Entwicklung
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Aufgrund von Ängsten die Ferien abbrechen?

Wie Angst den Bewegungsraum einschränken kann, erfuhr die Familie Imhof. Tochter Elena erkrankte mit sechs Jahren an einer ausgeprägten Angststörung. Ihre Mutter Simone hielt in einem Tagebuch – dem «Elena-Buch» – in regelmässigen Abständen die wichtigsten Entwicklungsschritte und Erlebnisse ihrer Tochter fest. Die folgenden Zeilen wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten niedergeschrieben:
«Eine Harnleiterreizung [...] hat dich derart verunsichert, dass du nicht mehr in den Kindergarten gehen wolltest. Es könnte ja schon jemand auf der Toilette sitzen, wenn du dringend müsstest!» | «Moma und ich haben dir die Schuhe zu zweit angezogen, ich habe dich in den Kindergarten getragen, unter grösstem Geschrei.» | «Die Ferien mussten wir abbrechen.»
«Unsere Familie erlebte einen totalen Zusammenbruch.»
Simone über die Angst ihrer Tochter Elena.
Diese paar Sätze lassen erahnen, wie stark die Angst den Alltag der Imhofs beeinflusst haben musste. Mutter Simone sagt: «Unsere Familie erlebte einen totalen Zusammenbruch.» Elena versteckte sich hinter dem Sofa und klammerte sich schreiend an der Wohnzimmersäule fest. Für das Anziehen brauchte es zwei Erwachsene. Ständig waren die Eltern auf Abruf bereit für den Fall, dass sie Elena irgendwo abholen mussten. Elenas kleine Schwester Lilly verbrachte Schulpausen mit ihrer grossen Schwester und die Grosseltern begleiteten ihre Enkelin Mittwoch für Mittwoch in die Psychotherapie.

Wovor hatte das Mädchen solche Angst?

Elena kann sich heute nur vage erinnern. «Ich glaube vor dem Erbrechen», sagt sie. Emetophobie heisst diese spezifische Angststörung im Fachjargon.

Je nach Diagnosesystem und Alter der betroffenen Personen werden Ängste unterschiedlich klassifiziert. Drei häufige Angststörungen im Kindes- und Jugendalter sind die emotionale Störung mit Trennungsangst, die phobische Störung und die Störung mit sozialer Ängstlichkeit – der Einfachheit halber im Folgenden Trennungsangststörung, Phobie und soziale Angststörung genannt. Deutlich weniger häufig treten bei Kindern die generalisierte Angststörung und die Agoraphobie (Platzangst) auf.
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Von einer Angst zur nächsten?

Im Verlauf der Entwicklung wird nicht selten eine Angst durch eine andere abgelöst. 
Im Verlauf der Entwicklung wird nicht selten eine Angst durch eine andere abgelöst. 
«Eine entwicklungstypische Trennungs- und Fremdenangst haben die meisten Kinder ab acht Monaten bis zum Ende des zweiten Lebensjahres. Das Kind lernt zu differenzieren zwischen Bezugspersonen und Fremden. Behält das Kind diese Angst nach dem zweiten Lebensjahr bei, sprechen wir von einer behandlungsbedürftigen Störung.» Etwa 3 von 100 Kindern sind davon betroffen. Sie vermeiden Trennungssituationen, klammern sich an der Bezugsperson fest, weinen, trotzen und reagieren zum Teil aggressiv.
«Du hast dich gewehrt – mit Händen und Füssen. Im wahrsten Sinne des Wortes.» So hielt Simone Badertscher Imhof am 15. Januar 2011 eine Trennungssituation im «Elena-Buch» fest. Hatte das Mädchen eine Trennungsangst? «Die Trennung war für Elena immer ein Thema», sagt die Mutter. «Wir konnten aber zu wenig damit anfangen.» Also wurde diagnostiziert, was Elena so offensichtlich äusserte: die Angst vor dem Erbrechen.

«Für Eltern sind die Ängste nicht immer eindeutig zu unterscheiden», betont Silvia Schneider. Zudem werde im Verlauf der Entwicklung nicht selten die eine Angst durch eine andere abgelöst. «Die Emetophobie sehen wir häufig bei Kindern, die zuvor eine Trennungsangst hatten», so die Kinder- und Jugendpsychologin weiter.

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