Helke ­Bruchhaus Steinert: «Eine Affäre ist keine Bankrotterklärung»
Sexualität
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Eine Affäre gehört zu den häufigsten Gründen für eine Paartherapie. Warum gehen Menschen fremd?

Jedenfalls muss jemand in seiner Primärbeziehung nicht unglücklich sein, um fremdzugehen. Wenn der Alltagstrott dominiert, stellt sich oft der Eindruck ein, das gemeinsame Leben sei vorhersehbar. Kommt dann jemand daher, der einen umwirbt, beschert uns dies jene Lebendigkeit, nach der wir uns im gemeinsamen Leben mit dem Partner vielleicht zurücksehnen. Die meisten Menschen gehen nicht fremd, weil sie sich vom Partner abwenden, sondern aus dem Alltag ausbrechen wollen. Affären sind letztlich auch eine Frage der Gelegenheit: Wer häufiger vom Partner getrennt ist, wird eher in Versuchung kommen. Auch gesellschaftliche Entwicklungen spielen eine Rolle.

Nämlich?

Wenn man Zahlen Glauben schenkt, kommen Affären heute häufiger vor. Das hat damit zu tun, dass Partner finanziell unabhängiger voneinander und die wirtschaftlichen Folgen einer Trennung für beide eher zu tragen sind. Aber auch unsere Wertvorstellungen haben sich verändert: Es gilt heute nicht mehr als besonders erstrebenswert, eine schwierige Beziehungssituation zu ertragen. In den Vordergrund gerückt ist die ­Frage, ob wir genügend Selbstverantwortung für Genuss, Erfolg und Lebenslust übernehmen und unsere Lebensziele verwirklichen.

Was bedeutet eine Affäre für die Beziehung?

In den meisten Fällen eine schwere Krise. Damit Schmerz, Wut und Enttäuschung heilen, braucht es Zeit und womöglich auch Unterstützung. Doch birgt jede Krise auch das Potenzial, gestärkt daraus hervorzugehen. Die Einsicht, dass die Liebe bessere Pflege braucht, kann der Beziehung eine neue Richtung geben. Eine Affäre ist keine Bankrotterklärung an die Liebe. Aber sie führt uns vor Augen, dass nicht alle Bedürfnisse und Sehnsüchte der Partner durch den anderen erfüllt werden können.

Eine offene Beziehung kann ein ­Versuch sein, dieses Problem zu umschiffen.

Mit Respekt und viel Toleranz kann das gelingen. Man muss dabei jedoch mit Unvorhergesehenem rechnen: Liebesgefühle im Rahmen der Aussenbeziehung, Eifersucht, Ansprüche von Drittpersonen. Was in der Theorie aufgeht, führt in der Praxis oft zu Chaos. Paare sollten sich bewusst sein, dass eine sexuelle Aussenbeziehung Zeit in Anspruch nimmt, die der verbindlichen Partnerschaft abgeht. Wer die Zeit mit dem primären Partner dann auf Alltagspflichten beschränkt und sich die schönen Seiten des Lebens für anderswo aufhebt, ist als Paar vermutlich nicht mehr lange glücklich.
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