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Berufswahl

Ich will ans Gymi

Das Gymnasium ist mehr als eine Leistungsschule. Hier lernen Jugendliche in Zusammenhängen zu denken, kritisch zu hinterfragen und zu argumentieren. Wer die gymnasiale Mittelschule aber für den einzigen Weg zu Studium und Karriere hält, liegt falsch.
Text: Stefan Michel
Fotos: 
Ornella Cacace/ 13Photo
Ein ganz normaler Tag an der Mittelschule: am Morgen je eine Lektion Mathematik, Französisch, Geschichte und Chemie. Nach einer Stunde Mittagspause geht es weiter mit Italienisch, Geografie, Sport und Physik. Gut möglich, dass in einer oder mehreren Stunden eine Prüfung zu schreiben ist. Zu Hause halten einen Hausaufgaben und Lernen für weitere Prüfungen vom wohlverdienten Abhängen mit den Kollegen ab. Kein Zweifel, das Gymi, die Kanti oder wie die gymnasiale Mittelschule in der jeweiligen Region genannt wird, ist eine harte Zeit – ausser für ein paar Hochbegabte, die auch den breiten Fächerkatalog und das Lerntempo der Mittelschule spielend meistern.

Das Gymnasium ist auch die Zeit, in der junge Menschen ihren Horizont enorm erweitern, in der sie über mehr Themen Bescheid wissen als davor und danach in ihrem Leben: vom Bohrschen Atommodell bis zur Rolle der Jakobiner während der Französischen Revolution und von der Integralrechnung bis zur lateinischen u-Deklination. Es ist eine Zeit, in der man sich eine Meinung zu vielem bildet, diskutiert, Pläne schmiedet, Wissen aufsaugt und auch gerne weitergibt. Und daneben immer wieder für Prüfungen lernt, ob einem das Fach liegt oder nicht, Hunderte Französisch- oder Lateinvokabeln paukt, eine Nacht durcharbeitet, weil man mit der Semesterarbeit zu spät begonnen hat.

Denken in Zusammenhängen

Danach gefragt, was man können müsse, um am Gymnasium zu bestehen, sagt die Winterthurer Gymnasiastin Julie Baumann: «Man muss Zusammenhänge verstehen. Auswendiglernen reicht nicht. Und man muss mit Druck umgehen können.» Immer Ende Semester nimmt dieser zu, eine Prüfung folgt auf die nächste. Wer den geforderten Notenschnitt nicht erreicht, besucht das nächste Semester provisorisch. Bleibt auch das nächste Zeugnis unter den Anforderungen, wird die Klasse wiederholt. Zweimaliges Wiederholen geht nicht. Dann ist die Gymizeit zu Ende.

Und was sollen die Mittelschüler lernen? Gisela Meyer Stüssi, Lateinund Griechischlehrerin am Freien Gymnasium Bern, fasst zusammen: «Einerseits müssen die Schülerinnen und Schüler fachlich und auffassungsmässig reif für die Hochschule sein. Anderseits ist die vertiefte Gesellschaftsreife ein Ziel. Damit sind ein breites Wissen gemeint und die Grundlagen, um später einmal gesellschaftlich wichtige Aufgaben wahrnehmen zu können. Es geht nicht nur um Wissen, das Punkt für Punkt abgefragt werden kann.»
«Man muss Zusammenhänge verstehen. Auswendiglernen reicht nicht. Und man muss mit Druck umgehen können.»
Julie Baumann, Gymnasiastin aus Winterthur
Meyer Stüssi ist Vizepräsidentin des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer und verfolgt die Entwicklung an den Mittelschulen. Dass auch angehende Primarlehrer, Kindergärtner oder Physiotherapeuten eine Matur brauchen, habe neue soziale Gruppen in die Mittelschulen gebracht. «Das hat dem Klima an den Mittelschulen gutgetan», sagt sie. Von einem generellen Run auf die Mittelschulen und einer Maturaum- jeden-Preis-Mentalität will Meyer Stüssi nichts wissen. Unter Verweis auf eine Studie des Bildungshistorikers Lucien Criblez sagt sie: «Den grössten Teil des Anstiegs der Maturitätsquote machen die jungen Frauen aus. Davor besuchten wenige von ihnen das Gymnasium, heute sind sie sogar leicht in der Überzahl. Und die jungen Menschen vom Land haben aufgeholt.»
Jérémy Donath, 18, Kantonsschule Enge, 2. Klasse, Zürich
Jérémy Donath, 18, Kantonsschule Enge, 2. Klasse, Zürich

Fairer, als man meint

Ein anderes viel diskutiertes Thema sind private Vorbereitungskurse für die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium. «Ein reines Zürcher Problem», sagt Meyer Stüssi. Dies vor allem, weil der Kanton Zürich als einer der wenigen Aufnahmeprüfungen durchführt und nicht einfach den Notenschnitt oder die Empfehlung der davor besuchten Schule entscheiden lässt. An den Vorbereitungskursen stört sie nur, dass viele Volksschulen privaten Institutionen das Feld überlassen. «Dabei ist Üben das, was heute an der Schule zu kurz kommt.» Nichts anderes werde in den Kursen gemacht. «Man lernt dort nicht zusätzlichen Stoff, sondern wie man technisch an die Prüfung herangeht.»

Während einiger Jahre führte man in Zürich zusätzlich zu den Aufnahmeprüfungen einen Test der allgemeinen kognitiven Fähigkeiten durch («AKF-Test»). Man wollte herausfinden, ob Kinder aus bildungsfernen Haushalten in den Prüfungen schlechter abschnitten, als sie es von ihrer Intelligenz her vermöchten. Die Resultate von Aufnahmeprüfung und AKF-Test waren weitgehend deckungsgleich. Einzige Ausnahme: Unter jenen, deren Prüfungsleistung hinter ihren kognitiven Fähigkeiten zurückblieb, waren die Jungen übervertreten. Dieses Phänomen ist aus vielen Schulen bekannt. Männliche Teenager neigen eher dazu als weibliche, zu wenig zu lernen und deshalb ihr geistiges Potenzial nicht auszuschöpfen. Generell bestanden die Intelligentesten die Gymiprüfung.

Gut für alle ist, dass das Gymnasium längst nicht mehr der einzige Weg zu Matur und Studium ist. Berufs- und Fachmittelschulen sind eine Alternative, Maturitätsschulen für Erwachsene eine weitere Möglichkeit. Wer bereit ist, einige Stunden zusätzlich zu lernen und die nötige Intelligenz besitzt, hat auch nach einer Berufslehre alle Chancen auf ein Hochschulstudium. Ein interessantes Berufsleben lässt sich im Übrigen auch ohne Studium erreichen.
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