Annette Cina: «Eltern brauchen immer ein Extra-Reservoir an Energie»
Familienleben

«Eltern brauchen ein Extra-Reservoir an Energie»

Die Familienforscherin Annette Cina weiss, unter welch grossem Druck heute viele Eltern stehen. Sie müssen besser für sich selber sorgen, sagt die Psychogin, damit es auch den Kindern gut geht.
Interview: Julia Meyer-Hermann
Bild:
Fabian Hugo / 13 Photo

Frau Cina, im Alltag vieler Familien nehmen die Interessen der Kinder einen nicht unerheblichen Raum ein. Verlieren Eltern dabei nicht die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick?

Die Selbstfürsorge der Eltern ist ­tatsächlich eines der wichtigsten Themen in der Erziehungsproblematik. Dieser Punkt wird von vielen Vätern und Müttern vernachlässigt. Mit gravierenden Konsequenzen.

Von welchen Konsequenzen sprechen Sie?

Alle Eltern stehen vor der Herausforderung, überhaupt zu erkennen, wie es ihrem Kind geht, in welcher Entwicklungsphase es ist – und entsprechend zu reagieren. Wenn ich als Elternteil ruhig bin, gelingt mir das besser. Bin ich gestresst, überfordert oder ringe mit etwaigen Konflikten, habe ich nicht genügend Ressourcen, um auf das Kind einzugehen. Kinder reagieren aber sehr schnell darauf, wenn sie nicht bekommen, was sie benötigen. Dann treten Probleme auf oder verstärken sich. Das Thema der elterlichen Selbstfürsorge ist für das Wohlergehen der Kinder also extrem wichtig.

Jetzt gibt es aber in der kindlichen Entwicklung immer wieder Phasen, in denen Eltern meinen, gar keine Zeit fürs eigene Wohlergehen zu haben.

Gerade am Anfang, in der Säuglingsphase, ist das Kind natürlich darauf angewiesen, dass die Eltern prompt reagieren. Wenn es schreit, braucht es schnell eine Rückmeldung. Wesentlich ist dann, ob ich mich als Elternteil auf den Rhythmus des Kindes einlassen kann und seine Ruhephasen nutze, um mir selbst etwas Gutes zu tun – und nicht beispielsweise dafür, die Wohnung aufzuräumen oder anderes Liegengebliebenes zu erledigen. Aber mit diesem Kontrollverlust haben viele Eltern ein Problem.

Müssen Eltern lernen, mehr Chaos zu akzeptieren?

Kinder stören die gewohnten Ab­läufe. Weil Eltern oft unerwartet auf sie reagieren müssen, können sie ihre Routinen nicht aufrechterhalten. Wir sind aber Gewohnheits­tiere. Wir wollen Struktur und Kontrolle. Elternschaft bedeutet, dass vieles anders läuft, als man es geplant hat. Je nachdem, wie gut man mit diesem Kontrollverlust umgehen kann, ist man mehr oder weniger gestresst. Wer Zuversicht bewahrt, wer sich sagen kann: «Okay, das ist jetzt schwierig, aber wir kriegen das hin», dem geht es auch in anstrengenden Phasen besser.
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Umgekehrt raten aber viele Pädagogen, Kinder frühzeitig an die vertrauten Abläufe zu gewöhnen. 

Flexibel zu agieren, bedeutet nicht, unstrukturiert in den Tag zu leben. Es hilft, in der Familie einen bestimmten Rhythmus zu etablieren. Wenn Eltern Abläufe und Grenzen vorgeben, weiss ein Kind: «Aha, so läuft das bei uns». Das gibt ihm Sicherheit. Wenn ein Kind weiss, was von ihm erwartet wird, wird es in der Regel ruhiger. Vielleicht nicht sofort, aber mit der Zeit adaptiert es die Struktur. Das wiederum gibt den Eltern Halt. Wenn sie wissen, wann zum Beispiel die Kinder ins Bett gehen, können sie ihre Pausen, ihre Selbstfürsorge einplanen.

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Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Erziehen ohne Schimpfen. Lesen Sie mehr zum Thema, wie: Kinder verlangen ihren Eltern viel Geduld ab. Ruhig zu bleiben lohnt sich, denn schimpfen bringt nichts. Wie aber funktioniert Erziehung, ohne laut zu werden?

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