Sexualität
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Und wenn für mich eine Grenze erreicht ist?

Dann muss ich diese dem Kind klar kommunizieren: «Es ist toll, wenn du dich berührst und es dir Spass macht. Das darfst du gerne tun, am besten zu Hause in deinem Zimmer.» 
«Doch das Nichtbeachten des sogenannten «da unten» kann letzten Endes zu einer Taubheit im Genitalbereich führen. Da kann dann auch der Freund nichts mehr machen.»

Die 7-jährige Tochter geniesst beim Baden den Wasserstrahl im Intim­bereich. Wäre dies eine gute Situation, über Lust zu sprechen? Soll man sie einfach gewähren lassen? 

Ich habe meine eigene Tochter den Wasserstrahl geniessen lassen und mich an ihrer Freude mitgefreut. Solange sie durch lüsterne Blicke anderer nicht gefährdet ist, ist alles gut. Wenn das Kind noch jünger ist, muss man dieses Verhalten nicht unbedingt thematisieren. Ich tue das ja auch nicht, wenn meine Tochter freudig einem Schmetterling hinterherrennt. Wenn, dann geht es darum, ihr Erleben zu spiegeln und offen zu sein, wenn sie sich dazu mitteilen möchte.

Was meinen Sie mit «spiegeln»?

«Ich habe vorhin gesehen, wie viel Freude dir der Wasserstrahl an deiner Yoni (Anm. d. Red.: tantrischer Begriff für die weiblichen Genitalien) gemacht hat.» Ich zeige damit als Mutter oder Vater wertneutral, dass ich es wahrgenommen habe und dass es okay ist. Das Kind fühlt sich gesehen. 

Wie gehe ich damit um, dass mein Kind sich auch bei den Grosseltern oder bei anderen Menschen, die es betreuen, selbst berührt? 

Besprechen Sie dies mit den jeweiligen Personen. «Uns ist es wichtig, dass unser Kind sich anfassen darf, zum Beispiel wenn es badet.» Wir erwarten ja auch, dass sich die Grosseltern daran halten, wenn wir bei der Ernährung unsere Haltung und unsere Regeln kommunizieren. Sexualität ebenso zu thematisieren, ist für uns ungewohnt. Doch der Umgang wird offener, und wir können und sollen dabei eine Vorreiterrolle einnehmen. 
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Sie sagen, Mütter sollen ihre Töchter lehren, dass ihre Genitalien toll seien. Weshalb ist das besonders bei  Mädchen ein Thema?

Penis und Hoden sind nun mal vorne am Körper und für die Jungen sehr präsent. Sie sehen ihre Genitalien jeden Tag und fassen sich oft an. Je häufiger wir uns berühren, desto mehr Nervensynapsen wachsen im Gehirn. Die Körperstellen werden differenzierter wahrnehmbar, es entstehen «Fühl-Autobahnen», wie ich sie nenne. Unsere Vulva jedoch sehen wir selbst nur, wenn wir uns aktiv bemühen, einen Spiegel in die Hand nehmen und uns betrachten. Und im traurigsten Fall berühren wir uns intim nur der Hygiene wegen.

Wie baue ich als Frau eine solche «Fühl-Autobahn» aus?

Indem ich mich betrachte, berühre und berühren lasse. So wachsen neue Nervenverbindungen – in jedem Alter. Dazu müssen viele Frauen erst ihre Schamgrenze überwinden. Während Buben offener über Selbstbefriedigung sprechen, haben Mädchen einen weniger ungezwungenen Umgang damit. Dazu tragen noch heute solche Sätze bei: «Fass dich da nicht an, das ist schmutzig.» Ich habe Frauen auch schon sagen hören: «Ich fasse mich selber nicht an, ich habe einen Freund, der macht das.» Doch das Nichtbeachten des sogenannten «da unten» kann letzten Endes zu einer Taubheit im Genitalbereich führen. Da kann dann auch der Freund nichts mehr machen. 

Was sollten wir unsere Söhne lehren?

Es braucht einen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft. Bei der Vorstellung von männlicher und weiblicher Sexualität herrscht eine Disbalance, es geht vor allem ums Nehmen und Genommenwerden. Dabei müsste selbstverständlich sein, dass Männlichkeit auch gefühlvoll und verletzlich sein darf – und Weiblichkeit fordernd und dominant. Um dahin zu kommen,  müssen wir lernen, unsere Wünsche auszudrücken und Geschlechterklischees zu überwinden. 

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