Markus Hengstschläger: «Jedes Kind hat ein Recht darauf, gefördert zu werden»
Entwicklung
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Ist jedes Kind, jeder Mensch begabt?

Ich glaube, dass jeder Mensch Begabungen hat, nur eben jeder woanders. Ob in der Wissenschaft, im Handwerk, im Sport, in der Musik, im Bereich der sozialen Kompetenzen und so weiter. Ausserdem ist es mir wichtig, zu sagen, dass beispielsweise ein Mensch, der ein Leben lang andere Menschen pflegt, ein genauso grosses Talent ist wie etwa eine Fussballerin oder ein Fussballer. Wenn wir so an die Thematik herangehen, ist für jede und jeden etwas dabei. Bei grossen Herausforderungen wie etwa Klimawandel, Flüchtlingskrise, Rassismus oder der Covid-19-Pandemie geht es darum, die Menschen vor der Mitmachkrise zu bewahren und zu motivieren, an kollektiven Lösungsprozessen mitzuwirken. Weil jeder Beitrag zählt. Der Mensch ist grundsätzlich vernunftbegabt, sozial begabt und auch lösungsbegabt. Wir müssen uns aber auch laufend auf diese Potenziale besinnen und sie auch wirklich entsprechend zum Einsatz bringen.

Sind Begabungen im Menschen ­«festgelegt»?

Auch heute sagen immer noch zu viele Menschen: «Begabungen, Talente – so etwas hat man oder man hat es nicht.» Wenn man einem Elefanten, einem Affen und einer Schlange die Aufgabe stellen würde, auf einen Baum zu klettern, würden sehr schnell genetische Unterschiede offensichtlich und relevant werden. Das individuelle genetische Rüstzeug spielt ohne Zweifel eine Rolle. Wenn es um die Entwicklung von Begabungen geht, ist der Mensch aber nicht auf seine Gene reduzierbar. Gene sind wie Bleistift und Papier, die Geschichte schreiben wir jedoch immer selbst. Der Mensch hat also auch viel selbst in der Hand. Das ist Chance und Verantwortung zugleich.

Wie fördert man eine Begabung?

Es gibt viele Strategien, wie man Begabungen fördern und ein Leben lang am Blühen halten kann. Zum Beispiel den Prozess des Übens zulassen oder auch das Loben sind von grosser Bedeutung. Wenn es etwa um mein Modell der Lösungsbegabung geht, muss man darauf achten, dass man Kindern den Lösungsprozess nicht laufend abnimmt. Kinder müssen selbst die Chance haben, Ideen auszuprobieren und das Finden von Lösungen zu üben. Und es ist einfach ein tolles Gefühl, für eine selbst gefundene Lösung gelobt zu werden. Kinder mit solchen Erfahrungen werden ihr Leben lang gerne selbst immer wieder neue Lösungen entwickeln und sich auch an kollektiven Lösungsprozessen beteiligen wollen. Neben dem Üben braucht es wie gesagt auch den Erwerb des entsprechenden Faktenwissens. Um Begabungen entwickeln und einsetzen zu können, braucht es aber auch eine Vielzahl an – wie ich es nenne – ungerichtetem Wissen und Kompetenzen.

Was meinen Sie damit?

Neben der bereits angesprochenen Motivation beispielsweise kritisches Denken, soziale Kompetenz, Resilienz und viel mehr. Darauf muss meiner Meinung nach im Bildungssystem einfach noch mehr Augenmerk gelegt werden. Das gilt auch dafür, dass man sich nicht nur mit dem Ausbessern von Schwächen, sondern mehr mit dem Stärken von Stärken beschäftigen sollte. Im Privatleben ist es wichtig, ein grosses Spektrum an Möglichkeiten anzubieten und viele Schnittstellen mit Menschen mit anderen Interessen, anderem Fachwissen, anderen kulturellen Hintergründen und so weiter zu ermöglichen. Auf jeden Fall hat jedes Kind, unabhängig vom Einkommen oder Ausbildungsgrad seiner Eltern, ein Recht darauf, dass man sich professionell auf die Suche nach seinen Begabungen macht und Förderung anbietet.
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