10 Tipps für eine gute Bewerbung
Berufswahl

Eine gute Bewerbung ist noch keine erfolgreiche

In der Lehrstellensuche sind selbstbewusste und redegewandte Jugendliche im Vorteil. Berufsbildner erzählen, worauf sie in einem Bewerbungsgespräch achten, was sie von Eltern halten, die für ihre Kinder eine Lehrstelle suchen – und von Copy-and-Past-Fehlern in Bewerbungsunterlagen.
Text: Stefan Michel
Bild: Roshan Adhihetty
Eine Lehrstelle zu suchen bedeutet, sich zu überwinden, anzurufen, sich zu präsentieren sowie in vielen Fällen den Entscheid hinzunehmen und sich weiter zu bewerben. Und das als junger Mensch, der gerade erst anfängt, die Erwachsenenwelt zu entdecken. Die Versuchung für Mütter und Väter ist gross, dem Junior unter die Arme zu greifen – schliesslich telefoniert man täglich mit anderen Berufsleuten und weiss, wie man überzeugend auftritt. 

Bei Patricia Summer Rossi sind sie an der falschen Adresse: «Die Eltern, die für ihre Kinder eine Lehrstelle suchen, sind ihnen keine Hilfe, im Gegenteil.» Sie ist Berufsbildnerin am Eidgenössischen Wasserforschungsinstitut Eawag, wo Laborantinnen, Informatiker und Kaufleute ihre Berufslehre absolvieren können. Lehrbetriebe wollen Lernende, die motiviert sind für den Beruf, die sich aus eigenem Antrieb dafür interessieren. Diese Motivation zeigt man, indem man sich traut, anzufragen, auch wenn dabei die Hände feucht und die Stimme etwas zittrig ist. «Dass das Kind in der Schule ist und keine Zeit hat, anzurufen, ist eine Ausrede. Am Mittwochnachmittag ist schulfrei und viele dürfen sogar während des Unterrichts solche Telefonate führen», führt Summer Rossi aus.

Die erfahrene Berufsbildnerin ist auch nicht begeistert von fehlerfreien, in Erwachsenensprache verfassten Bewerbungen, bei denen klar ist, dass Eltern oder Lehrer so lange korrigiert haben, bis sie perfekt waren. Am Ende der Schnupperlehre lässt sie die Jugendlichen jeweils einen Erfahrungsbericht schreiben. «Da sehe ich dann, wie es um ihr Deutsch und ihre Ausdrucksweise steht.»
«Eltern, die für ihre Kinder eine Lehrstelle suchen, sind ihnen keine Hilfe», sagt Berufsbildnerin ­Patricia Summer Rossi.
Martin Siegenthaler, der für den Anbieter für Hörlösungen Sonova rekrutiert, sieht das weniger eng. «Wenn die Eltern die Bewerbung gegengelesen haben, bedeutet das, dass sie hinter ihren Kindern stehen. Das ist auch etwas wert.» Unschön findet er aber, wenn der Name eines anderen Lehrbetriebs im Dossier steht oder sich Bewerbende auf eine Schnupperlehre beziehen, die sie in einer anderen Firma absolviert haben – typische «Copy-and-­Paste-Fehler», wie sie bei massenhaft verschickten Bewerbungen passieren, in denen jeweils nur der Name des Unternehmens geändert wird. 

Ehrlichkeit überzeugt am meisten

Mit Erwachsenen zu reden, fällt vielen Kindern und Jugendlichen nicht leicht. In einem Bewerbungsgespräch Menschen, die man nicht oder kaum kennt, von den eigenen Qualitäten zu überzeugen, ist noch viel schwerer. Dies ist jenen, die den jungen Menschen gegenübersitzen, natürlich bewusst. Viele seien extrem nervös, fast schon eingeschüchtert, beschreibt Siegenthaler. «Wir geben ihnen Zeit, anzukommen, und schaffen es meistens, dass sie irgendwann vergessen, dass sie in einem Bewerbungsgespräch sitzen.»
 
Die Rekrutierenden wollen wissen, wie der junge Mensch wirklich ist, deshalb sollte er ehrlich und unverstellt auftreten. Dass viele aus Unsicherheit mit ihren Eltern oder Lehrpersonen üben, wie sie mit Erwachsenen sprechen oder sich im Lehrbetrieb verhalten sollen, verschleiert ihre Persönlichkeit eher. «Wir wissen, wie wir fragen müssen, um den Menschen herauszuspüren», betont Siegenthaler. Um nicht vor Nervosität keinen Ton mehr rauszukriegen, ist das Üben trotzdem sinnvoll.

Die Architektin Franziska Manetsch bildet in ihrem Büro Zeichnerinnen und Zeichner der Fachrichtung Architektur aus. «Die eingeübten Fragen der Jugendlichen, mit denen sie Inter­esse zeigen wollen, möchte ich umgehen. Während der Schnupperlehre ist es immer mein Ziel, dass sie sich wohlfühlen und sich geben, wie sie wirklich sind.» Dazu gehört auch, ehrlich zu sein. Summer Rossi gibt ein Beispiel: «Einer, der sich für eine Informatiklehrstelle bewirbt und angibt, er game nie, wirkt auf mich nicht ehrlich. Mir sind Leute mit Ecken und Kanten lieber, die dazu stehen, dass sie beispielsweise eine Game-Sperre haben.»

Manchmal ist es Glückssache

Wichtig ist vielen Lehrbetrieben auch, dass sich die Bewerbenden mit verschiedenen Berufen auseinandergesetzt haben. Dies zeigt, dass sie den Beruf, in dem sie sich bewerben, wirklich gewählt haben. Summer Rossi motiviert Bewerbende immer, weitere Berufsbilder anzuschauen und nicht nur einen Lehrberuf im Blick zu haben.
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«Wir entscheiden uns
immer für die Person mit dem grössten Interesse am Beruf», sagt Martin Siegenthaler von Sonova.
Die Betriebe, für die Franziska Manetsch und Martin Siegenthaler Lernende rekrutieren, erhalten gegen 100 Bewerbungen auf Lehrstellen, die sie ausschreiben. Unter den Bewerbenden sind stets mehrere, die sich nach der Schnupperlehre, Gesprächen und Tests als geeignet erweisen und den Ausbildungsplatz verdient hätten. Manetsch und ihr Firmenpartner entscheiden sich im Zweifelsfall für jene Kandidatin, bei der sie das Gefühl haben, ihre Chancen auf dem Lehrstellenmarkt seien kleiner. «Wir entscheiden uns für die Person mit dem grössten Interesse am Beruf», sagt Martin Siegen­thaler. «Die letzten zwei oder drei im Rennen würden wir aber alle ­gerne nehmen. Da ist dann aus Sicht der Bewerbenden auch Glück im Spiel.»

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