Daniel Paquette: Die unterschätzte Rolle der Väter
Familienleben

Die unterschätzte Rolle der Väter

Fast überall auf der Welt sind Väter viel weniger in den Alltag ihrer Kinder involviert als Mütter. Dies obwohl ihr Engagement in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat – besonders in gut situierten Familien westlicher Länder. Trotzdem ist der Einfluss der Väter gross.
Text: Daniel Paquette
Bild:
Anna Shvets von Pexels

Dieser Text erschien zuerst in englischer Sprache auf
www.boldblog.org.
Väter fungieren weltweit haupt­sächlich als Versorger und Beschützer der Familie, wenn die Kinder klein sind. Heutzutage jedoch, da sie vermehrt auch als Betreuer gefordert werden, wird manchmal unterschätzt, wie wichtig ihre Rolle als Versorger ist. Untersuchungen zeigen nämlich, dass der Beitrag von Vätern zum materiellen Wohl der Familie wichtig ist, um die physische Gesundheit der Kinder zu verbessern und die Kindersterblichkeit zu reduzieren. Deshalb sind beide Arten der Beteiligung – die direkte (in der Kinderbetreuung) und die indirekte (als Versorger) – wichtig.
 
Kinder bauen eine Bindung zu ihrem Vater auf, selbst wenn dieser weniger involviert ist als die Mutter. Wie viel Zeit ein Vater mit seinem Kind verbringt, hat dabei weniger Einfluss auf die Bindung als die Qualität ihrer Interaktion. Kinder mit einer sicheren Bindung zu einem Elternteil wissen, dass sie sich auf diesen verlassen können, wenn sie in Not sind oder etwas brauchen. 
«DieBindungen des Kindes an die beiden Elternteile sind verschieden und ergänzen sich.»  Daniel Paquette ist Verhaltensforscher und Primatologe. Er lehrt an der School of Psychoeducation der Universität Montreal in Kanada Beobachtungsverfahren, ­Eltern-Kind-Bindung und evolutionäre ­Entwicklungspsychologie. In seiner ­Forschung befasst er sich hauptsächlich mit der Vater-Kind-Bindung und der ­Entwicklung von sozialen Kompetenzen bei Vorschulkindern im Zusammenhang mit ihrem Geschlecht.
«DieBindungen des Kindes an die beiden Elternteile sind verschieden und ergänzen sich.»

Daniel Paquette ist Verhaltensforscher und Primatologe. Er lehrt an der School of Psychoeducation der Universität Montreal in Kanada Beobachtungsverfahren, ­Eltern-Kind-Bindung und evolutionäre ­Entwicklungspsychologie. In seiner ­Forschung befasst er sich hauptsächlich mit der Vater-Kind-Bindung und der ­Entwicklung von sozialen Kompetenzen bei Vorschulkindern im Zusammenhang mit ihrem Geschlecht.
Allerdings spielt die Zeit, die mit dem Kind verbracht wird, eine ­Rolle dabei, zu welchem Elternteil das Kind die primäre Bindung aufbaut. Da dies üblicherweise die Mutter ist, tendieren Kinder dazu, sich zuerst an sie zu wenden, wenn sie Trost brauchen, auch wenn beide Elternteile präsent sind. Selbstverständlich werden sie bei Abwesenheit der Mutter den Vater allen anderen ­Personen vorziehen – vorausgesetzt, dieser ist die sekundäre Bezugsperson. Die Situation ist umgekehrt, wenn der Vater die primäre Bezugsperson ist.

Das Kind ermutigen, sich in die Welt hinaus zu wagen

Eine weitere Art von Bindung entwickelt sich, wenn Eltern ihre ­Kinder dazu ermutigen, sich aktiv mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Dabei entsteht eine sogenannte «Aktivierungsbeziehung»: Eltern ermuntern ihre Kinder dazu, in ungewohnten Situationen die Initiative zu ergreifen, ihre Umwelt zu erkunden, Risiken einzugehen, Hindernisse zu überwinden, sich gegenüber Fremden selbstbewusst zu zeigen und für sich selber einzustehen.
Beide Arten der Beteiligung – die direkte in der Betreuung der Kinder und die indirekte als Versorger – sind wichtig.
Damit sich Kinder erfolgreich an ihre Umgebung und ihr soziales Umfeld anpassen können, müssen sie diese zuerst erkunden. Das bedingt, dass sie ein gewisses Risiko eingehen. Deshalb ermuntern Eltern ihre Kinder, Risiken einzugehen, und leiten sie dabei gleichzeitig an, um die Gefahr zu minimieren. Indem Eltern das Eingehen von Risiken in einem altersgerechten Rahmen fördern, ermöglichen sie ihren Kindern, körperliche und soziale Fähigkeiten zu entwickeln, und reduzieren so das Risiko negativer Folgen.

Typischerweise ist der Vater die primäre Aktivierungsperson eines Kindes. So wenden sich Kinder eher an den Vater, wenn es um aufre­gende Erlebnisse und körperbetonte Interaktionen geht – zum Beispiel um spielerisches Herumtoben. Doch genauso wie ein Mann die primäre Bezugsperson sein kann, kann bei einem heterosexuellen Paar in Ausnahmefällen auch eine Frau die primäre Aktivierungsperson sein. Einige Forschungshypothesen gehen davon aus, dass auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften die Elternteile aus den gleichen Gründen komplementäre Rollen übernehmen. Damit können sie die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Kinder optimal erfüllen.
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Typischerweise wenden sich Kinder eher zum Vater hin, wenn es ums Herumtoben geht.
Die Quintessenz ist, dass die Bindung des Kindes an einen Elternteil nicht weniger wichtig ist als die Bindung an den anderen. Sie sind einfach verschieden und ergänzen sich.

BOLD Blog

Der Blog, eine Initiative der Jacobs ­Foundation, hat sich zum Ziel gesetzt, einer weltweiten und breiten Leserschaft näherzubringen, wie Kinder und Jugendliche lernen. ­Spitzenforscherinnen wie auch Nachwuchswissenschaftler teilen ihr Expertenwissen und diskutieren mit einer wissbegierigen Leserschaft, wie sich Kinder und Jugendliche im 21. Jahrhundert entwickeln und ­entfalten, womit sie zu kämpfen haben, wie sie spielen und wie sie Technologien nutzen.

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Lesen Sie mehr zum Thema Väter:

  • Dossier: Väter
    In diesem Dossier finden Sie Artikel und Interviews über die Bedeutung von Vätern für die Kinder, ihre Rechte und ihre Rolle im Familiengefüge und der Gesellschaft. Und natürlich kommen vor allem die Väter selbst mit ihren Erfahrungen zu Wort.

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    Noch immer gelten die Mütter als die engsten und wichtigsten Bezugspersonen ihrer Kinder. Dabei sind die Väter genauso fähig. Sie müssen aber selber aktiv werden.

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