wie lernt man Selbstliebe?
Entwicklung
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Äusserungen Dritter prägen die kindliche Selbstakzeptanz

«Soziale Zurückweisung senkt das Selbstwertgefühl, das Gefühl, gut integriert zu sein, hebt es», schreibt der US-Psychologe Mark Leary in einer viel beachteten Studie. Leary sagt auch, dass nach erlebter Zurückweisung in der Regel alles getan werde, um die Akzeptanz der anderen wiederherzustellen.

Aber: Während der Regulierungsprozess bei den meisten Menschen gut zu funktionieren scheint, zeigt sich bei Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl, dass diese häufig mit sozial ungünstigen Verhaltensweisen reagieren, die nicht hilfreich sind, sondern die Schwierigkeiten eher verstärken. So neigen sie zum Beispiel dazu, die zurückweisenden Personen als wenig sympathisch zu bewerten, oder zweifeln deren ­Kompetenz an. Auch tendieren sie dazu, sich sozial noch mehr zurückzuziehen.

Gerade bei Kindern spielen für die Entwicklung der Selbstakzeptanz Äusserungen durch Dritte eine grosse Rolle. Sie können diesen Bewertungen ihrer Person (noch) nicht ausweichen oder sie einordnen. Hinzu kommt: Jedes Mädchen, jeder Bub ruft mit seinem Wesen und Verhalten bestimmte Reaktionen hervor. Diese lösen beim Kind je nach Art der Bewertung positive oder negative Gefühle aus. 
Auch die Häufigkeit, mit der das Kind mit negativen Bewertungen konfrontiert wird, spielt eine Rolle. «Impulsive Kinder zum Beispiel hören häufiger Äusserungen wie ‹Nein›, ‹Lass das› oder ‹Pass auf› als zurückhaltende Kinder», erklärt Urs Meier, Heilpädagoge und Lehrbeauftragter an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Diese Wertungen speichert das Kind in sich ab.

Je älter das Kind wird, desto zahlreicher werden seine Erfahrungen mit diesen Bewertungen. Es sucht sich dann in der Regel Felder aus, die seiner Begabung, seinen Interessen, seiner Persönlichkeit entsprechen – und in denen es Erfahrungen sammeln kann, die seinen Selbstwert stärken. So haben die Gene Einfluss auf unser Leben, definieren aber letztlich nur einen Raum von Möglichkeiten, in dem wir uns befinden. Der Rest hängt von individuellem Verhalten, eigenen Entscheidungen und Anregungen aus dem Umfeld ab.
«Das habe ich vorher noch nie versucht. Also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.»
Pippi Langstrumpf
Wenig selbstbewusste Kinder ziehen sich in neuen oder mehrdeutigen Situationen oft zurück, stärker, als es nötig wäre, sagt Orth. «Generell zeigen Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl mehr Vermeidungsverhalten, sind also bei Kontakten zurückhaltender und scheuen sich eher, Herausforderungen im Beruf oder im Sozialen anzunehmen.» 

Auch Maurice, der Junge aus unserem Beispiel, kennt das. Vor einer neuen Situation hat er Bauchweh und möchte am liebsten zu Hause bleiben. Anastasia dagegen hat viele unbekannte Situationen erlebt und diese gut gemeistert. Was lief bei ihr anders? «Es gibt viele Persönlichkeitsfaktoren, die beeinflussen, wie Menschen mit schwierigen Situationen oder Scheitern zurechtkommen», erklärt Orth. «Entscheidend ist die Selbstwirksamkeitsüberzeugung, also die Erwartung, bestimmte Situationen meistern zu können, selbst wenn man noch nicht weiss, wie.»

Aber auch das Selbstwertgefühl hat einen Einfluss. Wer seine Selbstachtung zu sehr auf externe Faktoren stützt, etwa Erfolg im Beruf, den wird es sehr belasten, wenn er in diesem Bereich scheitert. Menschen, die ihren Selbstwert aus mehreren Quellen beziehen, können besser mit Situationen umgehen, in denen in einem wichtigen Lebensbereich ein Misserfolg eintritt.

Weitere Grössen, die das Selbstwertgefühl des Kindes stärken können, sind Lob und Anerkennung. Kinder, die Angst vor schlechten Noten haben, können nicht stressfrei in eine Prüfungssituation gehen und erzielen daher voraussichtlich schlechtere Ergebnisse. 

Eltern und Pädagogen können diese Angst reduzieren, indem sie das Selbstwertgefühl des Kindes stärken. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie ist überzeugt, dass Feedback ein sehr mächtiges Mittel ist, den Selbstwert eines Kindes zu stärken. «Falsche Antworten sind nicht schlimm, sondern helfen beim Lernen. Allerdings konzentriert sich die Schule zu oft auf negatives Feedback. Wenn jemand gut war, erhält er keine Rückmeldung», so Hattie.

Tatsächlich hat authentisches Loben einen positiven Effekt auf den Selbstwert. Dies fand der Psychologe Eddie Brummelman von der Universität Amsterdam heraus. Er untersuchte in einem Experiment den Zusammenhang von Lob und Selbstvertrauen. Seine Ergebnisse zeigen, dass das Selbstvertrauen gestärkt wird, wenn man Kinder eher für ihre Bemühungen und Strategien lobt anstatt für ihre Erfolge: «Da hast du aber ein schönes Blau für dein Bild ausgewählt!» Dann zweifeln sie nicht an ihren Fähigkeiten, sondern probieren es trotz mancher misslungener Versuche immer wieder. Und sie wählen eher schwierige Herausforderungen als leichte Aufgaben. Es kommt ganz darauf an, wie gelobt wird, schreibt Brummelman auf der Fach-Website behavioralscientist.org.

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