Entwicklung
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Von der Angst zur Phobie?

Eine andere häufige Angststörung im Kindesalter ist die Phobie. Susanne Walitza sagt: «Alles Mögliche kann Inhalt einer Phobie sein: Tiere, Spritzen, Blut oder Dunkelheit zum Beispiel. Bisweilen sind es auch bizarre Dinge.»

Wie beim 11-jährigen Mike*: Seit sechs Jahren begleitet den aufgeweckten Buben eine Angst vor Guillotinen . «Eine komische Angst», sagt er selbst. Mike hat gelernt, alles zu umgehen, was nach der Epoche der Aufklärung aussieht – die Zeit, in der die Enthauptungsvorrichtung vorwiegend zum Einsatz kam. Wird er mit einer Guillotine konfrontiert, bricht bei ihm Panik aus: Er rennt davon, erstarrt oder sucht die Toilette auf. «Es ist gut, wenn wir das Wort nicht aussprechen», erklärt er im Gespräch höflich. «Sonst geht gar nichts mehr.» Das Vermeidungsverhalten ist typisch für Menschen, die unter Phobien leiden.

Unauffällig heisst nicht ohne Probleme

Vermeidungsverhalten kann einsam machen, besonders im Falle einer sozialen Angststörung. «Von dieser Angst sind mehrheitlich Jugendliche und junge Erwachsene betroffen», sagt Simone Munsch. «Die Angst bezieht sich auf verschiedene Situationen: Leistung, jemanden kennenlernen, flirten, in der Schule vor anderen sprechen oder Vorträge halten.» Oft dauert es lange, bis Aussenstehende die Angst bemerken. «In der Schule fallen Ängstliche wenig auf», sagt Simone Munsch. «Ruhige Jungs sind für Lehrer oft eine Entlastung. Der Fokus liegt mehr auf den Kindern, welche die Aufmerksamkeit einfordern.»

Sozialängstliche fürchten sich in erster Linie vor Bewertungen. So auch Anna. «In der sechsten Klasse waren alle weiter als ich, ich trug noch Röcklein. Deshalb wurde ich gemobbt.» Mehr als diese Mobbingsituation belastete das Mädchen aber das gänzlich andere Verhalten ihrer neuen Klasse, die sie besuchte, nachdem sie mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern an einen neuen Ort gezogen war: «Dort waren alle so nett miteinander. Sie haben mich akzeptiert, auch wenn ich ein Röcklein trug. Das kannte ich nicht. Mein Selbstwert sank.»

Mit Beleidigungen konnte Anna besser umgehen als mit Komplimenten. Anna entwickelte Ängste, die sie so stark einnahmen, dass sie nicht mehr in die Pfadi gehen konnte, nicht mehr in Schullager, nicht mehr zu Freunden und schliesslich nicht mehr zur Schule. Annas Angst bestimmte den Familienalltag, die Ausflüge, die Ferien und das Verhalten der Eltern. Sie hatte aber auch positive Effekte: «Ich begann, vieles zu hinterfragen und lasse nun Unwichtiges auch mal liegen», sagt Annas Vater. «Ausserdem gewann ich wieder Freude am Spielen und an gemeinsamen Momenten.»
«Ich fragte mich, ob ich zu streng war und mich eine Schuld betraf»
Annas Vater über die Angst seiner Tochter.
Wie andere Eltern suchte aber auch er den Fehler bei sich selbst: «Als Anna erkrankte, stand für mich die Frage der Schuld im Raum. Ich fragte mich, ob ich zu streng war. Waren die Kinder laut, kam es schon mal vor, dass ich sagte: Jetzt ist einfach Ruhe! Dann kam die Trennungs- und Scheidungssituation hinzu. Das hinterlässt Spuren bei den Kindern, unbestritten.» Im Nachhinein habe er die Frage der Schuld jedoch ablegen können: «Ich gab den Kindern ein Stück der Verantwortung zurück, lasse sie mehr leben und Fünfe auch mal gerade sein, um gute Momente mit ihnen zu verbringen.»

Liegt der Fehler bei den Eltern?

Mikes Mutter leidet an einer körperlichen Krankheit. Oft fühlt sie sich zu wenig da für ihren Sohn. Sie lebt getrennt von Mikes Vater im selben Haushalt. Gegen Ende Monat wird das Geld manchmal knapp. «Zudem bin ich selbst ängstlich», sagt sie. Auch Elenas Mutter suchte die Gründe bei sich. «Diese Frage stellt man sich automatisch», meint Simone Badertscher Imhof. «Aber wir haben Wunschkinder, eine tragende Beziehung und wir reflektieren viel – eigentlich eine gute Ausgangslage.» Anna hat ebenfalls ein tragendes Umfeld. Die Eltern leben getrennt, doch zu Vater und Mutter besteht ein regelmässiger Kontakt. Und ihre Schwestern murren zwar zuweilen über Annas Ängstlichkeit, sie stehen jedoch ganz zu ihrer Schwester. «Ich unternehme Dinge mit ihr, die sie glücklich machen», sagt Clea*, das jüngste der drei Mädchen.
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«Ein wichtiges Ziel der Therapie ist, die Kinder und ihre Eltern mutig zu machen», erklärt Susanne Walitza.
«Ein wichtiges Ziel der Therapie ist, die Kinder und ihre Eltern mutig zu machen», erklärt Susanne Walitza.
Die Forschung sagt: Eltern beeinflussen die Angst ihrer Kinder. So ist Angst ansteckend, erklärt Simone Munsch: «Wenn in einer Familie ein ängstlich vermeidendes Verhalten vorherrscht bezüglich bedrohlichen Situationen, lernt dies das Kind.» Aber die Psychologin betont: «Angst hat nie nur eine Ursache. Meist sind es verschiedene Faktoren, die das Fass schliesslich zum Überlaufen bringen: kritische Lebensereignisse wie eine Trennung, der Verlust einer geliebten Person oder eines Haustiers oder ein Umzug.» Diese Ereignisse können eine Angst mitauslösen, müssen aber nicht.

Im Rahmen ihrer Forschung befasste sich auch Silvia Schneider mit den Ursachen: «Überbehütung und hohe Kontrolle der Eltern hängen stark mit Angststörungen der Kinder zusammen», betont sie. «Das Kind kann dann wenig selbst ausprobieren. Wir wissen aber, dass das Temperament des Kindes umgekehrt auch das Elternverhalten steuern kann.»

Wo auch immer die Ursache liegt, die Fachwelt ist sich einig: Es ist nicht eine Frage der Schuld, sondern immer eine ausgesprochene Wechselwirkung zwischen Kind, Familie und Umwelt. «Darum ist ein wichtiges Ziel der Therapie, Kinder und ihre Eltern mutig zu machen», erklärt Susanne Walitza. Dabei bezieht sie auch das Umfeld wie Schule und Kindergarten mit ein.

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