Familienleben

Ey, chill’s mal!

Wieso Kinder nicht alles können und machen müssen. Oder: Der völlig unterschätzte Wert des Nichtstuns.  
Text: Lukrecija Kocmanic
Bild: iStockphoto

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi
Wenn die Schule aus ist, machen die Kinder am liebsten: nichts. Oder um es in ihrer Sprache zu sagen: Sie wollen einfach nur chillen.

Gemäss der JAMES-Studie 2018 der Zürcher Hochschule für Angewandte Psychologie sind die liebsten Freizeitbeschäftigungen von Kindern, neben Sport und PC-Spielen, mit Freunden reden und nichts tun.

Kinder lieben ihre Freizeit und möchten diese entspannt und unspektakulär gestalten. Ein Grund dafür mag sein, dass unsere Leistungsgesellschaft heute auch vor Kindern keinen Halt mehr macht und Freizeit daher ein rares Gut geworden ist.

Freizeit ist wichtig und Kinder haben ein Recht darauf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das Recht auf Freizeit und Spiel ist im Artikel 31 der internationalen Kinderrechtskonvention festgehalten.

Talente wollen gefördert werden

Scheinbar ist das Recht auf Freizeit ein viel zu oft vergessenes Recht. Der (Schul-)Alltag eines Kindes lässt nur wenig Zeit für das freie Spiel. Viele Eltern wollen ihren Kindern einen möglichst vollen Rucksack an Fähigkeiten und Kompetenzen mit auf den Weg geben, wollen ihre Talente früh fördern und mögliche Schwächen rechtzeitig ausmerzen.

Wenn Kinder um 16 Uhr, oft auch erst um 17 Uhr von der Schule nach Hause kommen, gehts erst richtig los: durchatmen, Zvieri essen, Hausaufgaben machen, lernen. Danach folgt das individuelle Programm: privater Englischunterricht, Ballett, Reiten, Fussball, Tennis, Jugi, Klavier- oder Zeichenunterricht. Einfach mal «hängen», chillen und nichts tun, dafür bleibt kaum Zeit.

Spass bringt die Kinder nicht weiter im Leben, mögen sich viele Eltern denken. Dabei unterschätzen sie den Wert des informellen Lernens. Kinder lernen im Austausch miteinander, unterstützen sich gegenseitig und das Spiel ist ein wesentlicher Bestandteil davon. Dabei geht es darum, sich auszuprobieren, Neues zu entdecken und auch mal zu scheitern. 

Lernen, was einem Spass macht

Im Kinderdorf Pestalozzi versucht man diesem Bedürfnis – und diesem Recht – gerecht zu werden. Hier können Jugendliche in ihrer Freizeit kleine Projekte initiieren, freiwillig und unverbindlich. Denn auch das muss das Kind lernen: zu entscheiden, was ihm Spass macht. Dabei können unterschiedliche Formen der Freizeitgestaltung entstehen und die Fachpersonen vor Ort unterstützen die Kinder dabei. Manchmal hört man am Abend auch von Jugendlichen im Kinderdorf Pestalozzi den Satz: «Jetzt will ich nur noch chillen.» 

Das Recht haben sie, nicht nur bei uns im Kinderdorf, sondern auf der ganzen Welt.

Lukrecija Kocmanic ist Leiterin Freizeit im Kinderdorf Pestalozzi.

Über die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi

Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi ist ein international tätiges ­Kinderhilfswerk. Seit 1946 stehen Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Das Kinderdorf in Trogen ist ein Ort der Friedensbildung, an dem Kinder aus der Schweiz und dem Ausland im
Austausch lernen, mit kulturellen und sozialen Unterschieden umzugehen. In zwölf Ländern weltweit ermöglicht die Stiftung benach­teiligten Kindern den Zugang zu qualitativ guter Bildung.
www.pestalozzi.ch
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