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Sexualität

Warum sprechen Jungen so selten über sexuelle Gewalt?

In der Pubertät entwickeln Jugendliche ihre eigene Sexualität. Sie finden heraus, was ihnen gefällt – und was nicht. Ein Gespräch mit den Sexualpädagogen Lilo Gander und Harry Tritschler über Aufklärung, sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen und warum es Jungen schwerer fällt als Mädchen, über sich und ihre Probleme zu sprechen.
Eveline von Arx
Fotos: Sally Montana / 13 Photo
Vis-à-vis dem Szenelokal «Dini Mueter» in Zürich liegt die Beratungsstelle «Lust und Frust» – direkt an der Langstrasse. Wer das graue Betongebäude und dann den funktional eingerichteten Korridor der Beratungsstelle betritt, freut sich umso mehr über das farbige Sofa und die grossen Fenster, die einen im Besprechungszimmer erwarten. Die beiden Fachpersonen Lilo Gander und Harry Tritschler strahlen eine angenehme Ruhe und Seriosität aus. Beide sprechen überlegt, und der Besucher spürt sofort: Hier erfährt man sachliche und kompetente Hilfe.

Mit welchen Anliegen wenden sich Jugendliche an die sexualpädagogische Beratungsstelle «Lust und Frust»?
Lilo Gander: Mädchen suchen uns vor allem auf, wenn sie unsicher sind, ob sie schwanger sein könnten. Sie hatten Petting, und seither ist die Menstruation ausgeblieben, oder sie kommen wegen der «Pille danach». Manche sind bereits ungeplant schwanger und wissen nicht, was sie nun tun sollen. Sie erfahren von uns, wie es um ihre Rechte steht und welche Möglichkeiten es gibt, falls sie die Schwangerschaft austragen oder abbrechen möchten. In der E-Mail-Beratung stehen meist Beziehungsthemen und Fragen zu Liebe und Sexualität im Vordergrund.
Harry Tritschler: Wenn Jungen die Beratungsstelle aufsuchen, geht es um Fragen zum eigenen Körper, zur Entwicklung in der Pubertät, wie etwa, ob mit ihrem Penis alles in Ordnung sei. Allgemein suchen viel weniger Jungen Hilfe bei uns als Mädchen.

Warum?
Tritschler: Jungen werden nach wie vor nicht dazu erzogen, eine Beratungsstelle aufzusuchen, wenn es um ihre körperliche und sexuelle Gesundheit geht.
Gander: Einem Jungen wird immer noch gesagt: Sei stark, reiss dich zusammen, während Mädchen eher lernen, sich Hilfe zu holen.
«An den Schulen arbeiten wir oft mit Jungen und Mädchen getrennt.»
Erleben Sie das auch so, wenn Sie an Schulen Sexualaufklärung anbieten?
Tritschler: Da ist es wichtig, die Jungen und Mädchen für gewisse Sequenzen zu trennen und separat mit ihnen zu arbeiten. Dann können sie unter sich auch ihre Fragen stellen. Die Hemmschwelle ist tiefer, als wenn sie eine Beratungsstelle aufsuchen würden.
Gander: Ich beobachte, dass sich Jungen oft erst später, wenn die pubertäre Entwicklung bald abgeschlossen ist, Hilfe auf unserer Beratungsstelle holen. Im Alter von 18 oder 19 fällt es ihnen offenbar leichter, über sich und ihre Probleme zu sprechen.
Tritschler: Ja, sie können dann besser die gesellschaftlichen Vorgaben für die männlichen Geschlechterrollen durchbrechen und den individuellen Vorteil erkennen, den eine Beratung bringen kann.

Fühlen sich Jungen unter Druck, den Starken zu mimen?
Tritschler: Viele werden nach wie vor so sozialisiert, dass sie ihren Gefühlen und dem Schmerz nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken sollen. Wenn man aber in der Beratung mit Jungen und jungen Männern tiefer ins Gespräch kommt, wird oft erkennbar, dass sie das Bedürfnis haben, sich zu öffnen und sich selbst zu sein. Sie erzählen dann, dass es ihnen – etwa in der Sexualität – auch «ablöschen» kann, obwohl nach wie vor das Bild existiert, dass Männer jederzeit Lust auf Sex haben müssen. Das individuelle Befinden des Einzelnen entspricht diesem Rollenstereotyp also oft nicht.
Lilo Gander – Fachfrau mit viel Erfahrung.
Lilo Gander – Fachfrau mit viel Erfahrung.
Suchen auch Jugendliche die Beratungsstelle auf, die in ihrer Beziehung sexuelle Gewalt erfahren?
Gander: Mädchen kommen oft nicht direkt mit diesem Anliegen zu uns, sondern vordergründig mit einem anderen Problem. Erst beim genaueren Nachfragen stellt sich heraus, dass das Mädchen in seiner Beziehung sexuelle Übergriffe erfährt.
Tritschler: Nach wie vor wird in der Fachwelt davon ausgegangen, dass bei Kindern Vorfälle von sexuellen Übergriffen innerhalb des Familienkreises stattfinden. Jugendliche, die ihren Experimentierradius erweitern und deshalb vermehrt Aussenkontakte haben, erfahren potenziell riskante Situationen mit Gleichaltrigen oder älteren Fremden.
Ist sexuelle Gewalt in der Beziehung auch bei Jungen ein Thema?
Tritschler: Es geht nicht unbedingt ausschliesslich um sexuelle Gewalt. Bezüglich Grenzüberschreitungen erlebe ich aber, dass Jungen etwa darunter leiden, weil ihre Freundin verbal übergriffig und ausfällig ist, sie sein Handy kontrolliert, oder es geht um Sexting und Mobbing, das auf den Körper und die sexuelle Integrität abzielt.
Gander: Es ist wichtig, dieses Leid ernst zu nehmen – dafür sind die betroffenen Jungen dann oft sehr dankbar.

Geschieht sexuelle Gewalt unter Jugendlichen eher dann, wenn die Beziehung auch von anderen Grenzüberschreitungen geprägt ist?
Tritschler: Ich muss da etwas ausholen. Wenn bereits kleine Kinder so aufwachsen, dass ihre Grenzen respektiert werden, sind sie eher fähig, später in ihren Beziehungen die eigenen Grenzen und die des anderen wahrzunehmen und zu akzeptieren.
Dass sexuelle Übergriffe öfter in Beziehungen passieren, die von Grenzüberschreitungen geprägt sind, dürfte also wahrscheinlich sein.
Gander: Ich sehe in der Beratung oft, dass Mädchen, die sexuelle Gewalt erfahren, bereits früher Übergriffe erlebten.
Tritschler: Es ist deshalb auch in der Sexualaufklärung sehr wichtig, dass sowohl Mädchen als auch Buben lernen, über ihre Gefühle zu sprechen und ihre Grenzen kundzutun.
Gander: Die Sexualerziehung in der Familie und später die Sexualaufklärung in der Schule sollten kontinuierlich dem Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen angepasst werden.
«Die Kinder und Jugendlichen sollten lernen, unangenehme Gefühle kundzutun.»
Wie denn?
Gander: Es geht darum, das eigene «Bauchgefühl» wahrzunehmen, im Sinne von: Wann fühle ich mich nicht mehr wohl? Und dann auch fähig zu sein, dies zu äussern. Zu sagen, wenn einem etwas unangenehm ist. Als Beispiel: Eine Jugendliche erzählte mir, dass sie noch kein Petting mit ihrem Freund ausprobieren wollte. Als ich sie dann fragte, ob ihr Freund dies wisse, antwortete sie, sie habe ja seine Hand weggeschoben, als er sie im Intimbereich berühren wollte. Gesagt hatte sie ihm jedoch nichts. In der Beratung habe ich mit ihr dann geschaut, wie sie ihrem Freund mitteilen kann, dass sie noch kein Petting möchte. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse formulieren zu lernen, ist sehr wichtig.
Tritschler: Diese Schwierigkeit sehe ich auch bei vielen Jungen: Sie können oft kaum ausdrücken, wo ihre Grenzen sind, was sie nicht möchten.

Mit Kindern und Jugendlichen über Gefühle zu sprechen, ist zentral.
Tritschler: Auf jeden Fall. Ich habe noch ein weiteres Beispiel: Ich frage manchmal Jungen, die von ihrer Freundin hin und wieder geohrfeigt werden, wie das denn für sie sei. Dann kommt nicht selten die Antwort: So etwas dürfe man nicht so eng sehen, nicht so ernst nehmen. Und erst, wenn ich genauer nachfrage, sagen die betroffenen Jungen, das Verhalten ihrer Freundin habe sie eigentlich sehr verletzt. Das hat wieder damit zu tun, dass Buben nach wie vor beigebracht wird, Empfindungen und Gefühlen nicht so viel Beachtung zu schenken.

Nochmals zurück zur sexuellen Gewalt unter Jugendlichen: Immer wieder sorgen Meldungen über «Gruppenvergewaltigungen» für Aufsehen.
Gander: Es passiert zum Glück selten, dass etwa mehrere jugendliche Täter ein Mädchen vergewaltigen. Ein solches Ereignis ist dann allerdings in den Medien sehr präsent. Das kann den Vorteil mit sich bringen, Mädchen zu sensibilisieren und ein Bewusstsein für gewisse Gefahren zu schaffen. Wenn wir dann mit Schülerinnen darüber sprechen, thematisieren wir auch die Sicherheit: Wie kommen Mädchen abends nach dem Ausgang nach Hause? Wäre es sinnvoll, sich abholen zu lassen? Wie können sie sich untereinander organisieren, um den Heimweg nicht alleine zurücklegen zu müssen?
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Harry Tritschler – engagierter Sexualpädagoge.
Harry Tritschler – engagierter Sexualpädagoge.
Wie kommt es dazu, dass eine Gruppe von Jungen ein Mädchen vergewaltigt?
Gander: Da spielt sicher die Gruppendynamik eine Rolle. Einer in der Gruppe geniesst ein hohes Ansehen, hat somit eine Machtposition, und die anderen ziehen mit, weil sie sich dem «Anführer» nicht widersetzen. 
Tritschler: Ich vertrete da eine etwas andere Ansicht. Ich hatte bei mir in der Beratung den Fall, dass ein Mädchen auf der Toilette von drei Jungen sexuelle Übergriffe erfahren hatte. Die Situation war total aus dem Ruder gelaufen. Das Mädchen ging bereits vorher mit jedem der drei Jungen einzeln aufs WC. Sie hatten sich dabei ausgezogen und sexuelle Handlungen vollzogen. Das war offenbar von beiden Seiten gewollt. Es ging nicht darum, dass die Jungen dann zu dritt ihre Macht über das Mädchen ausüben wollten. Wer wann was initiiert und wie mitgemacht hatte beziehungsweise warum es nicht rechtzeitig zum Stopp kam, war im Endeffekt sehr schwierig zu beurteilen.
Gander: Ich schaue in meiner Beratungstätigkeit mit den Mädchen immer wieder, in welchen Situationen die Sexualität ein reizvolles Spiel ist, wann es zu viel und die Grenze überschritten wird und wie sie dies auch kundtun können.
Tritschler: Letztlich geht es bei beiden Geschlechtern darum, was ein verantwortungsvoller Umgang mit sich und dem anderen ist.
«Jugendliche haben heute oft sehr fixe Vorstellungen davon, wie Sex zu sein hat.»
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Pornografie?
Tritschler: Der Zugang zur Pornografie ist heute sehr leicht geworden. Und ich glaube, dies hat auch dazu geführt, dass die Mystifizierung der Sexualität abgenommen hat. Jugendliche haben oft sehr fixe Bilder im Kopf, wie Sex zu sein hat. Diese Bilder prägen sie, hinterlassen Spuren, auch wenn sie wissen, dass die Szenen in einem Porno nicht «echt» sind, sondern von Schauspielern dargestellt werden.
Gander: Zu mir kam einmal eine Jugendliche in die Beratung, die mit ihrem Freund Pornos angeschaut hatte. Er wollte dann die Szenen mit ihr «nachspielen». Obwohl das Mädchen zustimmte, fand sie es schliesslich doch abstossend. Es ging dann darum, auf welche Weise sie ihrem Freund sagen konnte, dass sie keine weiteren Posen aus dem Porno ausprobieren wollte.

Welchen Stellenwert haben solche fixen Bilder, von denen Sie sprechen, und Äusserlichkeiten allgemein für Jugendliche heute? Etwa auch in Bezug auf das eigene Aussehen?
Gander: Ich erlebe viele Mädchen, die in grosser Sorge um ihr Aussehen sind. Sie fühlen sich nicht hübsch, nicht schlank, nicht sexy genug.
Tritschler: Das hat sich in den letzten Jahren enorm verändert. Auch Jungen stehen unter grossem Druck, einem Idealbild zu entsprechen, zum Beispiel ein «Sixpack» zu haben. Es ist wie eine Besessenheit auf diese Äusserlichkeiten festzustellen.
Harry Tritschler und Lilo Gander wissen, was junge Menschen heutzutage bewegt.
Harry Tritschler und Lilo Gander wissen, was junge Menschen heutzutage bewegt.
Wie gehen Sie in Ihrer Beratungstätigkeit damit um?
Tritschler: Ich bespreche mit den Jugendlichen etwa am Beispiel der Intimrasur bei Jungen, welche Veränderungen es da in den letzten Jahrzehnten gegeben hat. Dass «Mann» damals an vielen Körperteilen noch nicht rasiert war, wissen die wenigsten. Ich versuche also, das Blickfeld zu erweitern.
Gander: Ich frage Mädchen auch: Stell dir vor, du verliebst dich in einen Jungen und merkst dann aber, dass er kein «Sixpack» hat oder im Intimbereich nicht rasiert ist. Was würde das für dich bedeuten?

Link

www.lustundfrust.ch 
Die Fachstelle für Sexualpädagogik und Beratung «Lust und Frust» ist ein Angebot der Schulgesundheitsdienste der Stadt Zürich. Sie bietet kostenlose Beratungen für Jugendliche bis 21 Jahre aus Stadt und Kanton Zürich an. Fragen von Eltern aus der Stadt Zürich werden telefonisch, per Mail oder auch persönlich auf der Fachstelle beantwortet.

Zur Person

Lilo Gander, 55, ist Fachperson für sexuelle Gesundheit in Bildung und Beratung SGS und dipl. Pflegefachfrau HF.

Harry Tritschler, 51, ist Fachperson für sexuelle Gesundheit in Bildung und Beratung SGS und dipl. Sozialpädagoge / Erwachsenenpädagoge.


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