Familiensache Berufswahl
Berufswahl

Familiensache Berufswahl

Die Berufswahl ist auch ein Beziehungstest für Eltern und ihre Kinder. Für Jugendliche ist die Berufswahl die erste grosse Entscheidung, die sie selber fällen. Für die meisten Eltern dagegen ist es die letzte, auf die sie wirklich Einfluss nehmen können. 
Text: Stefan Michel
Bild: Roshan Adhihetty
Das Leben ist voller Premieren. Das gilt ganz besonders für das Elternsein. Auch wenn Mutter und Vater selber einmal ins Berufsleben eingestiegen sind, ist es etwas völlig anderes, die eigenen Kinder auf diesem Weg zu begleiten. Und dies nicht nur, weil sich Berufe und Ausbildungen weiterentwickelt haben.

Für die meisten Jugendlichen spielen die Eltern die entscheidende Rolle in ihrer Berufs- und Ausbildungswahl. «Die Eltern sind die wichtigsten Berufsberater», sagt Reinhard Schmid, der seit über 30 Jahren Jugendliche und ihre Eltern am Übergang von der obligatorischen Schule in eine Berufslehre oder eine weiterführende Schule berät. Andrea Villiger, Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin im Kanton Aargau, ergänzt: «Die Jugendlichen befinden sich mitten in der Identitätsfindung. Die Berufswahl ist nur eine von vielen Entwicklungsaufgaben, die sie in dieser Zeit erledigen müssen. Erst wenn sie sich mit ihrer Identität auseinandergesetzt haben, schaffen sie die Grundlage für eine gute Entscheidung in der Berufswahl.»

Wie unterschiedlich Jugendliche die Berufswahl angehen, zeigt das Beispiel der Schwestern Anna, 17, und Lisa Spiess, 15. Die ältere war initiativ, suchte breit gefächert und erhielt frühzeitig die gewünschte Lehrstelle als Landmaschinenmechanikerin. Lisa hingegen war unentschlossen und deshalb wenig motiviert, sich um eine Schnupperlehre zu kümmern. Ihre Mutter erinnert sich: «Wir waren überrascht, dass sie sich so schwertat, nachdem es bei Anna so glatt gelaufen war.» Zudem sei die Lehrerin der älteren Tochter in der Berufskunde viel engagierter gewesen, habe der Berufswahl viel mehr Platz im Unterricht gegeben. Ihrer jüngeren Tochter empfahl sie, sich noch ein Jahr Zeit zu geben und beispielsweise ein Hauswirtschaftsjahr im Welschland zu machen, wie sie das schon getan hatte. 
Lesen Sie hier die Erzählung von Anna Spiess: «Ich habe mein Ding  durchgezogen»
Lesen Sie hier die Erzählung von Anna Spiess: «Ich habe mein Ding 
durchgezogen»
Doch davon wollte Lisa nichts wissen, genauso wenig wie vom Gymnasium, das sie mit ihren Noten auch hätte besuchen können. Sie fand schliesslich als Letzte ihrer Klasse – und mitten im Lockdown – eine Lehrstelle als Landwirtin. Ihre Mutter resümiert: «Es war mühsam, sie ­machte kaum etwas von sich aus, wusste auch nicht wie, weil sie das in der ­Schule nicht gelernt hatte. Es war eine Riesenerleichterung für uns, als sie ihre Lehrstelle hatte.»

Selber entscheiden: Lust oder Last?

Für die meisten Jugendlichen ist die Berufswahl das erste Mal, dass sie selber über ihre Zukunft entscheiden können – für manche ist es allerdings eher ein Müssen. «Die Berufswahl schafft grosse Verunsicherung, vieles ist auf wackligem Boden», ordnet Andrea Villiger ein. «Das Gute daran ist, dass alle Jugendlichen diese Hürde in etwa gleichzeitig nehmen müssen.»

Wichtig ist, dass das Kind die Entscheidungen selber fällt. Die Eltern sollen unterstützen, aber ihrem Sohn oder ihrer Tochter keine Aufgaben abnehmen, sind sich die Fachleute einig. Das heisst konkret: Die Jugendlichen müssen selber Lehrbetriebe anrufen und Bewerbungen schreiben. Beides können die Eltern mit ihnen üben, wenn die Kinder unsicher sind. 

Unsicher war auch Nick Weber. Eine Ausbildung zum Filmregisseur direkt nach der Sekundarschule gibt es nicht. Dass der Berufsberater ihm zur Fachmittelschule riet, worauf er selber schon gekommen war, machte ihn nur noch skeptischer. Dennoch absolvierte er diese. Dass der kreativ begabte und sensible junge Mann dabei an einer Depression erkrankte, lag nicht an der Schule, machte seinen weiteren Bildungsweg aber komplizierter. Das von der Fachmittelschule vorgeschriebene Praktikumsjahr absolvierte Nick in der Marketingagentur seines Vaters. Dieser betont: «Wir haben das beide nicht gesucht. Aber weil er immer wieder in der Klinik war und er bei mir ein vertrautes Umfeld hatte, sah ich es als die beste Lösung an.» 
In der Berufswahl sind Eltern ihren Kindern Sparringspartner, mentale Stütze und Motivator.
Inzwischen ist Nick 21, hat nach der Matur zwei weitere Jahre bei seinem Vater gearbeitet. Eine erneute Berufsberatung hat in ihm das Interesse am Lehrerberuf geweckt. Die Aufnahmeprüfung an einer Kunsthochschule, Abteilung Film, will er noch ein zweites Mal versuchen. «Hoffentlich bestehe ich eine der beiden Prüfungen. Dann ist es klar, was ich mache.» Nick und sein Vater betonen, wie wichtig der zweite Berufsberater war, der es geschafft hatte, den jungen Mann für die Berufswahl zu begeistern.
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Motivieren und unterstützen

Eher organisatorischer Natur waren die Schwierigkeiten, mit denen Silvan Studer zu kämpfen hatte. Ein gutes Jahr vor der Matur schied er aus dem Gymnasium aus. Berufskunde hatte er nie gehabt, nun musste er innert weniger Monate eine Lehrstelle finden, wollte er nicht ein weiteres Jahr verlieren. Am liebsten hätte er in einem Hotel gearbeitet. Die passende Lehrstelle fand er aber als Kaufmann in einer Anwaltskanzlei. Die Mutter ärgerte sich vor allem über reihenweise als offen gemeldete Lehrstellen, die längst vergeben waren. «Da hätten wir uns viel Leerlauf sparen können.» Sie wirkt energisch, hat sich täglich an der Lehrstellensuche beteiligt, betont aber, alle Entscheidungen habe ihr Sohn getroffen. «Von seinen Plänen war er noch nie abzubringen.»

In der Berufs- und Ausbildungswahl sind die Eltern ihren Kindern Sparringspartner, mentale Stütze, Motivator und Helfer in der Informationsflut. Dass dies nicht immer ohne Konflikte geht, versteht sich von selbst.

Auf keinen Fall sollen die Eltern ihren Kindern deren Wunschberuf ausreden. Dieser liefert wichtige Hinweise, wofür sich das Kind interessiert und in welchem Umfeld es gerne arbeiten würde. Es gilt ihnen dann die Augen für realistische Zwischenschritte zu öffnen. Schmid umreisst die Aufgabe so: «Die hohe Schule ist, sich auf die Träume der Jugendlichen einzulassen, ihre Bedeutung zu erfassen und sie als Motivation für die Auseinandersetzung mit der Berufswelt zu nutzen.» 

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Die Wahl der passenden Ausbildung nach der Sekundarschule lässt sich in sieben aufeinanderfolgende Aufgaben einteilen. Es empfiehlt sich, die sieben Schritte in dieser Reihenfolge auszuführen, wobei man auch immer wieder eine oder zwei Etappen zurückgehen kann, wenn sich etwas geändert hat.
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aufeinanderfolgende Aufgaben
einteilen. Es empfiehlt sich, die sieben Schritte in dieser Reihenfolge auszuführen, wobei man auch immer wieder eine oder zwei Etappen zurückgehen kann, wenn sich etwas geändert hat.
Hier können Sie das Berufswahl-Spezial als Einzelausgabe bestellen für 4.10 Fr. plus Porto. 
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