«Ein Pflegekind wird nie ein eigenes Kind sein»
Familienleben

«Ein Pflegekind wird nie ein eigenes Kind sein»

Karin Gerber sagt, ein Kind müsse ­altersgerecht erklärt bekommen, warum es nicht bei seinen Eltern leben kann. Die Leiterin der Fachstelle Pflegekind Aargau über schöne ­Elternbesuche, widersprüchliche Gefühle und Loyalitätskonflikte.
Interview: Sandra Casalini 
Bilder: Daniel Auf der Mauer / zVg

Frau Gerber, Michael und Nico leben bei einer Familie, die nicht ihre eigene ist. Wie ist das für ein Kind?

Die beiden sind noch zu klein, um einordnen zu können, weshalb sie nicht in ihrer ursprünglichen Familie leben. Dennoch weiss man, dass eine frühzeitige Trennung als Bruch in der eigenen Biografie wahrgenommen wird. Die meisten Pflegekinder haben ja leibliche Eltern, die sie genauso lieben wir ihre Pflegefamilie. Umgekehrt sind auch die Kinder ihnen gegenüber loyal und verbunden. Es herrschen Umstände, die dagegen sprechen, dass das Kind bei ihnen lebt. Es ist wichtig, den Kindern diese Gründe altersgerecht zu erklären.

Das heisst, das Kind hat de facto mehrere Eltern. Was bedeutet das emotional?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich bekomme öfter von Kindern zu hören, dass sie es ganz schön finden, den Alltag mit der Pflegefamilie zu leben und die Besuche bei den leiblichen Eltern als etwas Aussergewöhnliches zu erleben. Viele Kinder empfinden aber auch sehr widersprüchliche Gefühle den eigenen Eltern gegenüber.

Zur Person:

Karin Gerber leitet die Fachstelle Pflegekind Aargau in Baden. Der Verein vermittelt Pflegekinder und berät und begleitet Pflegefamilien.
Karin Gerber leitet die Fachstelle Pflegekind Aargau in Baden. Der Verein vermittelt Pflegekinder und berät und begleitet Pflegefamilien.

Der zweijährige Nico weint vor den Besuchen bei seinen leiblichen Eltern.

Sein Lebensmittelpunkt ist in der Pflegefamilie, und so ist es durchaus möglich, dass ein Kind traurig ist oder weint, wenn es sich verabschieden muss. Kinder, die morgens in die Kita gebracht werden, weinen auch oft, und wenn sie mal da sind, ist alles in Ordnung. Schwierig wird es, wenn die Pflegeeltern zu sehr «mitleiden» und das Gefühl haben, dass das Kind bei den Eltern nicht gut aufgehoben ist. Sie sollten immer wieder reflektieren, ob es hier wirklich ums Kind geht oder um ihre eigenen Gefühle. Doch wenn das Kind durch die Besuche gefährdet ist, muss man einschreiten.

Wie merkt man das?

Am Verhalten des Kindes. Ich erinnere mich an ein neunjähriges Mädchen, das seit sieben Jahren in einer Pflegefamilie war und regelmässigen Kontakt zur leiblichen Mutter hatte. Irgendwann fing die Mutter an, sich dem Kind gegenüber negativ über die Pflegefamilie auszulassen. Das Mädchen wurde zunehmend verschlossener und konnte sich nicht mehr unbeschwert in der Familie bewegen. Sie «erstickte» fast an dieser Situation. Leider konnte der Loyalitätskonflikt, in dem sie sich befand, nicht aufgelöst werden und es erfolgte eine Umplatzierung in ein Heim.
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