ­erleichtern werden.
Gift wäre jetzt vor allem eines: zu hohe Erwartungen an uns und an unsere Kinder. Wir werden nicht gleich produktiv sein können, wenn wir zu Hause arbeiten und gleichzeitig die Kleinen betreuen müssen. Und der Nachwuchs wird wahrscheinlich nicht von Anfang an problemlos, motiviert und selbständig sein Pensum abarbeiten. Den meisten Kindern werden die gewohnte Struktur, die Anleitung durch die Lehrperson und ihre Freunde als Motivationsquelle fehlen.
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Jetzt sollte es nicht in erste Linie darum gehen, «mitzuhalten»

Je mehr wir uns erlauben, unproduktive Tage zu haben, Erfahrungen zu sammeln und dazuzulernen, desto weniger zusätzlichen Stress bürden wir uns auf. 
 
Jetzt sollte es nicht in erster Linie darum gehen, «mitzuhalten», um «ja nicht ins Hintertreffen» zu geraten und ängstlich-gestresst mit den Kindern vor ihren Arbeitsblättern zu sitzen, sondern darum, sich Zeit zu lassen und ein wenig zu experimentieren. Dabei können unsere Kinder Dinge lernen, die ihnen das Lernen lebenslang erleichtern.

Sie können zum Beispiel Antworten finden auf Fragen wie:

  • Wie muss mein Arbeitsplatz ­aussehen, damit ich mich wohlfühle?
  • Lerne ich am liebsten die ganze Zeit am gleichen Ort oder kann ich mich besser konzentrieren, wenn ich zwischen Zimmer, Küche und Balkon abwechsle?
  • Bin ich der Typ, der mit Musik lernen kann, oder benötige ich Stille?
  • Zu welcher Tageszeit fällt es mir am leichtesten, mich auf das ­Lernen einzulassen?
  • Welcher Rhythmus aus Lernen, Pausen und Freizeit tut mir gut?
  • Wie überwinde ich mich, wenn ich keine Lust habe?
  • Welche Lernstrategien sind hilfreich, um sich Textinhalte zu erarbeiten?
  • Wie nutze ich Online-Hilfen und den Klassenchat möglichst effektiv?

Als Eltern könnten wir uns fragen:

  • Wie werden mein Kind und ich zu einem guten Team?
  • Was motiviert mein Kind? Was demotiviert es?
  • Warum liest mein Kind so un­­gern mit mir – und was braucht es, um das zu ändern?
  • Heute lief es wunderbar – was war die Zauberzutat?
  • Warum haben wir uns heute beim Lernen in die Haare gekriegt – und wie lässt sich das morgen vermeiden?
  • Braucht mein Kind viel Struktur oder fährt es mit dem Motto «go with the flow» besser?
  • Wo können wir das Lernen mit persönlichen Interessen verknüpfen? Wo lässt es sich lustvoller gestalten
Wenn wir Kinder beim Lernen begleiten, sind wir Eltern oft sehr auf das Resultat fixiert: das abgearbeitete Arbeitsblatt oder die gute Note.
 
Gerade jetzt könnten wir uns stärker auf den Lernprozess fokussieren und mit Neugier und Offenheit Experimente wagen, gemeinsam Antworten auf Fragen suchen, uns näherkommen und uns etwas ­besser kennenlernen.

Und wenn es dabei harzt, können wir uns und unseren Kindern bewusst machen, dass wir im selben Boot sitzen, weil wir alle vor einer ähnlichen Herausforderung stehen: unser Lernen und Arbeiten neu zu organisieren und einen guten Weg zu finden.

Vielleicht haben Sie dazu sogar Lust, ein kleines Lernjournal oder ein Tagebuch zu führen und Ihre Beobachtungen einzutragen? Jede einzelne Erkenntnis darüber, wie man sich selbst motiviert, wo, wann und wie man am besten lernt, ­welche Hilfestellungen für Ihr Kind tatsächlich hilfreich sind und jede neue Lernstrategie, die Ihr Kind in dieser Zeit erwirbt, hilft ihm während der gesamten Schulzeit und darüber ­hinaus. 

Lerntipps online

Viele kostenlose Hilfestellungen für das Lernen finden Sie auf unserer Webseite www.mit-kindern-lernen.ch sowie auf www.youtube.com/mitkindernlernen

Zum Autor:

Fabian Grolimund ist Psychologe und Buchautor («Mit Kindern lernen», «Vom Aufschieber zum Lernprofi»). Gemeinsam mit Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Der 40-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 7, und einer Tochter, 5. Er lebt mit seiner Familie in Fribourg. In Wechsel mit Stefanie Rietzler schreibt er Kolumnen für Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi. Die besten dieser Kolumnen finden Sie in seinem neuen Buch «Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden».

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1 Kommentar

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Von Manuela am 11.05.2020 07:04

Es sind wertvolle und hilfreiche Gedanken - schwierig wird es nur, wenn die Lerneinheit in der darauffolgenden Woche als bekannt vorausgesetzt wird und Fristen für Einsendearbeiten gesetzt werden. Dann muss das Homeschooling und alle dabei eingebundenen Menschen "funktionieren".

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