Wie mir Remo Largo die Welt der Kinder erklärte
Entwicklung

Wie mir Remo Largo die Welt der Kinder erklärte

Eine persönliche Hommage an den Mann, der unsere Autorin mit seinen Büchern in schlaflosen Nächten und an verzweifelten Tagen gerettet hat.
Text: Claudia Landolt
Bilder: Rawpixel.com / zVg
Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, war ich überglücklich und unfassbar arrogant. Ich war jung, fit und hielt mich für eine vorbildliche Schwangere. Ich las mich durch sämtliche Schwangerschaftsbücher, ernährte mich nach ayurvedischem Prinzip, trieb Sport, ging zum Schwangerschaftsyoga, als Geburtsvorbereitung zum Mom-to-be-schwimmen und trank Himbeerblättertee. Ich träumte von einer Bilderbuchgeburt im Wasser und von einem selig schlummernden Traumbaby.
Natürlich kam alles anders. Ganz anders.
 
Nun muss man wissen, ich habe vier Kinder. Ich liebe sie innigst. Als junge Mutter war ich jedoch oft überfordert. Mein Erstgeborener hatte schon als Baby seinen eigenen Kopf: Der errechnete Geburtstermin war ihm schnuppe, er drängte mit einem Wahnsinnstempo auf die Welt, hatte alle zwei Stunden unbändigen Hunger, trank zu gierig und schrie sich deshalb regelmässig die Lungen aus dem Leib. Ja, er war schon als Mini-Menschlein mit einem herzensguten, aber feurigen Temperament gesegnet. 
Autorin Claudia Landolt mit ihrem ersten Sohn
Autorin Claudia Landolt mit ihrem ersten Sohn
Ich gab mich meinen Hormonen hin, schwelgte in der unbändigen, neuen Liebe und versuchte, alles richtig zu machen. Das gelang mir tagsüber meist ganz gut. Nachts hingegen scheiterte ich kläglich. Nach vier Monaten ohne nennenswerte Nachtruhe bekam mein Sohn vier Zähne auf einmal, und alles wurde noch viel schlimmer. Ich fand das Zusammenleben mit meinem kleinen Muttermilch-Buddha oft nicht einfach, zumal er ja nicht sprechen konnte und ich/wir ständig raten mussten, was gerade los ist, was er braucht, ob etwas fehlt, wenn ja, was, ob das schlimm ist oder nicht. Ich hatte viele, oh so viele Fragen. Mein Umfeld überschüttete mich mit Ratschlägen. Die Mutterberatung riet mir abzustillen, der Kinderarzt zur frühen Beikost, die Schwiegermutter sagte, ich sollte das Kind einfach schreien lassen, die Nachbarin riet zu mehr Gelassenheit und meine kinderlosen Freundinnen schenkten mir den Buchklassiker «Jedes Kind kann schlafen lernen», dessen nordkoreanischen Methoden mich entsetzten. 
Ich fühlte intuitiv, dass hinter jeder dieser Aussage eine Normvorstellung stand, die für mich nicht stimmig war. Doch was sollte ich tun? Den eigenen Weg zu gehen erfordert viel Kraft. Und ohne Schlaf ist es schwierig, diese Kraft zu finden. Eines Morgens, als ich für einen doppelten Cappuccino zu meinem Stammcafé spazierte, machte ich einen Abstecher in die angrenzende Buchhandlung. Die nette Buchhändlerin warf einen Blick auf mein schlummerndes Kind im Tragetuch und auf meine Augenringe. Sie gab mir das Buch «Babyjahre» von Remo Largo in die Hand. Es war meine Rettung. In einem Zug las ich es durch. Und ich vertraute diesem Mann, der mir als Autor so allwissend erschien, sogleich.
 
Wer «Babyjahre» in seinem Bücherregal vorliegen hat, weiss, dass es am Ende des Buches eine Matrix gibt, das sogenannte 24-Stunden-Protokoll. Ich habe das Buch jetzt, als ich vom Hinschied Remo Largos erfuhr, wieder durchgeblättert und entdeckte das von mir ausgefüllte Schlafprotokoll. Ich erkannte: mein Sohn hatte doch eigentlich einen richtig guten Tag-/Nachtrhythmus! Wie prächtig er doch gedieh! Ab dem Alter von zwei Monaten bewegte er sich stets zwischen der 92. und 95. Perzentile. Alles gut!
 
Das muss ich damals ebenso erkannt haben, denn nach drei Wochen beendete ich das Schlafprotokoll. 
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Das ausgefüllte Schlafprotokoll aus dem Buch «Babyjahre»
Das ausgefüllte Schlafprotokoll aus dem Buch «Babyjahre»

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