Sorgen oder Freude vor dem Schulstart
Familienleben

Gemischte Gefühle vor dem Schulstart: «Es ist kompliziert» 

Ab dem 11. Mai dürfen die meisten Schweizer Kinder wieder zur Schule. Freuen sie sich eigentlich darüber? Was ist mit denen, die weiterhin zu Hause bleiben müssen? Und wie sehen das Eltern und Lehrpersonen? Eine Familie erzählt. 
Aufgezeichnet von Sandra Casalini
Bild: Pexels
Bei Familie Zimmermann* aus dem Kanton Zürich war – wie bei den meisten anderen Familien auch – nicht viel «normal» in den vergangenen Wochen. Ausser, dass Vater Christoph nach wie vor täglich ins Büro, eine kleine Vermögensverwaltung, ging. Primarlehrerin Ellen Zimmermann unterrichtete ihre erste Klasse per Fernunterricht. Auch die Töchter Lena, 15, und Svenja, 12, lernten vor dem Bildschirm. Ab Montag steht Ellen wieder zwei Tage die Woche vor ihrer Klasse, die Sechstklässlerin Svenja geht halbtags zur Schule. Gymnasiastin Lena hingegen büffelt bis auf Weiteres zu Hause, da weiterführende Schulen wie Gymnasien oder Universitäten noch geschlossen bleiben.
Lena: Das ist schon ein komisches Gefühl, dass ich dann manchmal ganz allein zu Hause bin. Ich finde den Fernunterricht sehr streng. Aber er hat auch Vorteile. Zum Beispiel kann ich die Zeit, in der ich sonst auf dem Schulweg wäre, für Yoga nutzen.

Ellen: Ich bin sehr froh, dass ihr beide so selbstständig seid und wenig Unterstützung braucht beim Lernen. Ich weiss nicht, wie ich das sonst hingekriegt hätte. Wir Lehrerinnen und Lehrer wurden anfangs recht ins kalte Wasser geworfen, mussten planen, herausfinden, was, wie läuft. Ich arbeitete plötzlich jeden Tag statt nur noch zwei Tage pro Woche. Die stundenlange Bildschirmzeit finde ich sehr anstrengend, das war ich mir nicht gewohnt. In den Ferien musste ich Online-Weiterbildungen besuchen. Und für einmal war ich die Schülerin, denn Lena und Svenja kennen sich viel besser aus als ich. Sie erklärten mir Online-Tools wie Teams, Zoom oder OneNote und übten mit mir! 
Christoph: Es ist ein grosses Glück, dass die Mädchen sich schon so gut auskannten mit all den Tools. Um ihren Unterricht an und für sich müssen wir uns sehr wenig kümmern. Die grosse Herausforderung ist, eine Struktur in den Tag zu bekommen, zu schauen, dass sie nicht den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen, und auch mal raus gehen. Das ist nicht immer einfach. Teenager haben eher selten Lust, mit ihren Eltern spazieren zu gehen.

Svenja: Ich übe lieber im Garten Fussball-Tricks, dafür habe ich sonst nicht so Zeit. Und ich habe das Zeichnen wiederentdeckt.

Lena: Und ich habe fast jeden Mittag gekocht.

Ellen: Überhaupt war es schön, Lena wieder «richtig» bei uns zu haben. Sie ist sonst den ganzen Tag weg. Wir haben gemerkt, wie wichtig es ist, dass man es als Familie zusammen schön hat. Auch wenn natürlich nicht jeder Tag harmonisch war, aber das muss man dann halt auch aushalten. 
Wir haben gemerkt, wie wichtig es ist, dass man es als Familie zusammen schön hat. 
Lena: Es war schon schön, mal ein bisschen mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Trotzdem freue ich mich jetzt drauf, wieder mehr raus zu gehen. Ich würde eigentlich auch gern wieder zur Schule. Sich jeden Tag selbst zum Lernen zu motivieren, ist recht schwierig, vor allem, da es keine Tests gibt. Und mir fehlen meine Hobbys.

Ellen: Ich vermisse vor allem die Selbstverständlichkeit, Dinge zu tun oder zu lassen, auch im Hinblick auf den Schulstart. Hygienemassnahmen, Abstandsregeln – alles ist plötzlich so kompliziert.

Christoph: Das macht mir auch Mühe. Keine Treffen mit Geschäftspartnern oder Freunden mehr, und wenn ein WhatsApp von Ellen kommt, ich solle auf dem Nachhauseweg noch WC-Papier holen, gerate ich in leichte Panik, weil abends die Regale leer sind. Und dann musst du genau drauf achten, wo du hinstehst, damit du niemandem zu nahe kommst.
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