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Berufswahl

Die Lehre ist erst der Anfang

Die Lehre ist längst mehr als eine Berufsausbildung. Sie ist auch Startrampe zur höheren Berufsbildung und zum Studium an der Fachhochschule.
Text: Stefan Michel
Fotos: 
Ornella Cacace/ 13Photo
Ich will arbeiten», ist das Argument vieler, die sich für eine Berufslehre und gegen eine Mittelschule entscheiden. Die Arbeit in einem Betrieb, der Kontakt mit der Erwachsenenwelt, der Lehrlingslohn, sie machen die Lehre für viele attraktiv. Und es ist längst nicht mehr so, dass man sich mit der Lehre gegen ein Studium entscheidet. Mit dem Besuch des Gymnasiums halte man sich alle Möglichkeiten offen, heisst es seit Langem. Dabei trifft das auf die Berufslehre mit Berufsmaturität noch mehr zu. Man kann nach dem Lehrabschluss auf seinem erlernten Beruf arbeiten oder an einer Fachhochschule studieren. So wird aus der Gärtnerin eine Landschaftsarchitektin, aus dem Kaufmann ein diplomierter Fachmann für Kommunikation und aus einer Elektronikerin eine Kindergärtnerin, wie die Beispiele zeigen.
Technische Berufslehren sind eine wertvolle Vorbereitung auf ein Ingenieurstudium – etwa vom Maurer zum Bauingenieur. Wer während oder nach der Lehre neue Interessen entwickelt, kann das Fach wechseln oder den Vorbereitungskurs für die Aufnahmeprüfung an einer Uni oder der ETH absolvieren, die sogenannte Passerelle. Wer die Aufnahmeprüfung besteht, kann an jeder Schweizer Uni oder ETH studieren. Eine Möglichkeit zwischen Berufsmatur und Gymnasium ist die Fachmittelschule, die es an verschiedenen Orten und in verschiedenen Richtungen gibt: Gesundheit, Soziale Arbeit, Pädagogik, Kommunikation und Information (Angewandte Linguistik), Gestaltung und Kunst, Musik und Theater, Angewandte Psychologie.

Immer mehr Wege führen zur Matur, aber auch für mehr Berufe als früher wird die Matur verlangt. Etwa für die Ausbildung zum Kindergärtner oder zur Physiotherapeutin. Es lohnt sich also in jedem Fall, sich frühzeitig Gedanken über eine Maturitätsschule zu machen. Die Matur erst nach dem Lehrabschluss nachzuholen, ist ebenfalls kein Problem – sofern man fähig ist, effizient zu lernen und das Gelernte in der Prüfungssituation wiederzugeben. Eines haben jedoch alle Wege zur höheren Bildung gemeinsam: Sie führen über den erhöhten Lerneinsatz.

Vo der Gärtnerin zur Landschaftsarchitektin

Yvonne Keller 33, Zürich

Für mich war immer klar, dass ich im «grünen Bereich», das heisst mit Pflanzen, arbeiten wollte. Also machte ich in einer grossen Gärtnerei eine Lehre zur Topfpflanzen- und Schnittblumengärtnerin. Die Lehre war eine super Zeit, aber extrem anstrengend. Weil wir unsere Pflanzenerde selber mischten, schaufelte ich manchmal tagelang Erde. Und in der Hochsaison im Frühling machten auch wir Lernenden viele Überstunden, dafür hatte ich jedes Jahr acht Wochen Ferien.

Nach der Lehre arbeitete ich fünf Jahre im gleichen Bereich. Aber ich fühlte mich geistig unterfordert. Ich verspürte keine Lust, mein ganzes Berufsleben im Gewächshaus oder auf der Baustelle zu verbringen. Ich holte in zwei Jahren berufsbegleitend die technische Berufsmatur nach und studierte dann an der Hochschule für Technik Rapperswil Landschaftsarchitektur. Das Studium war spannend, und ich profitierte von meiner Berufserfahrung in der Pflanzenzucht. Zudem war ein Teil des Stoffs für mich Wiederholung.

Ich war im ersten Jahrgang, der nach Master-Bachelor-System Landschaftsarchitektur studierte. Im Vergleich zum alten Studiengang dauerte es bis zum Bachelor ein halbes Jahr weniger lang. Darum hiess es damals, ich mache besser den Master, wenn ich als Landschaftsarchitektin ernst genommen werden wolle. Heute weiss ich, dass das nicht unbedingt nötig ist. Ich würde auf jeden Fall wieder über die Lehre in den Beruf einsteigen, doch würde ich die BMS während der Lehre machen. Damit wäre ich schneller an der Hochschule gewesen und hätte meine Ausbildung nicht erst mit 29 abgeschlossen. Denn für mich war immer klar, dass ich noch einige Jahre im Beruf arbeiten möchte, bevor die Familie kommt. Gut war für mich, dass ich schon im Praktikum während des Studiums zu der Firma stiess, für die ich auch heute, nach dem Master-Abschluss und einer einjährigen Weltreise, wieder arbeite.

Vom Versicherungskaufmann zum Chefredaktor

Romeo Hutter 38, Rüschlikon ZH

Eigentlich wollte ich eine handwerkliche Lehre machen. Ich schnupperte als Schreiner, Maurer, Zeichner und noch mehr. Aber alle diese Berufe waren mir zu einseitig. Schliesslich machte ich das KV bei einer Versicherung. Nach der Lehre arbeitete ich Teilzeit in einem Jugendtreff und jobbte daneben auf meinem Beruf als Versicherungskaufmann. Immer noch einen handwerklichen Beruf vor Augen, wollte ich eine Zweitausbildung zum Bootsbauer machen, der Betrieb zog sich jedoch im letzten Moment vom Versprechen eines Lehrvertrags zurück.

Durch meine Tätigkeit in der Jugendarbeit kam ich auf die Idee, soziokulturelle Animation zu studieren. Da wäre ich wohl sogar ohne Matur aufgenommen worden, war aber mit 22 Jahren noch zu jung. Da entschied ich mich, die technische Berufsmaturität nachzuholen, um mir die Möglichkeit eines Fachhochschulstudiums zu eröffnen. An vier Tagen ging ich zur Schule, dreimal wöchentlich war ich abends im Jugendtreff. Lernen fällt mir leicht, darum war das Jahr an der Berufsmittelschule (BMS) ziemlich locker.

Weil ich in der Jugendarbeit die Öffentlichkeitsarbeit kennen- und schätzen gelernt hatte, entschied ich mich für das damals neue Studium Journalismus und Kommunikation an der ZHAW Winterthur. Zudem war ich sicher, dass mir das mehr Arbeitsmöglichkeiten offenlässt als eine Ausbildung in sozialer Arbeit. Das Studium war einiges intensiver als die BMS. Technik und Wissenschaft interessieren mich seit je, weshalb ich mich für die Fachrichtung Technik entschieden hatte und so neben den Kommunikationsfächern auch Lektionen etwa in Physik besuchen konnte. Besonders Ende Semester war es oft heftig, mit vielen Prüfungen und Arbeiten. Es gab aber auch lockere Zeiten, und das Ende des dreijährigen Studiums war stets absehbar. Mit dem Diplom als Kommunikator FH schloss ich das Studium ab.

Zum Studium gehörten zwei Praktika, ein kurzes von einem Monat und ein langes von drei Monaten. Das lange absolvierte ich bei «Publisher», der Schweizer Fachzeitschrift für Publishing und Digitaldruck. Ich blieb mit dem Verleger in Kontakt und ein halbes Jahr nach meinem Abschluss bot er mir eine Stelle auf der Redaktion an. Inzwischen bin ich Chefredaktor und habe die Vielseitigkeit im Job, die ich immer wollte: Ich schreibe selber Artikel, koordiniere die Arbeit der anderen Redaktoren und freien Mitarbeiter und entwickle das Magazin inhaltlich weiter. Ich bin frei in meinen Arbeitszeiten, kann auch zu Hause arbeiten, was für mich als Vater von zwei Kindern ein grosser Vorteil ist.

Von der Multimedia- Elektronikerin zur Studentin Kindergarten/ Unterstufe

Ramona Hug 22, Russikon ZH

Ich wollte unbedingt eine Lehre mit Berufsmaturität machen, um danach nicht an einen einzigen Beruf gebunden zu sein. Ich hatte zwar die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium bestanden, entschied mich aber für die Lehre als Multimedia-Elektronikerin, weil ich sie beim tpc, einer Tochtergesellschaft der SRG, machen konnte. Zu Technik hatte ich keinen besonderen Bezug, aber Radio und Fernsehen faszinierten mich schon als Kind. Die Lehre war eine coole Zeit. Manchmal dachte ich zwar: Die Lehrabschlussprüfung schaffe ich nie, warum bin ich nicht ans Gymnasium? Aber schliesslich ging es gut, und auch die Berufsmatur schaffte ich problemlos.

Das tpc führt eine Lehrwerkstatt. Ausser dem Chef arbeiten da nur Lernende. Wenn irgendwo ein Computer oder ein Gerät der Unterhaltungselektronik nicht funktionierte oder installiert werden musste, waren wir zuständig. Wir hatten auch individuelle Projekte: Einmal montierte ich Dutzende LED-Lämpchen in ein Kostüm und programmierte sie so, dass sie blinkten.
Nach der Lehre bot mir das tpc eine Stelle als Bildtechnikerin an. Ich war verantwortlich dafür, dass in Sendungen alle Kameras und TVMonitore richtig eingestellt waren. Doch schon da war mir klar, dass ich studieren wollte. Tiefer in die Technik wollte ich nicht, weshalb Elektrotechnik wegfiel, und nur ein Thema, zum Beispiel Biologie, war mir zu einseitig.

Weil ich gerne mit Kindern arbeite, etwa als Jungscharleiterin und Babysitterin, machte ich die Aufnahmeprüfung der Pädagogischen Hochschule Zürich. Seit einem Jahr bin ich im Studiengang Kindergarten/ Unterstufe. Von Sport über Bildnerisches Gestalten bis Mathe und Didaktik habe ich einen breiten Fächerkatalog. Das gefällt mir, weil mich vieles interessiert. Im Moment finde ich es extrem anstrengend, viel härter als Schule und Lehre. Aber ich bin sicher, dass ich auf dem richtigen Weg bin, und freue mich auf das Unterrichten.
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