Markus Hengstschläger: «Jedes Kind hat ein Recht darauf, gefördert zu werden»
Entwicklung

«Jedes Kind hat ein Recht darauf, gefördert zu werden»

Der Genetiker Markus Hengstschläger sagt, es brauche viele Dörfer, damit ein Talent sich entfalten könne. Aber was ist eine Begabung und wie ist sie im Menschen angelegt?
Interview: Claudia Füssler
Bilder: Ornella Cacace, zVg

Herr Hengstschläger, was bedeutet für Sie Begabung?

Es gibt verschiedene Begabungen, etwa musikalische, logisch-mathematische, sprachliche, räumliche und so weiter. Wichtig ist, dass Begabungen einmal grundsätzlich nur Potenziale darstellen. Diese Potenziale werden auch genetisch und durch frühkindliche Prägung mitbestimmt. Aber nur durch Wissenserwerb und Üben können sie in bestimmte Leistungen umgesetzt werden. Ich spreche da von der sogenannten Lösungsbegabung. In unserer so schnelllebigen Zeit muss jede und jeder von uns immer mehr vorhersehbare, aber auch immer mehr unvorhersehbare Herausforderungen meistern und Lösungen finden – ob im Privat- oder im Berufsleben. Ich glaube sogar, dass ohne die Lösungsbegabung alle anderen Begabungen auf dem Weg zum kreativen Generieren innova­tiver Lösungen vertrocknen.

Was genau heisst Lösungsbegabung?

Das genetische und frühkindlich geprägte Potenzial jedes Menschen, Probleme lösen zu können. Dieses Potenzial hat grundsätzlich jeder Mensch. Zur Umsetzung dieser Begabung in eine Leistung, also in die erfolgreiche Lösung eines Problems, bedarf es eines bestimmten Wissens und Übung. Die Lösungsbegabung muss mit dem Mut, neue Wege zu gehen und in einem kreativen Prozess durch motivierte harte Arbeit umgesetzt werden. Dafür muss die Lösungsbegabung gefördert, entfaltet und immer wieder inspiriert werden. Ob im Bildungssystem, im Zuge von Talentmanagement, in der Forschung, in der Politik, in der Arbeitswelt oder auch im Privatleben, es muss unser primäres Anliegen sein, die Lösungsbegabung jedes Individuums zu fördern. Das trägt in unvergleichbarer Weise zur Persönlichkeitsentfaltung bei.
Prof. Dr. Markus Hengstschläger studierte Genetik, forschte an der Yale University in den USA und ist heute Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler unterrichtet Studierende, betreibt genetische Diagnostik, ist Berater und Bestsellerautor. Seine Erkenntnisse zu Biologie, Talent, Bildung und Forschung haben bereits viele Leser und Zuhörer in den Bann gezogen.
Prof. Dr. Markus Hengstschläger studierte Genetik, forschte an der Yale University in den USA und ist heute Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler unterrichtet Studierende, betreibt genetische Diagnostik, ist Berater und Bestsellerautor. Seine Erkenntnisse zu Biologie, Talent, Bildung und Forschung haben bereits viele Leser und Zuhörer in den Bann gezogen.

Wie findet man eine Begabung? Kann man warten, bis sie sich zeigt, oder sollte man gezielt suchen?

Es gibt viele Gründe, warum man die Entdeckung seiner eigenen Begabungen nicht den individuellen Menschen selbst überlassen kann. So startet dieser Prozess etwa idealerweise in einer Zeit kindlicher Entwicklung, in der der Mensch noch nicht viel über sich selbst nachdenkt und es ihm auch schwerfallen ­würde, seine Begabungen selbst zu entdecken. Ausserdem ist der Mensch gar nicht so gut darin, seine eigenen Stärken und Schwächen selbst einzuschätzen. Man spricht sogar von «blind spots», also Lücken im Wissen über uns selbst, wie zum Beispiel Informationen über uns, die nur von aussen betrachtet auffällig sind. Besonders schade ist es, wenn Fehlselbsteinschätzungen bei jungen Menschen zu einer ungünstigen Berufswahl führen. Der Mensch ist dabei also auch auf andere angewiesen. Es braucht gewissermassen ein Talentscouting. Idealerweise bringen sich dabei möglichst viele ein. Ich würde das bekannte afrikanische Sprichwort etwas umformulieren: «Um ein Talent zu entdecken und zu fördern, braucht es mehrere Dörfer.»

«Muss» ich eine Begabung fördern, wenn ich sie bei meinem Kind ­entdecke?

Hierbei muss man auch über Motivation sprechen. Wenn ein Kind, das vielleicht biologische Potenziale in einem bestimmten Bereich hätte, aber dort nicht motiviert ist zu üben, kommt am Ende womöglich sogar weniger dabei heraus, als wenn ein vielleicht nicht ganz so begabtes Kind hoch motiviert ist, Extrameilen zu gehen, und viel Freude daran hat.
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Ist jedes Kind, jeder Mensch begabt?

Ich glaube, dass jeder Mensch Begabungen hat, nur eben jeder woanders. Ob in der Wissenschaft, im Handwerk, im Sport, in der Musik, im Bereich der sozialen Kompetenzen und so weiter. Ausserdem ist es mir wichtig, zu sagen, dass beispielsweise ein Mensch, der ein Leben lang andere Menschen pflegt, ein genauso grosses Talent ist wie etwa eine Fussballerin oder ein Fussballer. Wenn wir so an die Thematik herangehen, ist für jede und jeden etwas dabei. Bei grossen Herausforderungen wie etwa Klimawandel, Flüchtlingskrise, Rassismus oder der Covid-19-Pandemie geht es darum, die Menschen vor der Mitmachkrise zu bewahren und zu motivieren, an kollektiven Lösungsprozessen mitzuwirken. Weil jeder Beitrag zählt. Der Mensch ist grundsätzlich vernunftbegabt, sozial begabt und auch lösungsbegabt. Wir müssen uns aber auch laufend auf diese Potenziale besinnen und sie auch wirklich entsprechend zum Einsatz bringen.

Sind Begabungen im Menschen ­«festgelegt»?

Auch heute sagen immer noch zu viele Menschen: «Begabungen, Talente – so etwas hat man oder man hat es nicht.» Wenn man einem Elefanten, einem Affen und einer Schlange die Aufgabe stellen würde, auf einen Baum zu klettern, würden sehr schnell genetische Unterschiede offensichtlich und relevant werden. Das individuelle genetische Rüstzeug spielt ohne Zweifel eine Rolle. Wenn es um die Entwicklung von Begabungen geht, ist der Mensch aber nicht auf seine Gene reduzierbar. Gene sind wie Bleistift und Papier, die Geschichte schreiben wir jedoch immer selbst. Der Mensch hat also auch viel selbst in der Hand. Das ist Chance und Verantwortung zugleich.

Wie fördert man eine Begabung?

Es gibt viele Strategien, wie man Begabungen fördern und ein Leben lang am Blühen halten kann. Zum Beispiel den Prozess des Übens zulassen oder auch das Loben sind von grosser Bedeutung. Wenn es etwa um mein Modell der Lösungsbegabung geht, muss man darauf achten, dass man Kindern den Lösungsprozess nicht laufend abnimmt. Kinder müssen selbst die Chance haben, Ideen auszuprobieren und das Finden von Lösungen zu üben. Und es ist einfach ein tolles Gefühl, für eine selbst gefundene Lösung gelobt zu werden. Kinder mit solchen Erfahrungen werden ihr Leben lang gerne selbst immer wieder neue Lösungen entwickeln und sich auch an kollektiven Lösungsprozessen beteiligen wollen. Neben dem Üben braucht es wie gesagt auch den Erwerb des entsprechenden Faktenwissens. Um Begabungen entwickeln und einsetzen zu können, braucht es aber auch eine Vielzahl an – wie ich es nenne – ungerichtetem Wissen und Kompetenzen.

Was meinen Sie damit?

Neben der bereits angesprochenen Motivation beispielsweise kritisches Denken, soziale Kompetenz, Resilienz und viel mehr. Darauf muss meiner Meinung nach im Bildungssystem einfach noch mehr Augenmerk gelegt werden. Das gilt auch dafür, dass man sich nicht nur mit dem Ausbessern von Schwächen, sondern mehr mit dem Stärken von Stärken beschäftigen sollte. Im Privatleben ist es wichtig, ein grosses Spektrum an Möglichkeiten anzubieten und viele Schnittstellen mit Menschen mit anderen Interessen, anderem Fachwissen, anderen kulturellen Hintergründen und so weiter zu ermöglichen. Auf jeden Fall hat jedes Kind, unabhängig vom Einkommen oder Ausbildungsgrad seiner Eltern, ein Recht darauf, dass man sich professionell auf die Suche nach seinen Begabungen macht und Förderung anbietet.

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