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Familienleben

«Es gibt einen Unterschied zwischen Interesse und Kontrolle»

Was treibt Familien heute um, welche Sorgen und Nöte beschäftigen sie? Für das Dossier Helikopter-Eltern hat Autorin Sandra Casalini mit Eltern über verschiedene Familien- und Erziehungsfragen gesprochen. Hier erzählt Evi Gwerder aus Glarus, Spielgruppen­leiterin, Fotografin, Mutter von Silas,13, und Laurin,10.
Aufgezeichnet von Sandra Casalini
Bilder: Stephan Rappo / 13 Photo
«Silas kommt nach den Sommerferien in die Oberstufe, das wird ein ganz neuer Abschnitt für uns alle. In seiner alten Klasse kenne ich jedes Kind und deren Eltern, in der neuen wird das nicht mehr so sein. Ich denke, es ist normal, dass man sich als Mutter Gedanken macht, welche neuen Klassenkameraden der Sohn haben wird. Zudem wird ja viel erzählt, wie streng die Oberstufe ist. Bis jetzt fiel Silas die Schule immer sehr leicht, das könnte sich ändern. 
Evi Gwerder mit Laurin und Silas
Evi Gwerder mit Laurin und Silas
Ich wünsche mir, dass er auch in der Oberstufe noch die Chance hat, einfach mal Kind zu sein, und sein Alltag nicht nur aus Schule, Lernen und Sport besteht. Ich mache mir Gedanken darüber, dass der Druck auf ihn zunehmen könnte. Mir ist schon wichtig, dass meine Söhne gut durch die Schulzeit kommen. Ich weiss, was es heisst, wenn die Noten nicht immer gut sind. Der Druck wird immer grösser, je älter man wird. Das möchte ich meinen Kindern ersparen. Ich würde sie aber niemals für schlechte Noten bestrafen. Man muss auch lernen, mit einem Abschiffer umzugehen. 
Ich finde es wichtig, dass ich zu Hause bin, wenn Silas und Laurin heimkommen. Sie sollen von ihrem Tag erzählen können und den Rückhalt spüren. Ich organisiere mich nach Möglichkeit um den Zeitplan der Kinder herum. Die Kinder müssen die Präsenz der Eltern auch spüren, wenn sie nicht mehr ganz klein sind. Ich hole sie vom Bahnhof ab, wenn sie zum Beispiel von einer Schulreise zurückkommen. Sie schätzen das.

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Bis jetzt hat mich noch nie jemand dafür kritisiert, dass ich auch für meine ‹grossen› Kinder so oft wie möglich da sein will. Es ist eher umgekehrt, man bewundert das, ich höre sogar manchmal, ich sei die perfekte Mutter. Das ehrt mich natürlich, ich bin das aber selbstverständlich nicht. Ich finde es vielleicht einfach wichtiger, präsent zu sein, als andere Eltern. Aber ich bin keine Klette, meine Kinder sind auch oft allein unterwegs. Zum Beispiel mit dem Scooter zum Training, und Silas geniesst es, wenn er alleine in der Badi ist. Beide sind sehr selbständig. Es gibt einen Unterschied zwischen Interesse an den Kindern und Kontrolle.

Wenn ich an Alkohol, Drogen und Ausgang denke, mache ich mir schon Sorgen. Aber ich hoffe, ich werde nicht eine von denen sein, die wach bleiben, bis ihre Teenager-Söhne heimkommen. Silas hat ein Handy, ist aber in keinem sozialen Netzwerk. Ich habe mir Instagram und Snapchat heruntergeladen und es mir vom Nachbarn erklären lassen, damit ich es verstehe. Im Moment erlaube ich es ihnen noch nicht. Ich möchte diese Handy-Abhängigkeit von heute so lange wie möglich hinauszögern. Aber sie sollen nicht darunter leiden. Wenn alle Fortnite spielen, dann schaue ich mir das an. Ich fand, ich kann mich mit dem Game arrangieren – ein Verbot nützt sowieso nichts, dann spielen sie einfach bei Freunden. Meine Jungs dürfen Gamen und Fernsehen, während der Schulzeit aber nur am Wochenende.

Ich bin ein Mensch, der sich manchmal zu viel hinterfragt. Wenn mit den Kindern etwas ist, frage ich mich zuerst, was gerade bei mir so läuft. Ich habe nicht den Anspruch, perfekt zu sein, aber dass man als Mutter alles richtig machen möchte, ist doch normal – oder kennen Sie jemanden, der in der Kinder­erziehung extra etwas falsch macht?»
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Zwei weitere Familien erzählen: 

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«Ja, ich bin voll Helikopter!»

Angie Nock aus Zürich mit Jamie, 6, und Alisha, fast 2.
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«Die physische Präsenz der Eltern ist genauso wichtig wie eine gewisse Selbständigkeit der Kinder»

Rahel Strebel, Kunsthistorikerin in der Ausbildung zur Gestaltungspädagogin, und Andreas Abegg, Anwalt und Dozent, aus Zürich, Eltern von Linus, 13, Flurin, 11, und Mina, 9.

Helikopter-Eltern:

Helikopter-Eltern: Zu viel des Guten?
Sie tun alles für ihre Kinder, beschützen und umsorgen sie. Helikopter-Eltern werden sie genannt, weil sie wie Hubschrauber über den Köpfen ihrer Kinder kreisen. Helikopter-Eltern haben einen schlechten Ruf. Warum eigentlich?

Das Heft 09/18 zum Thema Helikopter-Eltern können Sie hier nachbestellen


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