Francois Höpflinger über moderne Opas
Familienleben

«Das Bild des Kuschelopas ist ein neuzeitliches»

In der Schweiz leisten Grosseltern jährlich 160 Millionen Stunden Betreuungsarbeit, sagt der Soziologe François Höpflinger. Wie sehr dieser «Grosi-Support» und generell der Kontakt zu den Grosseltern fehlen kann, haben Millionen Eltern während des Lockdowns erlebt. Was hat diese «Kontaktsperre» mit den Familien gemacht? Ein Gespräch über Risikogruppen, sich abnabelnde Enkel und die Eigenverantwortung der älteren Generation.
Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Vera Hartmann
Ein Donnerstagnachmittag im Mai. Die Journalistin greift zum Handy und tippt zur verabredeten Zeit eine Nummer ins Display. «Höpflinger», meldet sich der Soziologe. Man erkundigt sich nach dem Befinden, fragt nach den Kindern, den Enkeln, freut sich, dass der andere den Lockdown gut überstanden hat. Alle sind gesund. Anfang Februar haben wir schon einmal mit François Höpflinger gesprochen, in einem Café am Zürcher HB. Damals ahnte noch keiner, was in den kommenden Wochen und Monaten über uns hereinbrechen würde – und dass unser Interview zum Thema Grosseltern um einige wichtige Fragen ergänzt werden muss.

Herr Höpflinger, gerade ältere Menschen gehören in der Corona- Pandemie zur Risikogruppe. Während des Lockdowns sollten sich
Grosseltern und Enkel daher nicht sehen. Mit welchen Folgen?

Auf die Beziehungen innerhalb der Familien hatte diese zeitlich begrenzte Kontaktsperre keinen spürbaren Einfluss. Familiensysteme sind sehr dynamisch und damit stabil, sie halten so etwas aus. 

Dabei haben viele Grosseltern gesagt, dass ihnen die sinnstiftende Aufgabe, das Hüten der Enkel, sehr fehle. 

Das ist richtig. Aber die Belastung der Mütter und Väter mit heranwachsenden Kindern war viel grösser. Sie mussten auf einmal alles alleine schultern: Homeoffice, Homeschooling, Kinderbetreuung und Haushalt. Dazu noch unsichere gesundheitliche und wirtschaftliche Zukunftsaussichten. Dieser Zustand hat viele Familien an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. 
François Höpflinger: Der Soziologieprofessor ist in selbständiger Forschung und Beratung zu Alters- und Generationenfragen tätig. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und vier Enkelkinder.
François Höpflinger: Der Soziologieprofessor ist in selbständiger Forschung und Beratung zu Alters- und Generationenfragen tätig. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und vier Enkelkinder.

Und jetzt? Auch nach dem Lockdown bleibt die ältere Generation Risikogruppe.

Wir wissen nun viel mehr über das Virus und die Folgen einer Erkrankung als noch vor vier, fünf Monaten: Welche Altersgruppe ist tatsächlich am häufigsten betroffen, welches Geschlecht? Welche Rolle spielen Kinder? Manche Vorerkrankungen führen bei Ansteckungen zu einem wirklich kritischen Verlauf von Covid-19, andere weniger als anfangs befürchtet. Damit kann die Risikogruppe genauer definiert und enger gefasst werden. 
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Was heisst das für Familien? 

Dass jeder Fall, jeder Kontakt zwischen Grosseltern und Enkeln individuell angeschaut und bewertet werden muss. Besteht ein erhöhtes gesundheitliches Risiko, wenn Grosseltern auf ihre Kinder und Enkel treffen, oder ist das Risiko überschaubar? 
 «Familiensysteme sind sehr stabil. Sie halten eine Kontaktsperre aus.» 

Nachdem Daniel Koch, damals Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten » beim Bundesamt für Gesundheit, Ende April gesagt hatte, Grosseltern könnten gefahrlos Kleinkinder an sich drücken, haben viele Familien Anrufe von ihren Omas und Opas bekommen.

Sie wollten ihre Enkel wiedersehen.  

Genau. Das war aber für viele Eltern keine leichte Entscheidung.

Ganz klar, die Menschen waren verunsichert. Die Entscheidung darüber, ob Grosseltern und Enkel wieder Kontakt haben dürfen, sollte meines Erachtens bei der mittleren Generation liegen, also bei den Eltern der Kinder. Wichtig scheint mir, dass die Generationen offen und ehrlich miteinander reden: Welche Bedürfnisse habe ich bezüglich dieses Themas, welche Ängste? Wir müssen im Gespräch bleiben.

Wo stehen wir im Sommer 2020? Wie sieht ein möglicher Kontakt zwischen Grosseltern und Enkeln aus? 

Ich denke, dass wir uns in einer Art Übergangsphase befinden. Die Generationen leben nicht mehr so streng voneinander getrennt, wie das noch im Frühling der Fall war. Aber wir werden noch länger nicht zum ursprünglichen Status quo zurückkehren. 
«Früher galten die Grosseltern als Respektspersonen, denen sich Kinder fast schon mit Ehrfurcht genähert haben.»

Was heisst das? Sonntagsausflüge mit den Eltern beziehungsweise Grosseltern sind möglich, gemeinsame Sommerferien aber nicht, da man sich zu nahe käme?

Ja, zum Beispiel. Die gemeinsame Zeit innerhalb der Familie wird wahrscheinlich mehr im Freien verbracht. An Orten, an denen man die Distanzen besser einhalten kann. Das Konzept des «Kuschel- oder Tobe-Opas» ist ja auch ein recht neuzeitliches. Früher galten die Grosseltern als Respektspersonen, denen sich Kinder fast schon mit Ehrfurcht genähert haben. Der Grossvater hat den Enkeln aus einem Buch vorgelesen, ist mit ihnen aber nicht über eine Wiese getollt. Zu diesen Zuständen will keiner zurück. 

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