«Bei Papa dürfen wir das aber!» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Bei Papa dürfen wir das aber!»

Lesedauer: 4 Minuten

Unterschiedliche Erziehungsstile in einer Familie können ­Bereicherung und Belastung sein. Konflikte entstehen dann, wenn die Eltern Extrempositionen einnehmen.

Meine Kinder und ich sitzen im Bus. Nach einem Blick in die Einkaufstaschen gibt mir mein damals dreijähriger Sohn in voller Lautstärke den Tarif durch: «Papa! Das ist Weissbrot! Und Chips! Das ist schlecht für den Bauch! Das kaufst du nie mehr!» Während ich ziemlich verdattert dasitze, können sich die anderen Leute das Lachen nicht verkneifen. Danach fügt er hinzu: «Du kannst Mama sagen, dass ich schon mit dir geschimpft habe. Dann muss sie es nicht mehr machen.»
Das Essen sorgt bei uns immer wieder für Diskussionen. Während meine Frau auf die Gesundheit achtet, hat mein Essen oft mehr E-Nummern als Vitamine. Sagt mir je­­mand, ich sehe jünger aus, als ich sei, kann ich es mir nicht verkneifen, das den Konservierungsstoffen zuzuschreiben, die mir die Fertig-Lasagnen über die Jahre geliefert haben. 

Kinder haben kein Problem, sich auf unterschiedliche Beziehungspersonen einzustellen. Sie wissen, was bei wem gilt. 

Wahrscheinlich geht es Ihnen in Ihrer Partnerschaft ähnlich, und es gibt Dinge, die Sie im Umgang mit den Kindern unterschiedlich handhaben. Meist entzünden sich Diskussionen an Punkten wie Ernährung, Schlafenszeiten, Strukturen, Grenzen und Ritualen. Wie soll man mit diesen Unterschieden umgehen? Benötigen Kinder die oft beschworene «gemeinsame Front» oder darf die individuelle Persönlichkeit der Eltern auch in der Erziehung Ausdruck finden?

Kinder können mit Unterschieden umgehen

Generell lässt sich sagen, dass Kinder kein Problem damit haben, sich auf unterschiedliche Bezugspersonen einzustellen. Sie wissen, was bei Mutter und Vater, den Grosseltern oder der Lehrerin gilt, und können sich danach ausrichten.

Gleichzeitig sind Unterschiede eine Bereicherung. Sie sorgen dafür, dass Kinder verschiedene Modelle erhalten. Wenn Eltern diese Vielfalt zulassen können, erweitert sich der Erfahrungsspielraum des Kindes. Es kann mit Eltern, Grosseltern und weiteren Bezugspersonen unterschiedliche Erfahrungen sammeln und verschiedene Aspekte seiner Persönlichkeit entdecken. Dabei gestalten Kinder ihre Entwicklung aktiv mit, indem sie sich Modelle und Vorbilder suchen, die zu ihnen passen. 

Unterschiede werden dann problematisch, wenn sie zu unüberwindbaren Konflikten zwischen Eltern führen. Wenn sich Mutter und Vater nicht mehr respektieren, sich gegenseitig abwerten oder ein Elternteil an den Rand gedrängt wird, weil seine Erziehungskompetenz scheinbar nicht genügt. Oft sind die Konflikte und Machtspiele und deren Folgen für die Partnerschaft für das Kind viel schwerer auszuhalten als die unterschiedlichen Erziehungsstile der Eltern.

Konflikte entstehen häufig, wenn die Eltern in der Erziehung Extrem­posi­tionen einnehmen. Wenn er spontan und chaotisch ist und sie auf klare Strukturen und Abläufe Wert legt. Wenn sie den Kindern vieles durchgehen lässt und er darauf beharrt, dass Kinder klare Grenzen brauchen und Konsequenzen spüren müssen. Wenn sie verantwortungsbewusst ist und den Kindern das Motto «ohne Fleiss kein Preis» mitgeben möchte, während er sein Leben nach dem Lustprinzip gestaltet.

Unterschieden auf die Schliche kommen

Es ist hilfreich, wenn man sich be­­wusst wird, dass extreme Positionen oft eher eine Reaktion als eine Entscheidung sind. Sie können als Folge der eigenen Kindheit entstehen. Sind wir etwa mit strengen und strafenden Eltern aufgewachsen, können wir diese An­­sichten übernehmen («das hat uns auch nicht geschadet!») oder versuchen, alles anders zu machen. 

Unser Umgang mit dem Kind kann auch eine Reaktion auf den anderen Elternteil sein. Ist der eine eher autoritär und fordernd, kann dies beim anderen den Wunsch auslösen, dies durch Nachsicht auszugleichen. Sieht der strenge Elternteil, wie nachsichtig der andere mit den Kindern umgeht, verstärkt dies seine Ängste: «Die Kinder tanzen dir auf der Nase rum!» Es entsteht das Bedürfnis, dem durch noch mehr Härte entgegenzuwirken. 

Oft sind die Konflikte und Machtspiele der Eltern für das Kind schwerer auszuhalten als verschiedene Erziehungsstile. 

Dieses «Ausgleichen» ist jedoch ab einem bestimmten Punkt für alle Beteiligten ungesund. Die Kinder beginnen, die Eltern gegeneinander auszuspielen, während sich diese gegenseitig immer weniger respektieren oder sogar das Gefühl entwickeln, die Kinder vor dem negativen Einfluss des anderen schützen zu müssen. 

Wieder in die Mitte finden

Wie finden Eltern in dieser Situation wieder zueinander? Wenn beide noch offen miteinander reden können, ist mit einem Gespräch ein guter Anfang gemacht. Die Eltern können miteinander die folgenden Fragen durchgehen:

  • Was macht dir Angst oder welche Befürchtungen hast du, wenn du siehst, wie ich mit den Kindern umgehe?
  • Was wünschst du dir von mir?
  • Wie wollen wir mit unseren Differenzen umgehen?

So könnte der «strenge» Elternteil befürchten, dass der andere die Kinder verzieht und diese in der Folge zu Egoisten werden, die sich nicht an Regeln halten können und nur ihre eigenen Bedürfnisse im Kopf haben. Vielleicht stört er sich auch daran, dass die Bedürfnisse der Eltern vernachlässigt werden.

Der «nachlässige» Elternteil be­­fürchtet vielleicht, dass die strenge Erziehung dazu führt, dass die Kinder Ängste entwickeln, ihre Lebensfreude verlieren und mit ihren Bedürfnissen nicht gesehen werden. Es ist hilfreich, diese Befürchtungen auszusprechen, vielleicht sogar aufzuschreiben und sich zu fragen, ob die Einschätzung des anderen nicht ein Körnchen Wahrheit enthält.

Es lohnt sich auch nachzufragen, ob sich das Gegenüber in seiner Rolle wohlfühlt. Vielleicht möchte der strenge Teil auch einmal nachgiebig sein und nicht immer den «Bösen» spielen müssen – wenn er sich darauf verlassen kann, dass der andere wichtige Regeln mitträgt. Und vielleicht ist es für den nachgiebigen Elternteil befreiend, wenn er lernt, sich ab und zu abzugrenzen und den Kindern nicht alles durchgehen zu lassen – im Wissen, dass auch der andere Elternteil ab und zu ein Auge zudrückt und die Kinder insgesamt auf ihre Kosten kommen.

Einfach mal die Rolle wechseln

Falls das Thema Erziehung so belastet ist, dass ein Gespräch kaum mehr möglich ist, kann ein Experiment für Veränderung sorgen. Dabei übernimmt man einfach in bestimmten Situationen die Rolle des anderen. Ein nachgiebiger Vater könnte beispielsweise ganz bewusst auf die Einhaltung einer Regel bestehen: «Wir haben abgemacht, dass ihr diese Sendung sehen dürft und nicht mehr. Jetzt machen wir den Fernseher aus.» Er könnte den Protest der Kinder stoisch ertragen, anstatt wie sonst nachzugeben, und schauen, wie sich das für ihn anfühlt – und wie seine Partnerin darauf reagiert. 

Zum Autor: 

Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Mit Kindern lernen»). In der Rubrik «Elterncoaching» beantwortet er Fragen aus dem Familienalltag. Der 37-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 5, und einer Tochter, 2. Er lebt mit seiner Familie in Freiburg. 


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