Entwicklung
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Therapien gegen die Angst

Die Kognitive Verhaltenstherapie und die Spieltherapie sind die am häufigsten angewandten Therapien – so funktionieren sie.
Die Kognitive Verhaltenstherapie gilt als die wirksamste Therapiemethode bei Angststörungen. Zwei wichtige Elemente sind die Exposition und die Habituation: Hat ein Kind Angst vor Hunden, bedeutet dies, dass das Kind stufenweise mit einem Hund in Kontakt gebracht wird – gedanklich, mit Bildern, Geräuschen oder real. Die Exposition verlangt bisweilen Einfallsreichtum von den Therapeuten, etwa bei der Angst vor dem Erbrechen, wie bei Elena, oder der Angst vor einer Guillotine, wie bei Mike. Das Kind bleibt schliesslich so lange in dieser Situation, bis es sich daran gewöhnt und die Angst absinkt. «Die Habituation ist die eigentliche Therapie», sagt Simone Munsch, Professorin
für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Fribourg und Leiterin der psychotherapeutischen Praxisstelle. «Mit jedem Durchgang wird die Angst kleiner.» Das Kind wird mit positiven Verstärkern belohnt, etwa einem Aufkleber, wenn es das gewünschte Verhalten zeigt. In der Regel dauert eine Therapie zwischen 2 und 16 Sitzungen. «Es lohnt sich aber, zu warten, bis jemand soweit ist. Der grösste Fehler ist, in die Exposition zu gehen, bevor man nicht alles wirklich gut durchgesprochen hat und sich alle über das Vorgehen einig sind», warnt Simone Munsch.
In einer Spieltherapie, wie Elena sie besuchte, zeigt sich die Angst – und oft zuerst die Abwehr der Angst – im Spiel, wie Kinder- und Jugendpsychiater Thomas Koch erklärt. Sein Spieltherapiezimmer ist ein Paradies für Kinder: ein Sofa, unter dem man sich verstecken kann, eine Lampe mit Pilzhut, Barbies, Autos, Playmobil, Puppenstube, Stofftiere – selbst Spielzeugpistolen fehlen nicht. «Die führen hin und wieder zu Diskussionen mit den Eltern», sagt der Therapeut. Doch manchmal sind sie eben wichtig. Er denkt an einen 5-jährigen Buben, der weder reden noch sich von der Mutter trennen konnte, als er in den Kindergarten kam. «In der Therapie hatte er vorerst mal keine Angst», sagt Thomas Koch. «Er wehrte sie ab, indem er zu imponieren versuchte, Kämpfe veranstaltete und mich abknallte. Er zeigte zuerst die Abwehr – also wie er mit dieser Angst umgeht. Ein Jahr dauerte es, bis der Junge sicher war, dass die Beziehung hält. Dann zeigte er mir zum ersten Mal seine Angst und Hilflosigkeit. Von da an ging es langsam aufwärts.» Das Spiel begann sich zu verändern. Was vorher fragmentierte Elemente waren, wurde zu einer Geschichte mit einem roten Faden. Diese Veränderung beobachtet Thomas Koch häufig. Er passt sich dem Spiel an, interpretiert, kommentiert und schafft Verbindungen zu Gesagtem. «Ich fasse in Sprache, was geschieht. Und das Kind sieht, wie ich auf sein Spiel reagiere. So erhält es eine Theorie von sich und von anderen.»

Literatur und Links

  • Rafik Schami und Kathrin Schärer: «Hast du Angst?», fragte die Maus. Beltz 2017, ca. 20 Fr. Das Buch handelt von einer Maus, die nicht weiss, was Angst ist, und sich deshalb auf die Suche nach diesem wichtigen Gefühl macht. Geeignet für Kinder ab 4 Jahren.

  • Winona Michel, Hannah Buschkamp, Carlotta Drerup u. a.: Die kleine Eule Luna. Hogrefe 2018, ca. 40 Fr. Die kleine Eule Luna und das Glühwürmchen Sola zeigen von Trennungsangst betroffenen Kindern, wie sie damit umgehen können. Ein Buch für Kinder von 6 bis 12, Eltern, Pädagogen und Therapeuten.

  • Philip Streit: Ich will nicht in die Schule! Ängste verstehen und in Motivation verwandeln. Beltz 2016, ca. 18 Fr. Dieses Buch zeigt Eltern, wie sie ihr Kind dabei unter- stützen können, Gefühle in Worte zu fassen, Hindernisse zu überwinden und Ängste in Stärken zu verwandeln.

  • Vanessa Speck: Progressive Muskel­entspannung für Kinder. Hogrefe 2018, 24 Fr. Die CD enthält Instruktionen zu drei Entspannungsübungen, die Kinder und Jugendliche selbständig oder trainingsbegleitend zu Hause durchführen können. Für Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren.

  • Dieter Gränicher: Im Sog der Angst (2018). Im Dokumentarfilm geben drei erwachsene Betroffene Einblick in ihr Leben mit Angst und berichten von ihren Erfahrungen. Die DVD ist über Pro Mente Sana erhältlich: Tel. 044 446 55 00



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