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Familienleben

Generation Sandwich 

Sie sind eingeklemmt zwischen der Verantwortung für die eigenen Kinder und jener für die Eltern: Ein Fünftel aller Schweizer Frauen betreut einen pflegebedürftigen Angehörigen und gerät damit an die Grenzen der Belastbarkeit. Zwei Mütter erzählen. 
Text: Yvonne Kiefer-Glomme
Bilder: Ed Kashi*
*Als der 83-jährige Herbie Winokur erste Anzeichen von Demenz zeigte, zogen seine Tochter, die Filmerin Julie Winokur, und ihr Mann, der Fotojournalist Ed Kashi, mit ihren zwei Kindern von San Francisco zu ihm nach New Jersey. Die Bilder in diesem Dossier zeigen Szenen aus ihrem Alltag.
«Willkommen im Irrenhaus!», sagt Jasmin Dubois* und lächelt. Kaum hat die 44-Jährige ihr Haus in Emmenbrücke LU betreten, klingelt das Telefon. Gestern hat ihre 76-jährige Schwiegermutter – sie lebt seit 20 Jahren auf Mallorca – einen Schlaganfall erlitten und musste in eine Klinik eingeliefert werden. Nun ist deren Nachbarin am Apparat und drängt darauf, dass ein Familienmitglied anreist. Trotz begrenzter Spanischkenntnisse steht Jasmin Dubois nun in ständigem Kontakt mit den Ärzten und bemüht sich um Unterstützung vor Ort. Ihr Mann und sein Bruder sind beruflich so eingebunden, dass sie nicht sofort nach Palma fliegen können. Und auch sie selbst müsste zuerst ihre Töchter, zwölf und acht Jahre, bei Freunden unterbringen.

Immer unter Strom

Auch Jasmin Dubois’ eigene Eltern sind auf Hilfe angewiesen. Seit drei Jahren fährt die gebürtige Französin alle zwei Wochen zu ihnen ins 130 Kilometer entfernte Mulhouse, kauft für sie ein und putzt deren Haus. Ihr Bruder kümmert sich um alle schriftlichen und finanziellen Angelegenheiten. Grund dafür ist ihre 80-jährige Mutter: Sie leidet an einer unheilbaren Autoimmunerkrankung. Ausser einer Pflegefachfrau lässt ihr 86-jähriger Vater jedoch keine fremde Hilfe zu. Auch einen Umzug in die Nähe ihrer Tochter lehnt er ab. Ihrer Mutter zuliebe beugt sich Jasmin Dubois diesen Umständen. Vor Ort bleiben ihr fünf Stunden, dann muss sie wieder zurück. Denn zu Hause warten ihre Töchter, die nach der Schule bei Nachbarn zu Mittag essen. Für den eigenen Haushalt sowie die Kinderbetreuung hat sie keine professionelle Unterstützung. «Das liegt finanziell nicht drin», sagt sie. 
In mehr als zwei Drittel der Fälle übernehmen die Frauen die Pflege der Angehörigen.
Ihr Alltag ist durchgeplant. Stress machen ihr nur die nicht kalkulierbaren Punkte, die Wutausbrüche ihrer pubertierenden Tochter, die Eifersüchteleien der Jüngeren oder wenn eine der beiden nicht zur verabredeten Zeit nach Hause kommt. «Dann brauche ich Geduld und Nerven, die ich nicht mehr habe.» Rund 220 000 Menschen, davon 140 000 im erwerbsfähigen Alter, betreuen oder pflegen Personen in oder ausserhalb ihres eigenen Haushalts, so die Hochrechnungen der Schweizer Arbeitskräfteerhebung (SAKE) von 2013. Laut dem Spitex Verband Schweiz leisteten Angehörige im Jahr 2013 64 Millionen Pflege- und Betreuungsstunden, sogenannte Care-Arbeit. Das entspricht einer Gratisarbeit im Wert von 3,5 Milliarden Franken. Durchschnittlich 30 Betreuungsstunden pro Woche übernehmen die erwachsenen Töchter und Söhne der Betroffenen.
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