Rassismus: «Wasch dich mal, Gaggihaut!»
Entwicklung

«Wasch dich mal, Gaggihaut!»

Die Anlaufstellen in der Schweiz verzeichnen immer mehr Fälle von Rassismus. Viele davon betreffen Kinder. Zwei Familien berichten aus ihrem Alltag und erzählen, wie sie mit Anfeindungen umgehen.
Text: Sandra Casalini
Bilder: Filipa Peixeiro / 13 Photo
Es poltert gewaltig im Haus von Familie Huber in der Nähe von Zürich. Kein Wunder, schliesslich rennen acht Bubenfüsse die Treppe hoch. Dann steht das Quartett in der Küche und verlangt nach Zvieri. Cornelia Huber lacht und schiebt ihren Sohn sanft zur Seite. «Dann schauen wir mal, was wir dahaben.»

Lukas runzelt die Stirn und fährt sich mit der Hand durch den dunklen Haarschopf. Der Zwölfjährige wusste immer, warum er nicht so aussieht wie seine Eltern Cornelia und Robert. Sie haben Lukas als Baby adoptiert. Geboren wurde er in Zürich, seine leiblichen Eltern stammen aus der Slowakei. Darüber, welchen Hautton sie haben, kann spekuliert werden. «Anfangs haben wir uns einfach nur gefreut, ein Baby zu haben», erzählt Cornelia Huber. «Sein Aussehen und dessen Wirkung fiel uns erst auf, als die Leute begannen, nach seiner Herkunft zu fragen.» 

Das passiert heute noch regelmässig. «Schon im Kindergarten bin ich gefragt worden, welche Sprache ich zu Hause spreche. In der Schule auch immer wieder. Was soll ich da sagen? Ich rede Schweizerdeutsch», erzählt Lukas. Ähnlich geht es seinen Freunden Arian und Dorian. Die zwölfjährigen Zwillinge kamen in der Schweiz zur Welt, ihre Eltern stammen aus Sri Lanka. «Die ewige Frage danach, wo ich herkomme, nervt», sagt Dorian. «Aber rassistisch finde ich sie eigentlich nicht.» 

Kinder möchten nicht «anders»sein

Das sieht Judith Jordáky von der Zürcher Anlaufstelle Rassismus ZüRAS anders: «Die Frage «Woher kommst du?» ist rassistisch, weil sie ausgrenzend ist. Sie suggeriert, dass man nicht dazugehört.» Auch die Frage nach der Muttersprache gehöre demnach nicht mit dem Kind, oder gar in Gegenwart von anderen, thematisiert, so Jordáky. «Gerade Kinder sind sehr sensibel und möchten nicht ‹anders› sein. Stattdessen sollte man sich bemühen, zu vermitteln, dass Vielfalt nicht nur völlig in Ordnung ist, sondern auch total normal.» 

575 Rassismusvorfälle wurden 2019 von 22 Beratungsstellen in der Schweiz erfasst. 352 davon wurden laut Auswertungsbericht der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR und dem Verein humanrights.ch ausgewertet. Das sind mehr als doppelt so viele als noch vor zehn Jahren – wobei berücksichtig werden muss, dass sich in dieser Zeit die Zahl der Anlaufstellen fast verdreifacht hat. Knapp jeder achte Fall betrifft Kinder bis und mit 16 Jahre. 11 Prozent der gemeldeten Vorkommnisse finden in Bildungsstätten wie Schule oder Kita statt. 

Davon kann auch Luana ein Lied singen. «Gaggihaut» wurde sie schon genannt auf dem Pausenplatz. Oder «Schäflihaar». Das erzählt ihre Mutter Biljana Dzemaili. Luana selbst möchte nicht über diese Vorkommnisse sprechen. «Das muss nicht jeder wissen!», sagt sie trotzig, und fläzt sich auf das Sofa zu Hause im Aargauischen. An der Wand über ihr hängt eine Zeichnung. Drei Sonnen, angeschrieben mit «Mama», «Papa» und «Luana». Der Vater des achtjährigen Mädchens stammt aus dem Senegal. Ihre Eltern haben sich kurz nach Luanas Geburt getrennt. Heute wohnt ihr Papa in der Nähe, sie haben regelmässig Kontakt. Bereits während der Schwangerschaft irritierten Biljana manche Kommentare von Bekannten. «Sprüche wie: ‹Das war aber nicht geplant, oder?› waren noch harmlos», erzählt sie. Später kamen Bemerkungen wie: «Als Alleinerziehende mit einem farbigen Kind findest du doch keinen Mann mehr.» Biljana nimmt sie gelassen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie Vorurteile dank ihrer serbo-kroatischen Wurzeln bereits gewöhnt ist. «Ich lasse mich nicht in eine Opferrolle drängen. Diese Haltung möchte ich auch meiner Tochter mitgeben: Du bist gut so, wie du bist. Lass niemand anderen bestimmen, wie du sein sollst. Mach dein eigenes Ding.»

Bei 38 Prozent der gemeldeten Rassismusvorfällen im Jahr 2019 handelte es sich um Diskriminierung gegenüber dunkelhäutigen Menschen. Eine Erfahrung, die auch Lukas immer wieder macht: «Wasch dich mal, du bist dreckig», oder «Wie ist es eigentlich in Afrika?» Er versucht, wegzuhören. Auch wenns weh tut. Jemanden zu «verpetzen» käme für ihn nie in Frage. «Es ist ja eigentlich nichts passiert.» Ein «Nichts», das dazu führt, dass Lukas lieber aussehen würde wie sein Freund Sven. Blond, blauäugig, hellhäutig. «Normal eben. Dann würden mich die Leute nicht so anstarren.» 

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