Remo Largo – vom Kind her denken
Entwicklung
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Er war umsichtig und visionär.

Mit neuen Erkenntnissen aus den USA im Gepäck übernahm er 1978 von seinem Mentor Andrea Prader die Verantwortung für die Zürcher Longitudinalstudien, die 1954 initiiert wurden. Er startete eine zweite und sogar eine dritte Studie, baute diese aus und liess sein umfangreiches Wissen einfliessen, das er in Amerika erworben hatte.
«Nur wenn die Eltern der Schule und dem Lehrer vertrauen und sich mit ihm identifizieren, kann sich das Kind in der Schule unterstützt und akzeptiert fühlen. Dann wird die Schule zu seiner Schule.»
Aus «Schülerjahre»
So untersuchte er zum Beispiel die Entwicklung des Spiels der Kinder, deren Denken und die Sprache, den Schlaf, die Entwicklung der Sauberkeit und viele ­Aspekte des sozialen Verhaltens. Dieser grosse Wissensfundus war die Grundlage für seine Bücher und das «Fit-Konzept». Dabei beobachtete er die Kinder, filmte und fotografierte sie. Er hatte ein Auge für besondere Situationen und Momente. Es war grossartig, zusammen mit ihm die kindlichen Verhaltensweisen im Video genau zu analysieren und auf diese Weise zu verstehen. Das Video war Remo Largos Stethoskop.

Er war humorvoll und geduldig.

Innert Minuten war er mit Kindern in ein Spiel verwickelt, lachte und zog die Kinder in seinen Bann. Auch Studierende und Assistierende waren fasziniert von seiner Art, auf Kinder zuzugehen. Er stach unter den Dozierenden heraus, weil es ihm intuitiv gelang, dem Kind auf Augenhöhe zu begegnen und sich auf seinen individuellen Entwicklungsstand einzustellen.
«Kinder lieben ihre Eltern nicht, weil sie ihre Erzeuger sind, sondern weil sie eine Beziehung mit ihnen haben, die nur aus gemeinsamen Erfahrungen heraus entstehen kann.»
Aus «Schülerjahre»
Auch hörte er sich die Geschichten der Familien geduldig an und versuchte, das Umfeld des Kindes zu verstehen. Dabei betrachtete er die Welt immer aus Sicht des Kindes, versuchte sich in das Kind hineinzuversetzen und «vom Kind her zu denken», wie er oft sagte. Er fokussierte sich auf die Stärken eines Kindes, akzeptierte die Schwächen oder übersah diese grosszügig – nicht nur bei Kindern, sondern auch bei seinen Mitarbeitenden und Freunden. Es gelang ihm, jedem seinen Platz zu geben und ein Team zu formen, das unterschiedliche Menschen vereint.
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Er war beharrlich und provokativ.

Für viele war seine tiefe Überzeugung, dass die Anforderungen der Gesellschaft an die Eigenschaften des Kindes angepasst werden müssen, pure Provokation. Er eckte mit dieser Forderung besonders in der Bildungsszene an, weil die Schule bis zu einem gewissen Grad von Gleichmacherei geprägt ist. Diese war für Remo Largo, den überzeugten Hüter der kindlichen Vielfalt, ein Graus. Dabei musste er viel Ablehnung ertragen, vor allem von Seiten der Pädagogik. «Schuster, bleib bei ­deinem Leisten» oder «Als Kinderarzt hat Largo keine Ahnung, was in den Schulzimmern läuft» waren häu­fige Kritiken, wenn er wiederholt provokante Thesen einbrachte.
«Heute verbringt ein Kind während der obligatorischen Schuljahre bis zu 1000 Stunden in der Schule. Da ist es schlicht unmöglich, die erzieherischeVerantwortung 
allein den Elter aufzubürden.»
Aus «Jugendjahre»
Eine grosse Genugtuung erfuhr er 2006, als er den Bildungspreis der Pädagogischen Hochschule Zürich erhielt und in der Laudatio hören durfte, dass er «als Kinderarzt eigentlich ein geborener Pädagoge ist».

Er war kommunikativ und konnte begeistern.

Wie kein anderer hat er es verstanden, das komplexe Wissen über die Entwicklung von der Geburt bis in das Erwachsenenalter in einer klaren und verständlichen Sprache zu vermitteln; seine Bücher sind ohne Zweifel der Beweis dafür.

Wir haben diese Begabung im gemeinsamen Alltag auch gespürt. Wenn man ihm beispielsweise wissenschaftliche Daten präsentierte, fragte er jeweils am Schluss: «Und was ist deine Botschaft?» Er machte ­keine Forschung im Elfenbeinturm, sondern dachte stets ­daran, welche Bedeutung die wissenschaftlichen ­Befunde für den Umgang mit den Kindern und Familien haben könnten. Mit diesem Transfer von Erkenntnissen der Forschung in die Gesellschaft war er seiner Zeit weit voraus, denn erst in den letzten Jahren wird zunehmend ein öffentlicher Dialog über die Wissenschaft gefordert und gepflegt.
«Eine Erziehung, bei der Eltern und Bezugspersonen bestimmen, was ein Kind zu denken und zu tun hat, wird einen Erwachsenen hervorbringen, der fremdbestimmt ist.»
Aus «Kinderjahre»
Niemand war in den letzten 30 Jahren im deutschsprachigen Raum besser in der Lage, den umfangreichen Wissensfundus über die kindliche Entwicklung in unserer Gesellschaft so tief zu verankern wie Remo Largo. Dabei hat er das Verständnis für die kindliche Entwicklung und deren Vielfalt nachhaltig erweitert und uns allen vor Augen geführt, dass wir uns an das Kind anpassen müssen und nicht das Kind sich an uns. Diese kind­orientierte Haltung ist das grosse Vermächtnis, das Remo Largo uns allen hinterlassen hat.

Seine Stimme ist am 11. November 2020 verstummt, aber sein Menschenbild wird in uns weiterleben.

Die Zitate stammen aus diesen Büchern von Remo H. Largo:

Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren. Piper 2017 (Erstausgabe 1993), ca. 26 Fr.

Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische ­Herausforderung. Piper 2019 (Erstausgabe 1999), ca. 37 Fr.

Mit Martin Beglinger: Schülerjahre. Wie Kinder besser lernen. Piper 2010 (Erstausgabe 2009), ca. 22 Fr.

Mit Monika Czernin: Jugendjahre. Kinder durch die Pubertät ­begleiten. Piper 2013 (Erstausgabe 2011), ca. 24 Fr.

Das passende Leben. Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können. Fischer 2019 (Erstausgabe 2017), ca. 24 Fr.

Remo Largo (1943–2020) Remo Largo wurde am 24. November 1943 in Winterthur geboren. Nach dem Studium der Medizin an der Universität Zürich und der Entwicklungs­pädiatrie an der University of California, Los Angeles, habilitierte er 1981 in Kinderheilkunde. Ab 1978 leitete Largo die Abteilung «Wachstum und Entwicklung» an der Universitäts-Kinderklinik Zürich. Von 1987 bis 1993 war er Leiter der dortigen allgemeinen Poliklinik. Er publizierte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten sowie populärwissenschaftliche Fachbücher und wurde damit zum Bestsellerautor. Largo hatte viele Jahre mit gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen und erlitt im Frühling 2020 seinen dritten Hirnschlag. Der Vater von drei Töchtern lebte zuletzt mit seiner zweiten Ehefrau in Uetliburg SG, wo er am 11. November im Alter von 76 Jahren verstarb.  Lesen Sie in diesem Dossier die wichtigsten Texte von Remo Largo und einen Nachruf von Chefredaktor Nik Niethammer.
Remo Largo (1943–2020)
Remo Largo wurde am 24. November 1943 in Winterthur geboren. Nach dem Studium der Medizin an der Universität Zürich und der Entwicklungs­pädiatrie an der University of California, Los Angeles, habilitierte er 1981 in Kinderheilkunde. Ab 1978 leitete Largo die Abteilung «Wachstum und Entwicklung» an der Universitäts-Kinderklinik Zürich. Von 1987 bis 1993 war er Leiter der dortigen allgemeinen Poliklinik. Er publizierte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten sowie populärwissenschaftliche Fachbücher und wurde damit zum Bestsellerautor. Largo hatte viele Jahre mit gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen und erlitt im Frühling 2020 seinen dritten Hirnschlag. Der Vater von drei Töchtern lebte zuletzt mit seiner zweiten Ehefrau in Uetliburg SG, wo er am 11. November im Alter von 76 Jahren verstarb.

Lesen Sie in diesem Dossier die wichtigsten Texte von Remo Largo und einen Nachruf von Chefredaktor Nik Niethammer.
Die besten Zitate von Remo Largo Er war der erste und vielleicht wichtigste Vertreter einer liebevollen Erziehung ohne Förderwahn: Remo Largo. Nun ist der einmalige Forscher und pointierte Zürcher Kinderarzt verstorben. Seine wichtigsten Aussagen haben wir für Sie als Hommage an einen wunderbaren Menschen zusammengefasst.
Er war der erste und vielleicht wichtigste Vertreter einer liebevollen Erziehung ohne Förderwahn: Remo Largo. Nun ist der einmalige Forscher und pointierte Zürcher Kinderarzt verstorben. Seine wichtigsten Aussagen haben wir für Sie als Hommage an einen wunderbaren Menschen zusammengefasst.

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