Corona-Zeit ist Filmzeit findet Mikael Krogerus
Familienleben

Corona-Zeit ist Filmzeit

Begrenzung statt Uferlosigkeit, findet Mikael Krogerus. Und versucht, seinen Kindern neu Filme statt Serien zu zeigen. 
Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Die endlosen Lockdown-Tage führten in unserer Familie – wie wohl in jeder – zu einem vermehrten TV-Konsum. Netflix ist das Gebot der Stunde. «Haus des Geldes», «Gilmore Girls» und «Prison Break» sind Favoriten unserer Kids, aber das Ewig-Serielle, das atemlose Nie-enden-Wollende machte mich mit der Zeit wahnsinnig. Kaum läuft der Abspann, hat man nur wenige Sekunden Zeit, um die Eindrücke sacken zu lassen, schon beginnt die nächste Folge. «So kann man immer weiterschauen», erklärte meine Tochter, «tagelang», erwiderte ich. Sie nickte begeistert. 

Nach einer Weile beschloss ich, die Strategie zu wechseln: Film statt Serie. Begrenzung statt Uferlosigkeit. Einmal 120 Min statt drei Mal 48. Es ist für eine Generation, die mit Serien aufgewachsen ist, gar nicht so leicht, umzusteigen; man muss sich das vorstellen wie von Computer auf Schreibmaschine zu wechseln. Es geht schon, aber warum? 

Serien sind in ihrer Vielschichtigkeit der Sehnsuchtsort Heranwachsender geworden. Sie wollen wissen, wie sich die Figuren entwickeln, wollen in ihre tiefsten Abgründe blicken und ihre banalsten Erfahrungen teilen, wollen ihnen so nahe sein, wie sie sich selbst nie kommen werden. Die Serie ist, das ist schon mehrfach geschrieben worden, der Roman des 21. Jahrhunderts. Denn die Art, wie Kinder Serien rezipieren, ist dem Lesen eines Buches nicht unähnlich. Dialoge oder Szenen werden noch einmal angeschaut, sie springen zurück aber «blättern» auch mal weiter, wenn es langweilig wird. Und wie bei der Lektüre eines umfangreichen Romans braucht auch die angemessene Rezeption einer Serie vor allem eins: Zeit.

Wie also sollte ich die Kids von diesem Pfad abbringen? Ich folgte der uralten Erziehungs-Maxime: Sage ihnen nicht, was sie machen sollen, zeige ihnen, wie viel Spass es dir macht. 
Ich folgte der uralten Erziehungs-Maxime: Sage ihnen nicht, was sie machen sollen, zeige ihnen, wie viel Spass es dir macht. 
Also schaute ich noch einmal meine Lieblingsfilme. Und was soll ich sagen. Es gibt fast nichts Besseres, als gemeinsam mit den Kindern die Filme schauen, die man selbst als Kind gerne sah.  

Es gelten dabei ein paar Regeln: 
Schau mit deinen Kindern immer nur Filme, die ein bisschen verboten sind. Also Filme, die dir damals Angst machten, aber auch viel Lust. Aufs Älterwerden. 
Mach dich auf Enttäuschungen gefasst. Nicht alles wird besser mit dem Alter.

Ich schaute in diesen Wochen mit meiner 13-Jährigen:
«Der Pate» – Meiner Tochter gefiel vor allem Marlon Brando, tagelang machte sie uns Angebote «die du nicht ablehnen kannst“.
«Der Pate II»  – Fand sie kompliziert, aber in seiner Kaltherzigkeit noch interessant.
«Der weisse Hai» – Ganz nett, aber noch heute erzählt sie ihren Freundinnen kichernd, wie ihre Mutter neben ihr auf dem Sofa plötzlich aufschrie, als «ein Metallhai» aus dem Wasser auftauchte.
«Stand By Me» – Cool, kommentierte sie, aber warum sind nur Jungs und keine Mädchen in dem Film? 
«The Breakfast Club» – Schaute sie nur mir zuliebe zuende. Nichts an dem Teenie-Film, der mich damals so bewegt hatte, ist noch gut. Und ich musste erschrocken feststellen, dass ich mich am ehesten in dem Vater wiedererkenne, der sein Kind ins Nachsitzen fährt.

Für das Wochenende planen wir «Spiel mir das Lied vom Tod», aus aktuellem Anlass «Blackkklansman» und als verstörenden Abschluss «The Shining». Mir ist klar, dass das keine passenden Filme für 12-Jährige sind – bitte folgen Sie nicht meinem Beispiel! Andererseits hatte meine Tochter schon früh einen speziellen Geschmack. Gestählt von der feministischen, anti-faschistischen Erziehung ihrer Mutter gab sie bereits mit 11 Jahren in der Schule zu Protokoll, ihre Lieblingsfilme seien «Schindlers Liste», «Sterben für Anfänger» und «Sister Act» an. Ich fürchtete einen Anruf der Lehrerin. Stattdessen fragten ihre Freundinnen, ob sie nicht mal wieder zu einem Filmabend bei uns kommen könnten. 

Mikael Krogerus ist Autor und Redaktor des «Magazin». Der Vater einer Tochter und eines Sohnes lebt mit seiner Familie in Basel.

Neu schreibt er einmal pro Woche eine Kolumne zum Thema Corona. 

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