Das ist die perfekte (Lehr-)Stelle
Berufswahl

Das ist die perfekte (Lehr-)Stelle 

Das ist die perfekte Stelle, das ist der perfekte Tag … als die Tochter unseres Papa-Bloggers Andreas B. endlich eine passende Lehrstelle findet. Der Weg bis dorthin: Ein nervenaufreibender Wellenritt durch die Lehrstellensuche!
Text: Andreas B.*
Bild: Rawpixel.com (Symbolbild)
«Ich möchte eine Lehre mit Tieren machen», meint Anaïs ganz am Anfang ihrer Suche nach einer passenden Ausbildung. Diese Aussage wiederum verleitete mich zum nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, doch eine Lehre als Metzgerin zu absolvieren. Der schockierte Blick von Anaïs wurde durch ein gequältes Lächeln abgelöst, als sie merkte, dass ich mir einen Gag erlaubt hatte.

Doch der Reihe nach …

Etwas vom Wichtigsten für Eltern ist, dass aus ihren Kindern etwas wird. Wir möchten, dass sie einen guten Beruf erlernen, der ihnen nicht nur ein gutes Auskommen erlaubt, sondern auch Erfüllung verschafft. Ich hätte mir gewünscht, dass meine beiden Töchter das Gymnasium besuchen und anschliessend studieren. Schliesslich entsprach dies meinem eigenen Ausbildungsweg und wenn ich das geschafft hatte, dann würden die beiden es auch schaffen.
Nach drei Jahren Nichtstun fiel Anaïs im letzten Schuljahr der Sekundarschule allerdings vom höchsten in das mittlere Niveau zurück. Irgendwann reichen  Intelligenz und Glück eben nicht mehr aus. Meine Vorstellung von Gymnasium löste sich in Luft auf. Immerhin wäre nun zu erwarten gewesen, dass sie dieses letzte Schuljahr im mittleren Niveau mit links schafft und erst noch einen sehr guten Abschluss hinlegt, um eine gute Lehrstelle zu bekommen. Fehlanzeige! Mit Ach und Krach und dank meiner Nachhilfe schloss sie die Sekundarschule schliesslich knapp ab. Da Anaïs meilenweit davon entfernt war zu wissen, welchen Beruf sie erlernen möchte, entschloss sie sich zu einem 10. Schuljahr. Und siehe da … Anaïs schrieb Top-Noten und wurde zu einer richtig guten Schülerin – allerdings nicht für sehr lange. Denn leider liess sie sich von 500 Franken Monatslohn blenden, die ihr eine Bekannte versprach, wenn sie in ihrer Kindergrippe ein Praktikum mit Aussicht auf eine anschliessende Lehre als Fachfrau Betreuung im selbigen Betrieb absolvieren würde. Und so schmiss sie die Schule zugunsten dieses Praktikums. 

Leider ging das Praktikum voll in die Hosen und nach zwei Monaten wurde es in beidseitigem Einverständnis beendet. Na bravo! Was nun? Schulabbruch, Praktikumsabbruch, kein Geld, nichts tun, herumhängen – (m)eine Horrorvorstellung! Die Situation war weiter unbefriedigend, da die guten Lehrstellen für das laufende Jahr schon vergeben waren und bis zum Beginn der neuen Ausbildungsplätze noch gut und gerne 17 Monate ins Land ziehen würden. Diese lange Zeit sinnvoll zu überbrücken, war nun die erste Herausforderung, der wir uns stellen mussten. 

Erstes Date: Berufsberatung

Als erstes machten wir einen Termin bei der Berufsberatung aus, um überhaupt einmal zu evaluieren, in welche berufliche Richtung Anaïs gehen wollte. Drei Bereiche kristallisierten sich heraus: Gesundheit, Soziales und Tiere. Danach wurden konkrete Lehrberufe zum Schnuppern herausgesucht. Allerdings braucht es heutzutage auch zum Schnuppern schon eine Bewerbung und deshalb musste ein Lebenslauf und ein Motivationsschreiben verfasst werden. 

Anaïs zeigte null Elan und ich kam mir bisweilen vor wie ein Eselstreiber, mit einem extrem störrischen Esel notabene, der sich keinen Zentimeter vorwärts bewegen wollte. Schliesslich konnte sie in fünf Betrieben fünf unterschiedliche Berufe erschnuppern. Am besten gefiel ihr zu meinem Erstaunen «Kauffrau», eine Lehre, die sie absolut nicht auf dem Radar hatte und die auch überhaupt nicht in das Raster der Berufsberatung passte. Doch sie durfte bei einer Versicherung eine ganze Woche schnuppern und als Dankeschön einen Manor-Gutschein im Wert von 200 Franken entgegennehmen. Das war genau nach Anaïs’ Gusto und jetzt stand fest, dass sie eine Lehrstelle als Kauffrau suchen möchte. 

Es war allerdings noch zu früh für die Lehrstellensuche, da die Rekrutierung der Lehrlinge gerade erst abgeschlossen war und die Selektion der neuen Lehrlinge erst später startete. Es hiess jetzt also: «arbeiten und Geld verdienen». Das allerdings nicht zu 100 Prozent, damit noch genug Zeit blieb, um Bewerbungen zu schreiben und Vorstellungsgespräche wahrzunehmen. Selbstverständlich war ich auch jetzt die treibende Kraft dahinter, habe Praktikumsbetriebe eruiert und Anaïs motiviert, sich zu bewerben. Tatsächlich wurde sie fündig und zwar auf unserer Wohngemeinde, wo sie ein 12-monatiges Praktikum mit einem 70-Prozent-Pensum und einem stattlichen Monatssalär ergatterte. Anaïs begann ihr Praktikum euphorisch. Doch leider bewahrheiteten sich meine Befürchtungen und sie fing schon nach kurzer Zeit an zu «schwächeln». Das Praktikum erneut abzubrechen, war ein absolutes No-go und als sie eine Haaresbreite davor war aufzugeben, schaltete ich einen Gang hoch. 

Gutes Zureden und Motivieren halfen nicht mehr. Unter Androhung, den Geldhahn im Falle einer Aufgabe mit sofortiger Wirkung einzustellen und sie vor die Türe zu stellen, geschah das Wunder und Anaïs schaffte die Wende. Sie zog das Praktikum bis zum Schluss durch und bekam sogar noch ein gutes Abschlusszeugnis. Für ihre persönliche Entwicklung war das ein wichtiger Schritt und mir fiel ein Felsen vom Herz.

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1 Kommentar

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Von Michael am 09.11.2020 09:10

Lieber Andreas B.

Du schreibst: "Etwas vom Wichtigsten für Eltern ist, dass aus ihren Kindern etwas wird."

Dieser Satz macht mich wütend und traurig zugleich. Er reduziert den Menschen auf seine Ausbildung und siene berufliche Tätigkeit. Möchtest du auch auf deinen Beruf reduziert werden? Dann wäre dein Vater-sein völlig nebensächlich und ebeso die vielen weiteren Säulen, auf denen dein Lebens steht.

Du beschreibst dich als Eseltreiber. Deine Tochter als Esel. Klar, sprachliche Zuspitzung macht eine Kolumne interessanter. Ich spüre aber vor allem Verbitterung und die Schwierigkeit mit deiner Tochter auf Augenhöhe und ohne Vorwürfe zu kommunizieren.
Ich nehme an, du möchtest als Mensch ernst genommen und akzeptiert werden. Genau gleich geht es wohl auch deiner Tochter.

Alles Gute!

Michael

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