Die Kinder sind bald flügge –  ein Sommerdrama
Familienleben

Die Kinder sind bald flügge – ein Sommerdrama

In ihrem Haus am See denkt Michèle Binswanger darüber nach, wie ihr Leben sein wird, wenn die Kinder ausgeflogen sind.
Text: Michèle Binswanger
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Alle sind abgereist und ich bleibe allein zurück im Haus am See. Die Situation kam unerwartet, eigentlich wollte ich eine Woche mit Freunden, Familie oder meinem Freund verbringen. Aber sich unglücklich verquickende Corona-Umstände machten aus meinen Ferien am See einsame Tage.

Auf einem Balken am Haus liegt ein kleines Nest. Es gehört einem Paar Hausrotschwänze, den ganzen Tag fliegen sie hin und weg und füttern den Nachwuchs. Die beiden Eltern keckern jeweils laut und aufgeregt, wenn ich auf der Terrasse sitze und sie störe. Aufgeregt hüpfen sie dann im angrenzenden Wäldchen von einem Ast zum anderen, bevor sie all ihren Mut zusammen nehmen und das Nest anfliegen. Manchmal drehen sie mitten im Flug um und wagen sich erst nach mehreren Anläufen zum laut fiepsenden Vögelchen.

Ich fürchtete mich ein wenig davor, hier allein zu sein. Und es dauerte eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt hatte. So wie wenn man im ersten Morgenlicht aus einem Nachtclub stolpert und die Ohren für einen Moment taub sind, bis die durchdringenden Geräusche nach und nach das Bild eines ganz normalen Tages zeichnen. So ähnlich ist es, unerwartet allein zu sein.

Zuerst das Gefühl, dass die eigenen Handlungen nur Bedeutung haben in Bezug auf andere und es vollkommen bedeutungslos ist, ob ich das Geschirr stehen lasse oder nicht. Natürlich steht dahinter die Frage, ob man irgendeine intrinsische Persönlichkeit hat, die auch ohne Bezug zu den Mitmenschen existiert. Und wer ich überhaupt bin, losgelöst vom Alltag, der Familie, den Freunden. Ich frage mich, wer meine Kinder heute sind. Nicht mehr die süssen Babys, die kleinen Nervensägen, die hilflosen Wesen, die ich stark zu machen versuchte, um sie zu befähigen, der Welt gegenüberzutreten. Sie sind fast erwachsen und leben bald ihr eigenes Leben. Trotzdem werde ich immer ihre Mutter bleiben. Und sie meine Kinder.

Nach ein paar Tagen kam es zum Drama bei den Hausrotschwänzen. Das Vögelchen verliess das Nest und hüpfte auf dem Balken hin und her. Dabei spreizte es seine Flügel und flatterte aufgeregt. Ich fragte mich, ob die Eltern sich wohl freuen, dass der Nahrungsbeschaffungsstress bald vorbei ist oder was das Ereignis für sie bedeutet. Und wie würde das kleine Vögelchen nun fliegen lernen? Ich wunderte mich auch, dass dieses Vögelchen gar nicht so klein, sondern ziemlich gross schien im Vergleich zu den Eltern, und zudem anders aussah. Aber von unten konnte ich nicht allzu viel erkennen und von Vogelkunde habe ich wenig Ahnung. Das Vögelchen hüpfte wild herum, als plötzlich etwas vom ­Balken herunterfiel. Es näher inspizierend, fand ich zwei hauchdünne Stücke von etwas, das wie eine ­Schale aussah und glibberige, weiss und gelbe Substanz, die sich auf die Terrasse entleert hatte. Ein Ei war aus dem Nest gefallen.

Sein Geist scheint förmlich zu explodieren

Meine Kinder sind schon fast erwachsen. Wenn ich mit meinem Sechzehnjährigen telefoniere, stelle ich fest, dass er mehr Mann als Kind ist. Er scheint sich so schnell zu verändern, wie das seit den Babyjahren nicht mehr der Fall war. Und damit meine ich nicht den Bartflaum, der spriesst, oder die Muskeln, die seinen Körper formen. Es ist sein Geist, der förmlich zu explodieren scheint. Manchmal, wenn wir zusammen essen, entspannt sich eine Diskus­sion und ich staune ob der Überlegungen, die er macht. Wie klug er ist, wie selbständig im Denken. So lange habe ich jeden seiner Schritte in die Welt begleitet – nun gibt er mir Einblicke in die völlig neue Welt seines Geistes. Er spricht schon davon, auszuziehen.

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