Francois Höpflinger über moderne Opas
Familienleben
Seite 3

Nun belegen Studien, dass sich Enkelkinder – und deren Betreuung – sehr positiv auf ihre Grosseltern auswirken. 

Erst einmal: Die Grosseltern-Enkel-Beziehung ist eine Beziehung, die sich in den letzten drei Jahrzehnten klar positiv entwickelt hat. Mehr Grosseltern verstehen sich heute besser mit ihren erwachsenen Kindern, als das zu früheren Zeiten der Fall war, Konflikte sind seltener geworden. Grosseltern, die sich in Bezug auf ihre Enkel engagieren, fühlen sich subjektiv jünger als nicht engagierte Grosseltern gleichen Alters. 

Warum ist das so? 

Grosskinder bieten die Möglichkeit, mit den erwachsenen Kindern Kontakt zu halten, an die Zukunft der Familie anzuknüpfen. Gleichzeitig bieten sie die Möglichkeit, wieder teilzuhaben an der Kinderphase, ohne die volle Verantwortung übernehmen zu müssen, so wie es bei den eigenen Kindern der Fall war. 65-jährige Männer können wieder rumtoben, spielen und sich die neuen Medien erklären lassen. Als unsere Enkel klein waren, sind wir auf dem Spielplatz oft mit jungen Eltern ins Gespräch gekommen. Meine Frau und ich haben das sehr genossen. 

Sind denn diese analogen Erziehungsprinzipien immer gegeben? 

Sicherlich nicht. Aber wenn die Grosseltern die Enkel nur punktuell betreuen, ist die Toleranz vonseiten der erwachsenen Kinder sicher grösser, als wenn die Grosseltern zum alltäglichen Betreuungsnetz gehören. Beispielsweise beim Thema Verwöhnen. Der Wunsch der Eltern ist meist, dass sich die Grosseltern engagieren, ohne sich zu sehr einzumischen, und dass sie keine Erziehungsstile pflegen, die den eigenen widersprechen. 

Nun kann man ja im Vorfeld vieles besprechen und festlegen. Aber im Erziehungsalltag sieht es dann oft anders aus. 

Dann müssen strittige Fragen zwischen den erwachsenen Kindern und ihren Eltern eben immer wieder neu ausgehandelt werden, um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Das ist nicht immer einfach. Wir haben aber heute viele Menschen, die wissen, wie man mit komplexen sozialen Situationen umgeht, und diese Strategien auch im Privaten anwenden können.
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Aber wann ist der Punkt gekommen, an dem man seinen Eltern sagen sollte, dass sie sich in bestimmten Situationen mit den Kindern anders verhalten sollen? 

Wenn es um Dinge geht, die einem wirklich wichtig sind. Die Ernährung könnte so ein Thema sein oder der Medienkonsum. Ich durfte mein Tablet zeitweise nicht zum Hüten mitbringen, und ich hatte von meiner Tochter Anweisungen, welche Filme meine Enkel nicht sehen dürfen. Ich respektiere das und halte mich daran. Es muss schon ein gewisses Regelsystem geben, welches möglichst befolgt wird. Dafür braucht es eine gute Beziehung zwischen Grosseltern und den erwachsenen Kindern beziehungsweise Schwiegerkindern, sonst funktioniert das nicht. Nun wissen Kinder ja sehr schnell, bei wem was erlaubt ist. Eine gewisse Inkonsistenz in der Erziehung muss nicht immer schädlich sein. Im Gegenteil. Wenn alle Beteiligten die gleiche Haltung haben – moralisch, politisch, religiös – dann wird es für die Kinder sehr schwierig. Dann bildet die Familie eine so enge Einheit, dass die Kinder fast ersticken und nicht ihre eigene Persönlichkeit entwickeln können. Wichtig ist nur, dass sich die Wertehaltungen und Erziehungsstile nicht völlig widersprechen. 

Die Generation unserer Väter scheint vieles nachzuholen, was sie bei ihren eigenen Kindern verpasst hat. Nicht selten fällt der Satz: «Das hast du mit uns früher nie gemacht.» 

Ja, da hat sich schon etwas verändert. Zum einen können manche Männer mit ihren Enkelkindern etwas nachholen, was sie früher aus beruflichen Gründen nicht tun konnten: Zeit mit Kindern verbringen, spielen, wandern und basteln. Zum anderen können Männer als Grossväter ihre sozialen Seiten einbringen. Befreit von beruflichen Status- und Leistungsaspekten können sie unbeschwert kindisch und lustig sein. 
François Höpflinger, 70, im Gespräch mit der stv. Chefredaktorin Evelin Hartmann.
François Höpflinger, 70, im Gespräch mit der stv. Chefredaktorin Evelin Hartmann.

Und noch ein gesellschaftlicher Trend lässt sich beobachten: Wir werden immer später Eltern – und damit auch Grosseltern. Werden künftige Generationen überhaupt noch fit  genug für ihre Enkel sein? 

Der Trend zur späteren Elternschaft wird keine grossen Auswirkungen haben. Denn die Erhöhung der Geburtenabstände verläuft parallel zur Erhöhung der Lebenserwartung. Das gleicht sich gegenseitig aus. Heute werden die Menschen gesünder alt, als es noch bei der Nachkriegsgeneration der Fall war. Die Menschen bleiben länger gesund, das ist eine wichtige Voraussetzung für eine gute Beziehung. Sie sind auch länger in der Lage, neue Dinge aufzunehmen und mit kleinen Kindern herumzutollen, als es früher der Fall war. 

Auch Enkel werden älter, entwickeln neue Interessen und müssen irgendwann nicht mehr im gleichen Masse betreut werden wie in den Kinderjahren. Ist es dann an der Zeit, etwas von der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilgeworden ist, an die Grosseltern zurückzugeben? 

Wenn Enkel und Grosseltern eine solch enge Beziehung haben, ist das natürlich schön. Aber wie Sie schon sagten, Kinder entwickeln eigene Interessen. Und ebenso wie die Beziehung zu den eigenen Kindern muss sich auch die Beziehung zu den Grosskindern wandeln. Wenn man mit seinen Teenagerenkeln in die Ferien geht, sind diese unter Umständen den ganzen Tag unterwegs oder bringen ihre Freunde mit. Meine Frau erlebt nun immer häufiger die Situation, dass sie zu unserer Tochter kommt und die Enkelkinder sind gar nicht da. Dann macht sie oft die Wäsche für unsere Tochter. 
«Die Qualität der Beziehung hängt davon ab, wie gut man sich versteht.» 

Und wie ist das für Ihre Frau? 

Sie ist froh, dass sie sich nützlich machen kann. Aber sie fragt sich natürlich, wie lange sie dort überhaupt noch gebraucht wird. Familien sind immer dynamisch, bleiben nie konstant. Wenn man Veränderungen nicht akzeptiert, bekommt man Probleme. Es gibt das Konzept der elterlichen und filialen Reife, bei der sich erwachsene Kinder und ihre Eltern auf Augenhöhe begegnen, und es gibt wahrscheinlich auch das Konzept der grosselterlichen Reife. 

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