Stottern bei Kindern: Wann soll man es abklären?
Entwicklung

«Mit einer frühen Intervention kann die Negativspirale durchbrochen werden»

Eltern sorgen sich, wenn ihr Kind stottert. Wolfgang G. Braun über den «Redeflusskompass online»für Eltern und Fachpersonen.
Interview: Florina Schwander
Bild: Phanie / Alamy Stock Photo

Herr Braun, wem empfehlen Sie das ­Ausfüllen Ihres Fragebogens?

Der Redeflusskompass richtet sich in erster Linie an Eltern, Kitaleiterinnen oder Spielgruppenverantwortliche, die sich Sorgen machen ums Sprechen ihrer Kinder. Wenn Kinder beispielsweise Wörter oder Teile von Wörtern wiederholen oder Wörter komplett stecken bleiben. Der Fragebogen soll besorgten Eltern schnell und einfach bei der Frage helfen, ob eine Fachperson hinzugezogen werden soll. Ein Algorithmus wertet den Fragebogen aus und empfiehlt den Eltern oder Fachpersonen, noch abzuwarten oder mit dem Kind zum Kinderarzt oder zur Logopädin zu gehen.
Wolfgang G. Braun, Dozent und Leiter der Stotterberatungsstelle an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (Bild: Hochschule HfH).
Wolfgang G. Braun, Dozent und Leiter der Stotterberatungsstelle an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (Bild: Hochschule HfH).

Der Fragebogen konzentriert sich auf ­Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren. Warum so früh?

In Fachkreisen wird eine frühe Erkennung des Stotterns als sehr wichtig eingeschätzt. Einerseits merken stotternde Kinder sehr schnell, dass sie «anders» sprechen, und entwickeln eigene Strategien, die nicht förderlich sind für einen normalen Redefluss. Oft werden sie unsicher und gehemmt. Andererseits sind auch die Eltern stark verunsichert. Mit einer frühen Intervention kann die Negativspirale durchbrochen werden. Betroffenen Familien wird ein entspannter Umgang mit dem Stottern vermittelt und Eltern werden in ihrer Kommunikation mit dem Kind gestärkt: «Es ist wichtig, was du sagst, und wenn es stotternd herauskommt, ist es auch wichtig.»

Was sollten Eltern tun, wenn das Ergebnis des Fragebogens die Empfehlung ist, einen Kinderarzt oder eine Logopädin aufzusuchen?

Das Programm kann sehr differenziert einschätzen, wann man bei einem Kind noch zuwarten kann oder wann beispielsweise die Anspannung als Begleiterscheinung des Stotterns so gross wird, dass es sinnvoll ist, sich professionellen Rat zu holen. Das heisst aber nicht, dass nach einer Erstabklärung beim Arzt oder Logopäden zwingend eine Therapie erfolgt. Es kann sehr gut sein, dass man auch dann noch zuwartet. In manchen Fällen sorgen bereits eine Beratung und ein paar Tipps im Umgang mit dem Stottern im Famillenalltag für wichtige Entspannung bei den Eltern und auch beim Kind.

Mehr lesen zum Thema Stottern:

  • «Das Stottern wächst sich nicht aus»
    Stottern zeigt sich als Sprechstörung, die ab dem Jugendalter nicht mehr heilbar ist. Deshalb ändert sich im Teenageralter das Therapieziel: Die Jugendlichen sollen möglichst lernen, souverän mit dem Stottern und Sprechen umzugehen.

  • «Ich stottere – na und?»
    Etwa fünf Prozent aller Menschen stottern im Laufe ihres Lebens. Das kann viele Ursachen haben. Im Stottercamp am Bodensee lernen jugendliche Stotterer, souverän mit ihrem Handicap umzugehen und ihr Sprechen zu verbessern. Ein Camp-Besuch.
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