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Familienleben

«Die Kinder sind ganz klar unser Lebensmittelpunkt»

Was treibt Familien heute um, welche Sorgen und Nöte beschäftigen sie? Für das Dossier Helikopter-Eltern hat Autorin Sandra Casalini mit Eltern über verschiedene Familien- und Erziehungsfragen gesprochen. Hier erzählt Angie Nock aus Zürich mit Jamie, 6, und Alisha, fast 2.
Aufgezeichnet von Sandra Casalini
Bilder: Stephan Rappo / 13 Photo
«Vergangenen Sommer kam Jamie in den Kindergarten, das war schon ein Ablösungsprozess, auch für mich als Mutter. Ich habe so geweint an dem Tag, weil ich überwältigt war von diesem neuen Abschnitt. Ich hatte wohl mehr Angst vor dem Kindergarten als mein Sohn. Er ging nie in die Krippe, in die Spielgruppe wollte er nicht. Wir haben es trotzdem versucht, aber es war immer ein Kampf. Jamie ist ein sehr feines Kind und harmoniebedürftig, da machte ich mir Sorgen, wie das mit den anderen Kindern sein würde, ob er unter die Räder kommt. Dass der Kindergartenstart so reibungslos verlief, war eine riesige Erleichterung für mich. Wir gehen jeden Morgen zusammen zu Fuss zum Kindergarten. Ohne Stehenbleiben dauert der Weg 18 Minuten, und er führt an einer stark befahrenen Strasse entlang. Da wäre mir nicht wohl, wenn Jamie allein gehen würde. 
Angie Nock mit Alisha und Jamie
Angie Nock mit Alisha und Jamie
Für mich war immer klar, dass ich zu Hause bleibe, wenn ich Kinder habe. Jetzt ist die Familie mein Projekt. Ich war Flight Attendant, habe in dieser Branche auch als Chefin alles erreicht, was ich konnte, war monatelang unterwegs. Das geht nicht mit Kindern. Ich möchte Jamie und Alisha selbst erziehen und sie aufwachsen sehen. Ich muss mich für diese Entscheidung sehr oft rechtfertigen. Viele Leute verstehen nicht, warum ich nicht arbeiten möchte. Ich liebe es einfach, Mami zu sein. Das ist meine Aufgabe, eine andere Arbeit fehlt mir überhaupt nicht.

Ich bin sehr froh, dass wir uns das leisten können und dass mein Mann das auch so sieht. Er ist ein grossartiger Papi, und als selbständiger Architekt hat auch er die Chance, viel Zeit mit der Familie zu verbringen. Wir essen jeden Mittag und jeden Abend zusammen. Ich versuche zwar, mich regelmässig mit Freundinnen zu treffen, aber viel Zeit für mich selbst nehme ich mir nicht. Ich habe mich für die Kinder entschieden, und ich verbringe meine Zeit am liebsten mit der Familie. Jetzt habe ich aber angefangen, einen Tag pro Woche im Büro meines Mannes auszuhelfen, dann schaut eine Freundin zu den Kindern. Und einmal pro Monat gehen wir als Paar in den Ausgang, das ist wichtig. Mittlerweile kann ich das auch geniessen, ohne ständig aufs Handy zu starren.

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Die Kinder sind ganz klar unser Lebensmittelpunkt, alles dreht sich um sie. Wenn ich Berichte über Helikopter-Eltern lese, muss ich gestehen: Ja, ich bin voll Helikopter! Mein Mann und ich möchten unsere Kinder nicht in Watte packen und ihnen alles abnehmen, aber sie sind das Wichtigste für uns und wir nehmen uns viel Zeit für sie. Was ist falsch daran? Es gibt in der Kindererziehung kein richtig und kein falsch, solange man seine Kinder liebt und gut behandelt. Zudem sind Kinder verschieden. Alisha ist sehr viel selbstbewusster als Jamie, um sie mache ich mir weniger Sorgen. Vielleicht bin ich manchmal tatsächlich etwas zu ängstlich. Aber ich habe die Verantwortung für die Kinder, und dieses Gefühl ist wohl als ältestes von fünf Geschwistern einfach sehr tief in mir verankert. Ich arbeite aber daran, etwas mehr loslassen zu können.»

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