Drogensüchtige Jugendliche: Was tun, wenn das Kind abhängig wird?
Familienleben
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Mein Kind nimmt Drogen – was tun?

Entdecken Eltern, dass ihre Kinder legale oder illegale Suchtmittel konsumieren, lautet die erste Regel: keine Panik. «Allein dass sie konsumieren, heisst nicht, dass sie abhängig werden», sagt Sanwald. «Hier bewegt sich vieles im Bereich des Ausprobierens.» Eltern sollten diese Phase dennoch ernst nehmen und eruieren: Was konsumiert mein Kind? In welchen Situationen tut es das? Wobei hilft ihm der Konsum vielleicht, welchen Effekt hat er? Dann gilt: In Beziehung und im Gespräch bleiben, dabei aber eine klare Haltung signalisieren. Im Sinne von «Du, ich finde das nicht gut und mache mir Sorgen». 

Unbedingt vermeiden sollte man es, die Elternrolle zu verlassen und auf beste Freunde zu machen, um an Informationen zu kommen, oder – das andere Extrem – drakonische Strafen auszusprechen. Was nicht heisst, dass Eltern keine Regeln setzen sollten. «Wenn man weiss, dass der Jugendliche regelmässig im Ausgang unter der Woche konsumiert und darunter Schule oder Lehre leiden, kann die Regel lauten: kein Konsum, wenn am nächsten Tag die Ausbildung ­wartet», sagt Sanwald. «Zugewandt, aber beharrlich ist in diesem Zusammenhang eine empfehlenswerte Kombination.»

Zur Autorin:

<div>Claudia Füssler hat nahezu null Erfahrung mit legalen und illegalen Drogen und sich deswegen zu Teenager- und Studentenzeiten oft extrem uncool gefühlt. Nach der Recherche zu diesem Dossier hat sich bei ihr jedoch der Eindruck verfestigt, dass uncool manchmal verdammt cool ist.</div>
Claudia Füssler hat nahezu null Erfahrung mit legalen und illegalen Drogen und sich deswegen zu Teenager- und Studentenzeiten oft extrem uncool gefühlt. Nach der Recherche zu diesem Dossier hat sich bei ihr jedoch der Eindruck verfestigt, dass uncool manchmal verdammt cool ist.

Wie viel ist zu viel?

Das grosse Problem bei allen Substanzen: Es gibt keine allgemeingültigen Angaben dazu, ab wann die Grenze vom Ausprobieren zur Sucht überschritten ist. Menschen reagieren unterschiedlich auf Substanzen, zudem spielen zahlreiche Faktoren wie Alter, Konsummenge, Konsumhäufigkeit, genetische Veranlagung und Geschlecht eine Rolle. Experten weisen darauf hin, dass der Konsum von Substanzen nicht erst dann problematisch ist, wenn eine Abhängigkeit besteht. Alkohol oder Drogen können bereits bei einmaligem übermässigem Konsum schwere gesundheitliche Schäden verursachen. Generell gilt: Es gibt keinen Konsum ohne Risiko. Je weniger man konsumiert, umso geringer ist die Gefahr, dass Probleme oder eine Abhängigkeit entstehen. Das trifft besonders auf Kinder und Jugendliche zu, deren körperliche und geistige Entwicklung vom Substanzkonsum beeinträchtigt werden kann. Auch bei substanzungebundenen Abhängigkeiten wie dem Gaming oder der Internetsucht gibt es keine allgemeingültigen Zeiträume, ab denen man von einer Sucht sprechen kann. 

Experten raten hier, sich zu fragen, inwiefern das betreffende Verhalten das eigene Leben beziehungsweise das des Kindes beeinflusst. Werden andere ­Interessen und Verpflichtungen vernachlässigt, ist das problematisch. Ebenso, wenn beispielsweise das ständige Online-Sein dabei helfen soll, innere ­Spannungen abzubauen. Wenn Sie unsicher sind, lassen Sie sich individuell von Fachpersonen beraten.

Wann ist man abhängig?

Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch verwendet man hauptsächlich die Begriffe Abhängigkeit, Abhängigkeitssyndrom und substanzgebundende Abhängigkeiten. Das soll verdeutlichen, dass es sich um Krankheiten handelt. Die Bezeichnung «Sucht» wird häufig als Stigmatisierung der Betroffenen gesehen, aber nach wie vor in offiziellen und inoffiziellen Zusammenhängen gebraucht. 

Eine Abhängigkeit liegt dann vor, wenn ein Mensch das Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand hat und dieses Verlangen nicht mit Hilfe seines Verstandes bändigen kann, sondern ihm nachgibt. Das beeinträchtigt in der Folge die freie Entfaltung der ­Persönlichkeit und das soziale Leben des Betroffenen. Es wird unterschieden zwischen substanzgebundenen Abhängigkeiten wie Drogensucht, Nikotinsucht, Medikamentensucht und substanzungebundenen Abhängigkeiten wie Glücksspielsucht, Internetsucht, Kaufzwang, Arbeitssucht, Handysucht.

Zahlen und Fakten 

Das Bundesamt für Gesundheit erfasst in seinem Monitoringsystem «Sucht und nichtübertragbare Krankheiten», wie viele Jugendliche in der Schweiz Substanzen konsumieren. Demnach haben 2018 rund 32 Prozent der Jugendlichen zwischen 11 und 15 Jahren mindestens gelegentlich Alkohol getrunken. 1994 waren es 62 Prozent gewesen. Auch der Tabak hat an Popularität ­verloren: Im Jahr 1994 hatten von den Jugendlichen zwischen 11 und 15 Jahren 18,1 Prozent geraucht, 2018 waren es nur noch 5,7 Prozent. Beliebter geworden ist dagegen Cannabis: 12,5 Prozent der 14- bis 15-jährigen Mädchen haben es mindestens einmal konsumiert, bei den Jungen waren es 21,7 Prozent. Im Jahr 1994 hatte der Anteil bei 10,8 Prozent der Mädchen und 17,3 Prozent der Jungen gelegen. 
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