Entwicklung
Seite 4

Therapien machen Kindern und Eltern Mut

Angststörungen sind gut behandelbar. Als Therapiemethode der Wahl nennen viele Experten die Kognitive Verhaltenstherapie. Vereinfacht gesagt wird das Kind mit dieser Therapiemethode stufenweise der angstmachenden Situation ausgesetzt, bis es sich daran gewöhnt und die Angst allmählich schwindet.

Elena machte gute Erfahrungen mit einer Kombination aus verhaltenstherapeutischen Massnahmen und einer Spieltherapie. «Elena war so harmoniebedürftig», sagt die Mutter. «In der Spieltherapie konnte sie ihre dunkleren Seiten entdecken und ausleben. Es ging um Mord und Totschlag.» Die Angst nahm rasch ab, auch wenn sie bei grösseren Veränderungen jedes Mal erneut aufflackerte. Nach fünf Jahren konnte Elena ihre Therapie beenden.

Annas erste ambulanten Therapieversuche misslangen. Die Ängste waren zu komplex und mündeten in andere Störungen, die einer engmaschigeren Betreuung bedurften. Eine der häufigsten Störungen, die mit der Angst auftritt, ist die Depression. Bei Anna war es eine Essstörung. Mehrere Monate besuchte sie die Tagesklinik und die dort integrierte Schule. «Zu Beginn hatte ich Mühe hinzugehen», sagt Anna. «Dann trafen wir eine Abmachung: Ich musste einmal täglich dort auftauchen. Nach einer halben Stunde durfte ich wieder gehen. Dann haben wir es immer ein bisschen verlängert. Irgendwann ging es dann.» Zusätzlich nimmt Anna ein angstlösendes Antidepressivum. «Das muss manchmal sein, wenn die Angst nicht durch psychotherapeutische Interventionen gelindert werden kann», so Susanne Walitza. «Das ist aber die Ausnahme.»

Silvia Schneider bestätigt diesen Befund: In einer grossen Studie mit über 100 Kindern erreichten sie und ihr Team auch ohne Einsatz von Medikamenten eine hohe Erfolgsquote: «80 Prozent der Kinder haben von der Verhaltenstherapie profitiert.» Profitieren kann aber nur, wer auch hingeht. Und da liegt oft das Problem. So auch für Mike: «Ich habe mich informiert», sagt er. «Ich müsste dort Bildchen anschauen von diesem Ding. Das macht mir zu viel Angst.» Darum macht er noch keine Therapie.
«Es ist wichtig, darauf zu achten, dass die Geschwister nicht zu kurz kommen»
Susanne Walitza, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.
Je nach Komplexität der Angststörung und je nach Therapie dauert diese mal kürzer, mal länger. Für Elenas Schwester Lilly hätte sie ruhig noch andauern können. Sie durfte nämlich mit den Grosseltern in einem Tea-Room eine heisse Schokolade trinken, während Elena bei der Psychologin war. «Es ist wichtig, darauf zu achten, dass die Geschwister nicht zu kurz kommen», mahnt Susanne Walitza an. Darum lädt sie diese oft zum ersten Gespräch mit ein. «Aber wenn das betroffene Kind in eine Therapie geht, profitieren die Geschwister ohnehin. Nimmt die Angst ab, entsteht daheim wieder mehr Raum für den normalen Alltag.»
Anna und ihre beiden Schwestern nutzen diesen Alltagsraum im Moment effizient aus. Die Stube haben sie in eine Zirkusmanege verwandelt. Zu dritt üben sie Figuren, den Spagat und machen einen Turm: Eine balanciert auf der anderen. «Ich falle doch runter», hört man Clea zischen. «Nein», sagt Anna. «Ich halte dich.»

Wie meinte der Philosoph Sören Kierkegaard so schön: Wer gelernt hat, sich recht zu ängstigen, der hat das Höchste gelernt.

* Namen geändert

Zur Autorin:

Sarah King, Dr. phil. Linguistik und MSc Psychologie, arbeitet in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis in Bern und als freie Autorin. In den Interviews mit den Kindern begegnete sie so viel Fantasie und Einfallsreichtum, die aus der Angst hervorgingen, dass sie plötzlich dankbar wurde für ihre eigenen Ängste, die sie hatte und immer noch hat.

Die Angststörung erkennen

Nicht jede Angst ist eine Störung. Ängste sind wesentlich für eine normale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Wer die typischen Entwicklungsängste kennt, dem fällt es leichter zu erkennen, wann eine Angst das normale Mass übersteigt und fachliche Hilfe angezeigt ist.

Beispiele für typische Entwicklungsängste

  • 0 – 2 Jahre: Angst vor unbekannten Personen, vor der Trennung von einer Bezugsperson, vor intensiven sensorischen Reizen wie lauten Geräuschen

  • 3 – 6 Jahre: Angst vor Tieren, vor der Dunkelheit, vor Fantasiegestalten, vor Naturkatastrophen, vor Einbrechern, davor, allein gelassen zu werden

  • 7 – 12 Jahre: Gesundheitsängste, Leistungsangst, Angst vor der Schule, vor dem Versagen, vor negativer Bewertung durch andere oder vor Ereignissen, die das Kind im Fernsehen oder in anderen Medien gesehen hat

  • 13 – 18 Jahre: Angst vor Ablehnung durch Gleichaltrige, soziale Ängste
Anzeige
Diese Ängste sind zwar altersspezifisch, lassen sich aber nicht immer ganz genau dem Lebensalter zuordnen. Sie sind milde und vorübergehend. Behält das Kind die Angst bei, nimmt sie überhand und/oder beeinträchtigt sie den Alltag des Kindes und der Familie, ist es ratsam, eine Fachperson beizuziehen. Zu den häufigsten Angststörungen im Kindes- und Jugendalter gehören die Trennungsangststörung, Phobien, soziale Angststörungen und Prüfungsangst sowie die generalisierte Angststörung.

Folgende nicht ausschliessliche Symptome können bei diesen Angststörungen auftreten:

  • Trennungsangststörung: Kinder und Jugendliche zeigen bei der Trennung von ihrer Bezugsperson eine gereizte, aggressive oder apathische Stimmung. Sie haben Albträume von Trennungen. Sie vermeiden es, ohne die Bezugsperson zu Hause oder bei Freunden zu sein oder alleine im eigenen Bett zu übernachten sowie in den Kindergarten oder in die Schule zu gehen. Sie klagen häufig über Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen. Diese Symptome lassen nach, wenn die Bezugsperson in der Nähe ist.

  • Phobie: Kinder und Jugendliche zeigen eine unangemessen starke Angstreaktion gegenüber bestimmten Situationen oder Objekten, von denen keine akute reale Gefahr ausgeht (zum Beispiel vor Hunden oder vor dem Liftfahren).

  • Soziale Angststörung und Prüfungsangst: Sozialängstliche Kinder und Jugendliche sind stark gehemmt in sozialen Situationen. Sie werten sich selbst ab, sprechen oft wenig oder leise, melden sich nicht im Unterricht, leiden unter starken Prüfungsängsten oder gehen nicht zu Einladungen ihrer Schulkollegen. Die Angst zeigt sich körperlich unter anderem in Form von starkem Herzklopfen, Erröten oder Schwitzen.

  • Generalisierte Angststörung: Kinder und Jugendliche machen sich übermässig viele unkontrollierbare Sorgen, die mehrere Lebensbereiche betreffen. Typisch sind körperliche Symptome der Anspannung und Nervosität, der Wunsch nach Rückversicherung, Konzentrations- und Schlafprobleme, Müdigkeit, Reizbarkeit und ein negatives Selbstbild.
Während bei Kindern vor allem die Trennungsangststörung auftritt, nehmen im Teenageralter unter anderem die soziale Angststörung und die generalisierte Angststörung zu.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.