«Mitfühlende Kinder sind glücklicher»
Entwicklung

«Mitfühlende Kinder sind glücklicher»

Die Heilpädagogin und Lehrerin Barbara Jüsy sagt, Empathie sollte unbedingt an der Schule gelehrt werden. Kinder lernen bei ihr, auf sich selbst zu achten, sich für andere zu öffnen und sozial zu interagieren. Das macht die Schülerinnen und Schüler gleichzeitig widerstandsfähiger gegenüber Krisen.
Interview: Julia Meyer-Hermann

Frau Jüsy, Sie vermitteln im Schulkreis Bümpliz bei Bern das Konzept des sozial-emotional-ethischen Lernens (SEE Learning). Warum heisst dieses Schulfach bei Ihnen an der Schule «Glück»?

Ich brauchte einen Namen, mit dem die Schülerinnen und Schüler etwas anfangen können. Ich unterrichte Sieben- bis Zehnjährige. Sozial-emotional-ethisches Lernen klingt für die Ohren von Kindern unverständlich, auch für manchen Erwachsenen ist das Konzept abstrakt. Wir schulen das Selbstmitgefühl und die Selbstwahrnehmung, arbeiten am zwischenmenschlichen Gewahrsein und an Beziehungskompetenzen. Ich habe das vereinfacht. Worum geht es im Endeffekt? Wir finden zusammen heraus, was jeden Einzelnen und uns als Gemeinschaft zufrieden und glücklich macht.
«Was mir guttut, hilft
 vielleicht auch anderen – diese Einsicht macht
 Kinder innerlich sicherer.»

Wie gehen Sie in einer typischen «Glücks-Schulstunde» vor?

Ich fange damit an, die Selbstwahrnehmung der Kinder für sich selbst zu trainieren. Wir sitzen beispielsweise im Kreis und fragen uns: Wie geht es mir gerade? Um das zu verdeutlichen, gibt es verschiedene Zonen, denen die Kinder sich zuordnen können. Wenn ich mich beispielsweise in der «Okay-Zone» befinde, dann fühle ich mich gut. Vielleicht bin ich ein bisschen müde, aber insgesamt bin ich mit mir im Reinen. Manchmal bemerke ich aber, dass ich energieloser, unmotivierter oder schlapper bin als an anderen Tagen. Dann bin in der sogenannten «windstillen Zone». Ich lasse die Kinder beschreiben, wie ihr Körper das signalisiert. Sie sagen dann Dinge wie «Ich fühle mich irgendwie schwer» oder «Mein Kopf fühlt sich dumpf an». Bei dieser Übung lernen die Kinder das Repertoire ihrer Körpersprache zu deuten und zu benennen.

Woher kommen die Begriffe für diese «Gefühlszonen»? 

SEE Learning entstand aus einer Idee des Dalai Lama heraus, wurde an der US-amerikanischen Emory University in Atlanta entwickelt und arbeitet mit englischen Begriffen. Ich habe für die unterschiedlichen Gefühlszustände kindgerechte Ausdrücke gewählt: Die englische «high zone» heisst bei uns zum Beispiel «Sturm-Zone». Wenn man sich ­darin befindet, hat man viel nega­tive Energie im Körper, das passiert, wenn man wütend, gestresst oder ängstlich ist. Die Kinder fühlen sich kribbelig und angespannt, viele haben einen ungeheuren Bewegungsdrang. Der Körper verrät uns oft, was zu tun ist.

Wer wütend ist, hat auch das Gefühl, schreien zu müssen oder um sich schlagen zu wollen. Das wollen Sie sicherlich nicht.

Genau deshalb beschäftigen wir uns damit, was dabei helfen kann, zurück in die «Okay-Zone» zu kommen. Wir entwickeln gemeinsam Strategien, die uns aus dem Tief herausbringen, ohne dass dabei andere Schaden nehmen. Wenn ein Kind sich zum Beispiel müde und traurig fühlt, kann ein Gespräch mit einem Freund guttun. Manchmal hilft es einfach, den Nacken ein wenig zu massieren, die Schultern zu lockern. Für die «Sturm-Zone» haben wir ein paar Soforthilfestrategien entwickelt wie Hände gegeneinander reiben oder einen Schluck Wasser trinken.
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Online-Dossier:

<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/empathie"><strong>Online-Dossier Empathie </strong></a>Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: Was können Eltern tun, damit Kinder die grundlegende Fähigkeit der Empathie entwickeln?</div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Empathie Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: Was können Eltern tun, damit Kinder die grundlegende Fähigkeit der Empathie entwickeln?

Und wenn trotz alledem aus der ­kleinen Flamme ein Waldbrand wird?

Dann können die Kinder jemanden fragen, der ihnen bei dem Konflikt hilft. Auch das lernen sie in diesem Unterricht. Ich stelle mich manchmal vor die Klasse und sage etwas wie: «Ah, schaut mal, jetzt bin ich in der Sturm-Zone. Ich bin megawütend, weil das gerade nicht geklappt hat. Könnt ihr mir helfen?» Meine Schülerinnen und Schüler wissen, dass wir uns alle manchmal so fühlen. Diese Erfahrung ist sehr hilfreich, um das Gegenüber zu verstehen und entsprechend zu reagieren.

Studien haben gezeigt, dass bei ­Teenagern das Ansehen von Leistung weit vor dem sozialen Engagement steht. Wie nehmen Ihre Schülerinnen und Schüler dieses Fach wahr?

Mich hat sehr berührt, wie sie diesen Unterricht und die dort erworbenen Kompetenzen reflektieren. Ein Kind hat gesagt: «Ich habe das Gefühl, ich lerne mich besser kennen.» Eine andere Schülerin hat zusammengefasst: «Das, was wir in Glück lernen, ist ganz echt.» Ich bin sehr froh, dass der neue Lehrplan 21 diese überfachlichen Fähigkeiten berücksichtigt. Die sozialen und emotionalen Kompetenzen werden darin stärker gewichtet. Mitfühlende Kinder sind glücklicher. Die Einsicht «Aha, was mir guttut, hilft vielleicht auch anderen» macht innerlich sicherer. Wenn wir uns gegenseitig unterstützen, fällt es jedem Einzelnen und dann auch der Gemeinschaft leichter.

Ein Ziel von SEE Learning ist auch, die Atmosphäre im Klassenzimmer zu verbessern. Warum reicht es nicht, einfach Regeln des sozialen ­Miteinanders aufzustellen und auf deren Einhaltung zu bestehen?

Die Lehrerfahrung zeigt, dass das Androhen von Konsequenzen wenig Einfluss auf den Umgang der Schülerinnen und Schüler miteinander hat. Die Kinder halten sich viel ­stärker an Vereinbarungen, die wir gemeinsam gemacht haben und von denen sie überzeugt sind. Wenn ich weiss, dass mein Gegenüber genauso mit Unsicherheiten, Ängsten und Stress zu kämpfen hat wie ich, wenn ich weiss, dass ich ihm helfen kann und wie das geht, dann schafft das eine andere Grundlage. Wenn ich weiss, dass mein Gegenüber das Bedürfnis teilt, sich in der Klasse wohlzufühlen, hilft mir diese Einsicht, mich an unsere Klassenvereinbarungen zu halten.

In den meisten Schulklassen treffen heute Kinder aus unterschiedlichen Kulturen und mit verschiedenen Erfahrungen aufeinander. Ist es ­wirklich so einfach, eine gemeinsame Basis zu schaffen?

Ich habe das noch nie als Problem wahrgenommen. Kinder sind sich doch sehr ähnlich in ihren Bedürfnissen und in dem, was sie spielen wollen und wie sie miteinander agieren. Was manchmal Schwierigkeiten bereitet, ist der religiöse Hintergrund der Eltern. Ich hatte in einer Klasse Eltern, die in einer christlichen Freikirche waren und sich wegen des Dalai Lamas sorgten, dass SEE Learning ein buddhistischer Religionsunterricht sei. Ich war froh, dass sie ihre Bedenken angemeldet haben, so konnte ich sie in den Unterricht einladen und sie haben ihre Befürchtungen schnell abgelegt. Es geht um eine säkulare Ethik. Um Mitfühlen, Respekt, Freundlichkeit. Das sind universelle Werte.

Sie unterrichten «Glück» ein Mal pro Woche. Reicht das aus?

Diese einzelne Stunde würde nicht ausreichen. Aber ich komme nicht nur fürs «Glück», ich komme auch zum Mathematik- und Förderunterricht. Das Herz des Curriculums ist, dass es ein Bestandteil von allen Fächern ist. Auch die Kollegen und Kolleginnen wenden die Vereinbarungen und Strategien in ihrem Unterricht an. Diese Kompetenzen müssen immer wieder trainiert werden, damit sie selbstverständlicher Teil des täglichen Miteinanders sind.

<div><strong>Barbara Jüsy</strong> ist schulische Heilpädagogin, Lehrerin und Vorstandsmitglied im Verein «Achtsamkeit – Schule – Bildung».</div>
Barbara Jüsy ist schulische Heilpädagogin, Lehrerin und Vorstandsmitglied im Verein «Achtsamkeit – Schule – Bildung».

Lesen Sie mehr aus dem aktuellen Dossier «Empathie»:

  • Ein gutes Gefühl: Wie lernt man Empathie?
    Die Fähigkeit zur Empathie steckt in ­unseren Genen. Doch nur in einer ­Umgebung, in der Gefühle und Mitgefühl vorgelebt werden, kann sie sich entwickeln. Wie lernen Kinder, andere zu verstehen, ihre Gefühle zu lesen und entsprechend zu handeln?

  • «Meine Kinder haben keine Angst, ihr Mitgefühl zu zeigen»
    Petra Ribeiro, 49, ist Pflegefachfrau und arbeitet derzeit als Betreuerin mit randständigen Menschen. Ohne Empathie für deren Schicksale könnte sie ihren Beruf nicht ­ausüben. Das vermittelt die alleinerziehende Mutter auch ihren Kindern Zoe, 11, und Jordan, 8. Die Familie lebt in Zürich.

  • «Kinder müssen üben, ihre und die Gefühle ­anderer zu erkennen»
    Die 33-jährige Journalistin Janine Schönenberger hat mit ihren ­Söhnen Joan, 6, und Yanis, 4, schon früh darüber geredet, welche ­Gefühlszustände es gibt und wie sie sich zeigen. Auslöser waren ­Emotionskarten, die ihr Mann David, 47, von seiner Arbeit als Psychologe mitgebracht hatte. Die Familie lebt in Emmen im Kanton Luzern.

  • «Emojis können kein ­Gespräch ersetzen»
    Sarah Pel, 45, und ihrem Mann Oliver, 50, ist es wichtig, dass ihre Kinder auch im Netz respektvoll und empathisch mit anderen umgehen. Schon in der frühkindlichen ­Erziehung haben sie darauf ­geachtet, dafür die Grundlagen zu legen. Die Heilpädagogin und der Wirtschaftsinformatiker leben mit Jan, 19, Lars, 14, und Marie, 10, in Zürich.

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